Nachruf auf Inge Poppe:Und es kamen alle!

Die Schriftstellerin Inge Poppe in ihrer Autorenbuchhandlung in München Deutschland 1970er Jahre W

Inge Poppe in ihrer Autorenbuchhandlung in München.

(Foto: United Archives/imago stock&people)

Anfang der Siebzigerjahre war Schwabing Mittelpunkt der literarischen Welt. Und Inge Poppe hatte mit ihrer Autorenbuchhandlung großen Anteil daran. Schriftsteller Michael Krüger erinnert sich.

Gastbeitrag von Michael Krüger

Als ich Ende der Sechzigerjahre aus dem rauen, geteilten Berlin nach München kam, erlebte ich den letzten Abglanz der Boheme, die diese Stadt einmal berühmt gemacht hat. Man wurde zum Tee bei Christiane Zimmer eingeladen, der Tochter Hugo von Hofmannsthal, die noch auf den Knien von Rilke gesessen hatte, oder zum Scotch bei Eva Hesse, die von ihrem letzten Besuch bei Ezra Pound berichtete. Schon damals gab es die Bayerische Akademie der Schönen Künste, aber keiner musste austreten, weil keiner Mitglied war. Es gab überall bezahlbare Wohnungen in Schwabing, in denen der Junge Deutsche Film (die Regisseure, Kameraleute, Schauspieler), die Maler und Musiker lebten, und keiner hatte etwas dagegen, den algerischen Wein in Fünf-Liter-Flaschen auszuschenken. Gewiss gab es auch in München Krawalle, aber sie gingen in der Regel gut aus, weil jeder instinktiv wusste, dass es nach dem Ende der Revolution bürgerlich weiterging.

Anfang der Siebzigerjahre war Schwabing noch einmal oder zum letzten Mal der Mittelpunkt der literarischen Welt (nicht nur Münchens). Es gab zwei Hauptquartiere, eines in der Giselastraße und eines in der Wilhelmstraße, um die Ecke von der Münchner Freiheit. In dem Haus in der Giselastraße lebten der Schriftsteller und Marathonläufer Günter Herburger mit Familie, die Schriftstellerin Gisela Elsner und der damals als Hörspielrevolutionär bekannte Volksschullehrer Paul Wühr mit seiner Frau Inge Poppe, die im Hanser Verlag für Auslandsrechte zuständig war.

In der Wohnung von Inge und Paul wurde die Gründung der genossenschaftlich organisierten Autorenbuchhandlung beschlossen, die dann in der Wilhelmstraße eröffnet wurde. Ich sehe die Gründungsmitglieder in Wührs Wohnung noch vor mir, mehr liegend als sitzend: Martin Gregor-Dellin, der Wagner-Biograph, Tankred Dorst, der damals mit seinem "Toller" berühmt geworden war, Jürgen Kolbe, der spätere Kulturreferent Münchens, Christoph Buggert und Peter Laemmle vom BR, Fritz Arnold vom Hanser Verlag, Sohn des legendären Simplizissimus-Zeichners Karl Arnold, Jörg Drews, Literaturkritiker der SZ, der immer gut gelaunt für eine experimentelle Literatur kämpfte, der ominöse Carl Werner, von dem gemunkelt wurde, er sei ein unehelicher Spross der Hohenzollern, Christian Enzensberger, der an seiner materialistischen Literaturtheorie arbeitete und für die Kammerspiele Edward Bond übersetzte, der berühmte Kritiker Reinhard Baumgart, der für die Veränderungen eine Sprache suchte (und fand), die unerhört belesenen Filmtheoretiker Enno Patalas und Frieda Grafe, bei denen man Truffaut und Godard kennenlernen konnte, Kuno Raeber, Barbara König, der deutsch schreibende persische Dichter Cyrus Atabay, Klaus Voswinckel und seine Frau, Schriftsteller und Filmer, der Arzt Ernst Augustin, der in der Kaiserstraße beim TÜV als Gutachter wirkte und am Abend seine großartigen Romane schrieb, die AutorenEdition mit Heinar Kipphardt, Uwe Timm, Roman Ritter. . .

Inges hartnäckiger Freundlichkeit hat sich noch jeder gebeugt

Im Handumdrehen waren es mehr als hundert Mitglieder aus ganz Deutschland, die Inge Poppe beisammen hatte, von Heinrich Böll bis Gerhard Zwerenz. Alle trieb damals die Sorge um, dass die Kettenbildung im Buchhandel den unabhängigen Buchhandel zerstören könne, so wie der Bertelsmann-Konzern damals die Neigung zu verspüren begann, andere Verlage aufzukaufen, um sie zu bertelsmannisieren beziehungsweise zu randomisieren oder neuerdings zu penguinisieren, wie sie das mit dem ehemals literarischen Limes-Verlag geschafft hatten.

In der Mitte dieser milde chaotischen Zustände stand Inge Poppe in "unserem" zu einer Buchhandlung umgebauten Ladengeschäft und versuchte genug Umsatz zu machen, um die Autorenbuchhandlung am Laufen zu halten. Da es eine Attraktion der Buchhandlung war, dass alle lieferbaren Bücher der Gesellschafter lieferbar sein mussten, geriet Inge in Raumnot. Manche Autoren - und nicht die schlechtesten - gerieten in die zweite Reihe, und ihre Bücher mussten wieder hervorgeholt werden, wenn sie zur Lesung kamen. Und es kamen alle! Inges hartnäckiger Freundlichkeit hat sich noch jeder gebeugt. Und sie konnte garantieren, dass die Bude immer vollbesetzt war.

1986 zogen Inge und Paul Wühr nach Italien, nach Passignano am Trasimenischen See, wo Paul, der sich mit bayerischer Insistenz weigerte, Italienisch zu lernen, seine großen Bücher schrieb, und Inge, wuselig wie immer, Colloquien veranstaltete und die Paul-Wühr-Jahrbücher ins Leben rief - ihr Haus war eine Fortsetzung der Autorenbuchhandlung mit italienischen Mitteln. Paul Wühr starb, hoch geehrt, 2016, am Freitag ist ihm Inge im Alter von 77 Jahren gefolgt.

Michael Krüger war viele Jahre lang literarischer Leiter und Geschäftsführer des Hanser-Verlages in München, danach Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Er schreibt Essays, Romane und Gedichte.

© SZ/sks
Zur SZ-Startseite

SZ PlusKolumne "Was folgt", 4. Folge
:Fast alle sind jünger als ich - nur die Viren sind älter

Schriftsteller Michael Krüger gibt aus der Einöde einige unerbetene Ratschläge und vor allem Leseempfehlungen, um genau jetzt nicht dem Wahnsinn anheimzufallen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB