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Im TV: Böseckendorf:Unser Dorf soll schöner werden

Bekömmlich aufbereitete Geschichte in Nachkriegslumpen: Sat 1 erzählt von einer DDR-Gemeinde, die zusammen rübermachte.

Ein Bauer zieht einer Vogelscheuche auf dem Feld ein FDJ-Hemd an. Ein schönes Detail. Wir befinden uns im thüringischen Grenzort Böseckendorf. Im Jahr 1961, zwei Monate nach dem Mauerbau, scheint dort niemand Lust zu haben, sein Feld, von Soldaten bewacht, im Grenzgebiet zu bestellen. Niemand will seine Kühe in den Stacheldraht treiben. Und schon gar niemand will sich in eine LPG umwandeln lassen. Böseckendorf, ein 300-Leute-Nest, ist ein Dorf, das zusammenhält, wie in "Lang lebe Ned Divine", renitent wie in "Asterix gegen die Römer".

Immer der Pastete nach: Die Böseckendorfer machen rüber, über Nacht.

(Foto: Foto: dpa)

Die Klischees in diesem Film stimmen. Gleich in einer der ersten Szenen stehen sich ein korrupter hässlicher ostdeutscher Grenzbeamter und ein schnieker Wessi mit teurem Haarschnitt und gut sitzendem Anzug gegenüber. Der Grenzer sagt Sachen wie "Gofforraum auf!", der Wessi sagt Sachen wie "Der Markt bestimmt meine Reisewege."

In kleinen Tante-Emma-Läden menschelt's, trotz Klopapier-Engpass. Ulbricht quäkt im Radio, alte Trabis tuckern, keuchende Flüchtlinge rennen durch die Wälder, und Horst Janson, "der Bastian", spielt den Dorfpfarrer im Talar. Wir sehen ein Fleckchen unumstößliche Heimat. So war das damals an den Grenzen des Arbeiter- und Bauernstaates.

Anna Loos als Schlepperin Tonja zeigt mit Gewinn ihr nacktes Gesicht. Ihre Gegenspielerin, "Genossin Marx" (Rebecca Immanuel), erkennt man auf den ersten Blick als typische Parteigenossin: an ihrer hölzernen Art zu sprechen und zu laufen. Daran, wie böse, bleichlippig und aufgehetzt sie ihren Text spricht. Tonjas Mann, der Kommunist Manni (Thure Riefenstein), Bürgermeister von Böseckendorf, erfährt von der geplanten "Operation Kornblume", der die komplette Umsiedlung der "renitenten Landfürze" (Bezirkssekretär) vorsieht.

Was nun?

Während sich die Lage zuspitzt, gräbt Harald, der alerte Wessi (Andreas Pietschmann), an der blondbezopften Tonja herum. "Champagner, ein sehr guter Brie, Entenpastete", das hört man gern, wenn man sich aus Klopapiermangel den Arsch mit Walter-Ulbricht-Leitartikeln putzen muss. Und dann schenkt Harald Tonja auch noch eine Rock'n'Roll-Platte. Manni findet das gar nicht komisch, dass sich seine Frau mit einem trifft, der ihr "annen Schlüpper will".

Aber das sind nur Nebenstränge. Das Eigentliche wird von einem alten Ehepaar im Film gesagt. Zwei Sätze, um die sich alles rankt: "Karl, wir gehen nach drüben." - "Aber soll ich mein Land verlassen?" Keine leichte Entscheidung. Soll man anderswo noch mal anfangen? Haus und Hof Fremden überlassen? Hat man überhaupt eine Wahl?

"In 'nem Land, wo man Angst vorm eigenen Schatten haben muss, da will ich nicht mehr weiterleben", sagt Tonja. Ist es der Brie? Ihr Traum von Paris? Die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung? Was immer es ist, es siegt. Ein halbes Dorf haut ab. Hals über Kopf. Bei Nacht und Nebel. "Auf manchen Tischen stand noch ein Teller mit dampfender Suppe", sagt später ein Grenzpolizist. So war es damals wirklich, 53 Menschen, 14 Familien. Wenn das kein Stoff für ein Event-Movie ist.

Ein Event-Movie, das heißt, die historisch verbriefte Wahrheit wird mit Trommelwirbel und anderen dramatischen Musikeffekten unterlegt. Wahres, Halbwahres und Ausgedachtes wird butzenscheibenartig zusammengepuzzelt. Der Zuschauer kriegt das Gefühl bekömmlich aufbereiteter Geschichte.

Hat eine blonde Schlepperin damals wirklich mit einem Wessi Pastete gegessen? Vielleicht ja, vielleicht nicht, aber falls nicht, dann ist die Geschichte neu erfunden worden: Wir tauschen unsere Geschichtsbücher ein gegen einen ganzen DVD-Schrank voller Event-Movies. Dieser 20-Jahre-Mauerfall-Herbst hält sicher noch viele für uns bereit. Die Abbildung überlagert mittlerweile die Erinnerung. Sicher, jede Ballonmütze, jedes Konsum-Schild, jeder rundgelutschte, alte IFA-Bus ist mit Liebe ausgewählt. Aber Requisite und fade Nachkriegslumpen machen noch keine Geschichte lebendig. Oder, wie Thure Riefenstein im Film sagt: "Die halbe Wahrheit ist immer noch 'ne ganze Lüge."

Böseckendorf - die Nacht, in der ein Dorf verschwand, Sat 1, 20.15 Uhr; danach die Dokumentation zum Thema: Grenzfall Böseckendorf, Sat 1, 22.25 Uhr.