Ingmar Bergman Der Meister aus Fårö

Ingmar Bergman hätte am Samstag seinen hundersten Geburtstag gefeiert.

(Foto: AFP)
  • Am Samstag hätte der im Jahr 2007 verstorbene Filmemacher Ingmar Bergman seinen hundertsten Geburtstag gefeiert.
  • Zum Jubiläum erscheint die Präsenz von Bergman wieder erstaunlich verstärkt.
  • Die Regisseurin Margarete von Trotta hat etwa einen Dokumentarfilm veröffentlicht, der Archivmaterial zu Bergman und seiner Arbeit zeigt.
Von Fritz Göttler

Es ist die schlimmste Eisenbahnfahrt der Filmgeschichte. Zwei Frauen in einem Abteil, zwei Schwestern, eine hat ihren kleinen Jungen dabei. Sie sind in einem fremden Land unterwegs, das Abteil ist eng und dunkel. Die eine Schwester ist krank, sie krümmt sich auf der Sitzbank. Der Junge reibt sich die Augen, geht auf den Gang hinaus. Aber den Blick durchs Fenster nach draußen, der so oft im Kino Licht und Freiheit verspricht, blockiert ein Güterzug auf dem Nachbargleis, der Panzer befördert. "Das Schweigen" beginnt so, der Film, der Ingmar Bergman den ganz großen Durchbruch brachte - der Skandale wegen, die er in vielen Ländern auslöste: Eine Frau masturbiert, und es gibt zwei knappe Kopulationsszenen. Deutschland war eines der Länder, in denen der Film ungeschnitten in die Kinos kam (nur in den Kirchen wurde vor einem Besuch gewarnt). In Frankreich, dem Kinoland par excellence, wurde er verboten.

Lange Zeit war der Name Ingmar Bergman bei uns vor allem bekannt, weil bei jedem neuen Woody-Allen-Film beiläufig darauf verwiesen wurde, dass der Meister aus New York sich zum Meister aus Fårö, wohin sich Bergman in seinen letzten Jahren zurückgezogen hatte, bekannte. Zum Hundertsten an diesem Samstag erscheint die Präsenz von Bergman wieder erstaunlich verstärkt. Die schwedische Botschaft veranstaltet mit dem Babylon-Kino in Berlin eine Retrospektive mit 60 Filmen, zu der auch (am 16. und 17. Juli) Liv Ullmann anreist. Es gibt die obligatorische Zehner-DVD-Box (Studiocanal), außerdem sind Bergmans autobiografische Aufzeichnungen "Laterna Magica" neu aufgelegt (Alexander-Verlag), von seiner Tochter Linn Ullmann kam der Roman "Die Unruhigen" heraus (Luchterhand). Und zwei Dokumentationen entstanden zu seinem Leben und Schaffen, von zwei Frauen: Margarethe von Trotta (zusammen mit ihrem Sohn Felix Moeller), Donnerstag in den Kinos angelaufen, und von der Schwedin Jane Magnusson, gezeigt beim Münchner Filmfest. (Ein weiterer Film dort reflektierte Bergmans Präsenz, "First Reformed" von Paul Schrader, der Bergmans "Licht im Winter" neu erzählt, über einen Geistlichen, der seines Glaubens unsicher wird und sich vornimmt, ein knallhartes Zeichen zu setzen gegen die Umweltverschmutzung.)

Ingmar Bergman, geboren am 14. Juli 1918, gestorben am 30. Juli 2007, scheint ein komplizierter Charakter gewesen zu sein und ein übergriffiger Künstler par excellence. Er hatte enge Beziehungen zu seinen Schauspielerinnen, und immer wieder griff er in seinen Filmen die Leidenschaften und das Leiden der Frauen auf, ihre Obsessionen und Qualen, die uns die menschliche Situation allgemein und die moderne Gesellschaft illustrieren sollten. Es gibt viele Frauenpaare, in "Das Schweigen" oder "Persona", die Filme spielen auf Entbindungsstationen oder auf mondänen Landsitzen, die von Frauen bewohnt werden. Filme tragen Titel wie "Sehnsucht der Frauen", "Frauenträume" oder "Ach, diese Frauen". Die Männer werden markiert von hartnäckigen Erinnerungen an Frauen.

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Bergman hat sich nie als politischer Filmemacher verstanden. In der Jugend kam er als Austauschschüler nach Deutschland und erlebte auch eine Nazi-Parteigroßveranstaltung in Weimar, mit dem "Führer". "Ich hatte noch nie etwas gesehen, was diesem Ausbruch unermesslicher Kraft gleichkam", schreibt er in "Laterna magica", "ich reckte den Arm wie alle anderen in die Höhe, schrie wie alle anderen, liebte wie alle anderen." Nach dem Kriegsende dann: Beschämung, Verzweiflung, Selbstverachtung. Und: keine Politik mehr.

