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"Inherent Vice" im Kino:Bemerkenswert wenig Actionbrutalitäten

Für eine Detektivgeschichte hat "Inherent Vice" bemerkenswert wenig Actionbrutalitäten - ein schneller Schlag auf Docs Kopf mit einem Baseballschläger, eine verquere Schießerei gegen Ende. In einem entscheidenden Moment überquert Doc frohgemut die Straße und geht auf das große LAPD zu, das sehr, sehr postmodern aussieht, kleine Gruppen von Cops kommen ihm entgegen, und einer von denen rempelt ihn beim Vorbeigehen an, sodass es ihm den schönen Strohhut vom Kopf schlägt und er selber auf die Straße purzelt wie ein Gummiball.

Als Detektiv wie ein Gummiball

Es ist die Geburt des Film noir aus dem Slapstick - des Neonoir, der auch ein Noir der Neonfarben ist, die mit ihrer Monochromie zurückweisen ins alte Hollywood-Schwarzweiß. Die Villa der Wolfmanns hat James Wong Howe ausgeleuchtet, der alte Kamerameister. Docs Gepurzel ist wie die hingebungsvolle Stürze der alten Keystone-Truppe in den Zwanzigern, die James Agee so liebevoll nacherzählte, ein engelhaftes Lächeln, das Rollen der Augen, das Nirvana, wenn man am Boden liegt, mit den Füßen kickt wie ein Frosch . . .

Doc Sportello ist der schönste Fall von Überadaption der letzten Jahre im Kino, sein zotteliges Haar, die Jeans, die ausgelaschten Sandalen machen ihn unangreifbar. Er ist auch als Detektiv wie ein Gummiball, wird in alle möglichen Richtungen geschickt. Sein Büro teilt er mit einem Frauenarzt. Die ganze Stadt ist am Ende sein Fall geworden.

"Wir holten sein Outfit", erklärt Paul Thomas Anderson, "von Neil Young, dem der Siebziger, diese Muttonchops, der buschige Backenbart, und einige der Kleidungsstücke sind direkt von ihm geklaut. Ich denke, man kann keinen Film über diese Zeit und diese Kultur machen, ohne direkt auf Neil Young zu gucken." Natürlich trägt Neil Young auch zur Untermalung des Films bei, eine tolle Liebesszene im Regen.

Schäden, mit denen man rechnen muss

Im Film noir hat das Kino seinen Glauben an die Kraft des Erzählens verloren, und Ende der Sechziger, nach den Morden der Manson-Familie, hat es sich ganz den Intrigen und Komplotten geöffnet - politisch und erotisch. In den Geschichten werden unentwegt neue, andere Geschichten entdeckt. Ein japanischer Monsterfilm, "Ghidorah", das dreiköpfige Monster, wird von Pynchon als Remake von "Roman Holiday/Ein Herz und eine Krone" entlarvt.

Inherent vices sind die Schäden, mit denen man rechnen muss, Gläser und Tassen, die zerbrechen, wenn ein Schiff mit dem Seegang kämpft. Keine Frage der Moral. Wenn Doc zum zweiten Mal vor dem LAPD auftaucht, kniet er zusammengekauert auf dem Weg, eine erschreckende Haltung. Sie ruft die in Erinnerung, die man von den Gefangenen der Amerikaner nach dem 11. September 2001 kennt.

Inherent Vice, USA 2014 - Regie, Buch: Paul Thomas Anderson. Nach dem Roman von Thomas Pynchon. Kamera: Robert Elswit. Schnitt: Leslie Jones. Musik: Jonny Greenwood. Mit: Joaquin Phoenix, Josh Brolin, Katherine Waterston, Owen Wilson, Benicio Del Toro, Eric Roberts, Maya Rudolph, Reese Witherspoon. Warner, 148 Minuten.

© SZ vom 11.02.2015/jobr

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