Im Kino: Source Code Suche nach dem Ich

"Source Code" heißt das Unternehmen, um das es hier geht, der Mann Colter Stevens ist offenbar begabt, sich in andere Körper zu versetzen: jeweils für acht Minuten - zum Beispiel den des Lehrers. Seine Fähigkeit wird sofort ausgenutzt von Militärs und von Politikern.

"This is beleaguered castle", sagt die Frau im Monitor: "Are you functional?" Mentaler Belagerungszustand im Dienste der guten Sache. Der Pendlerzug nach Chicago ist durch einen Terroranschlag in die Luft gejagt worden, keine Überlebenden. Der Täter - ein verwirrter Amerikaner - hat weitere Bomben angekündigt für die nächsten Stunden. Der Zug ist nicht mehr zu retten, die Vergangenheit nicht zu ändern. Aber weitere Anschläge könnten verhindert werden, wenn man herausfinden kann, wer der Täter ist - indem man Sean in den Zug zurück versetzt.

Langsam, ganz langsam kommt Sean - so wollen wir den jungen Mann nun nennen - zu sich, findet Spuren, entwickelt eigene Erinnerungen. Duncan Jones macht hybrides Kino, das aufregendste, das derzeit denkbar ist, mit einem beschränkten Budget, aber die großen Vorbilder von Kubrick bis Ridley Scott unverkennbar im Blick. Sein erster Film "Moon" war eine kleine Studie in Einsamkeit: ein Mann allein in einer Station auf dem Mond.

"Source Code" entwickelt ein Zeitreisemodell fürs Internetzeitalter - für eine Zeit, in der Wissenschaftler durch Retina-Implantate Blinde sehend machen oder das Gehirn direkt mit der Umwelt verbinden wollen. Nicht Körper werden transportiert, der Anschluss mit anderen Zeiten und Welten funktioniert psychisch. Informationen werden von einer Ebene auf die andere transportiert.

Der Film ist ein Gegenstück zu "24", er spielt in Echtzeit, aber durch die verschachtelten Zeitsprünge wird der Begriff der Zeit aufgelöst. Und der des Bewusstseins, das sie erfährt. Der Recherche unter Zeitdruck - den Täter finden, bevor er die nächste Bombe zünden kann - kontrastiert die andere Recherche, die einem ganz anderem Rhythmus folgt, die Suche nach dem Ich.

Was Sean/Colter durchzieht, ist die absolute Entfremdung, herumlaufen mit einem fremden Gesicht und Körper. Ein Fremdkörper sein. Das Bild, das der Mann - und wir im Kino - haben, ist nicht das der Menschen um ihn her. Die Basis der Identifikation wackelt bedenklich - wie es sich in Zugfilmen gehört.

Die ersten Minuten von "Source Code" gehören zu den schönsten, zartesten, geheimnisvollsten der letzten Jahre. Sie zeigen das Kino als ein Medium der Aufmerksamkeit, des Aufmerkens. Man erkundet die Welt mit den Figuren, und am Ende wird man womöglich auch mit ihnen daran glauben, dass der Wechsel in eine andere Welt möglich ist. "Cloud Gate" heißt die gewundene, silbrige, die Umwelt in sich aufnehmende Skulptur von Anish Kapoor, vor der wir uns am Ende finden.

SOURCE CODE, USA/F 2011 - Regie: Duncan Jones. Buch: Ben Ripley. Kamera: Don Burgess. Schnitt: Paul Hirsch. Musik: Chris Bacon. Mit: Jake Gyllenhaal, Michelle Monaghan, Vera Farmiga, Jeffrey Wright. Kinowelt, 93 Minuten.

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