1957 war Bergman hyperproduktiv

Bergmans Filme habe sie erstmals mit achtzehn gesehen, erzählt Margarethe von Trotta in ihrem Film, als sie in Paris studierte. "Das siebente Siegel" hat sie zur Regie verleitet. Sie zeigt eine Menge Archivmaterial zu Bergman und seiner Arbeit, dazu Gespräche mit Bergmans Schauspielerinnen und Söhnen und mit Filmemachern und -macherinnen, meist jungen, die erklären, was Bergman für sie bedeute: Olivier Assayas, Mia Hansen-Løve, Carlos Saura, Ruben Östlund. (Jane Magnusson hat in ihrem Film auch noch Lars von Trier, der sagt, er verdanke Bergman alles, "dem verdammten Drecksack".)

Es ist stärker als über Bergman ein Film über Margarethe von Trotta selbst geworden - was manchmal irritierend ist, aber sie nimmt den Begriff der Suche sehr ernst, akzeptiert deren Mischung aus Hingabe und Unsicherheit. Überraschend ist ihre Liebe zu Bergman allemal, in der Landschaft des Jungen Deutschen Films, der sich lieber zum deutschen Stummfilm oder zu den großen Amerikanern bekannte - und weil Margarethe von Trotta, als Darstellerin und als Regisseurin, eher politisches Kino machte. Man kann in ihrem Film erkennen, wie ins Persönliche immer Politisches involviert ist. Bergman hat Trottas ,"Die bleierne Zeit" geliebt, die Geschichte der Ensslin-Schwestern, eingeschlossen in eine hart und hermetisch werdende Gesellschaft, hat ihn auf eine Liste der Filme gesetzt, die ihm wichtig waren.

Im Jahr 1957 war Bergman hyperproduktiv: zwei tolle Filme, "Das siebente Siegel" und "Wilde Erdbeeren", ein grandioser, erfolgreicher "Peer Gynt" im Malmöer Stadttheater, eine Fernseh- und eine Radiosendung, Erschöpfung und Krankenhausaufenthalt. Immer wieder sieht man ihn mit der obligatorischen schwarzen Baskenmütze zu Drehorten an der steinigen Küste stiefeln, der rastlose Schöpfer, aber auch höchst empfindlich. Als die schwedische Steuerbehörde ihn wegen Betrugs verfolgte, fühlte er sich gedemütigt und floh nach München, wo er am Residenztheater inszenierte und in Geiselgasteig "Das Schlangenei" drehte, eine Geschichte aus der Depression in Deutschland. Sein Theaterstil wurde als veraltet kritisiert, das "Schlangenei" war ein Flop, über seine früheren Filme wurde nicht mehr gesprochen. Oft zog er sich, nach der Rückkehr, in seinen kleinen Vorführraum auf Fårö zurück, schaute sich alte Filme an, schwarz-weiß und stumm. Erst mit den "Szenen einer Ehe" und dem magischen Kindheitsstück "Fanny und Alexander" kam wieder ein Erfolgsschub.

Man sieht den strengen, manipulativen Bergman erstaunlich oft ganz lässig und lachend in den Filmen von Jane Magnusson und Margarethe von Trotta, wenn er in seinen Regisseursstuhl kriecht und das eine Bein schlaksig über das andere legt. 1983 hat ihn Serge Daney von der Libération besucht, gemeinsam haben sie vom Fernsehen gesprochen, vom - natürlich! - Tennis und von "Dallas", das Bergman regelmäßig anschaute: "Der schlechte Geschmack ist so grenzenlos, dass es mich echt fasziniert." Auch bei Dick Cavett ist er ganz entspannt, dem sagenhaften amerikanischen Talkmeister, der kam mit seinem Team 1971 nach Stockholm geflogen für ein Gespräch mit Bergman. Sie sind ganz schön nervös, sagt er zu Cavett. Der verwechselt beim Anmoderieren tatsächlich gleich einen Filmtitel, und beinahe wäre ihm noch ein Ingrid statt Ingmar Bergman rausgerutscht.

In Deutschland ist Bergman ein echter filmischer Autor nie geworden. In den Fünfzigern stand sein Name für skandinavische Natürlichkeit (und Nacktheit: Harriet Andersson und die "Zeit mit Monika"!), von "Das Schweigen" an mühte man sich mit den existentialistischen, religiösen, psychologischen Fragen ab, von denen die Filme überquollen. Ein Fall für die Filmkunst. Wie Bergman Körper und Gesichter filmt, dafür hatte man keinen Blick. Die Franzosen hatten es vorgemacht. Ein Film von Bergman, schrieb Jean-Luc Godard 1958 in den Cahiers du cinéma, "ist, wenn man so will, eine Vierundzwanzigstelsekunde, die eine Metamorphose durchmacht und sich dehnt zu eineinhalb Stunden. Das ist die Welt zwischen dem zweimaligen Zucken der Wimpern, die Traurigkeit zwischen zwei Herzschlägen, die Lebensfreude zwischen zweimaligem In-die-Hände-Klatschen." In François Truffauts erstem Film "Les 400 coups" klauen der junge Jean-Pierre Léaud und sein Kumpel Aushangfotos mit Harriet Andersson als Monika. Das ist die schönste Hommage an den Filmautor Ingmar Bergman.

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