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Im Kino: Männer al dente:Suizid mit Sahnetörtchen

Tommaso will sich outen, doch plötzlich sagt sein großer Bruder: "Ich bin schwul". "Männer al dente" ist eine bittersüße Komödie, die ihren deutschen Titel nicht verdient hat.

Susan Vahabzadeh

Träume sind von Haus aus schöner als die Wirklichkeit, nichts Irdisches könnte jemals so vollkommen sein. Die Großmutter der Familie Cantone hält sich fest daran, dass sie das glaubt. Nur die unerfüllte Liebe bleibt für immer, sagt sie. Mit der Rückblende auf ihre missglückte Hochzeit beginnt Ferzan Ozpeteks neuer Film "Mine vaganti". Als junge Frau hat sie den falschen Cantone geheiratet, eigentlich hat sie, im Stillen, ihr Leben lang ihren Schwager geliebt. In ihrer Phantasie liegt er immer noch neben ihr, jung wie damals, keine Enttäuschung und kein Alltag hat diese Liebe trüben können.

Männer al dente

Was schwul ist, und wie man sich da verhält, bleibt in diesem Film schön in der Schwebe: Alba (Nicole Grimaudo) ist der Schwarm des schwulen Tommaso (Riccardo Scamarcio), hier mit dessen Freund Marco (Carmine Recano).

Seinen deutschen Titel, "Männer al dente", hat "Mine vaganti" - was umherirrende Mine bedeutet - nicht verdient, trotz ein paar klamaukiger Ausbrüche - ein Männerwasserballet etwa und ein Suizid mit Sahnetörtchen - ist "Mine vaganti" eher melancholische, bittersüße Komödie denn Klamotte. Die Nonna (Ilaria Occhini) hat einen scheinheiligen Sohn und drei zauberhafte Enkel, der jüngste, Tommaso (Riccardo Scamarcio) hat Lecce und die Pasta-Fabrik der Familie verlassen, um in Rom zu studieren. BWL, glauben alle - aber nun kommt er nach Hause und gesteht seinem Bruder Antonio (Alessandro Preziosi), dass das gar nicht stimmt. Literatur hat er studiert und einen ersten Roman geschrieben und an einen Verlag geschickt - und auf die Antwort wartet nun der Lebenspartner, von dem keiner in der Familie etwas ahnt - Marco.

Fasziniert von Stöckelschuhen

Tommaso hat beschlossen, den Eltern, wesentlich konservativer und der Erhaltung bürgerlicher Fassaden verschrieben, als man einer solchen Großmutter wünschen würde, die Wahrheit zu sagen. Vor dem neuen Geschäftspartner, beim Abendessen, will er sich outen. Antonio nimmt das ruhig hin. Aber als Tommaso am Abend zu Tisch ansetzt, seine Enthüllung hinauszuposaunen, fällt ihm Antonio ins Wort und sagt: Ich bin schwul. In das Chaos, dass er - der Vater wirft ihn raus und kriegt einen Herzinfarkt, der kleine Bruder muss die Geschäftsführung der Pastafirma übernehmen und traut sich nicht, auch noch mit der Wahrheit rauszurücken - damit anrichtet, müssen die Cantones dann erst einmal eine neue Ordnung bringen.

Ozpetek macht etwas, was das neue italienische Kino sich meistens versagt - er genießt Italien, er gewinnt der Landschaft und den alten Häusern, verwinkelten Gassen und prächtigen Piazzas und den spießigen Großbürgern ihre reizvollsten Seiten ab. Vor allem aber lässt er dabei alles schön in der Schwebe - was schwul ist und wie man sich da verhält und welche Vorstellung vom Leben nun die richtige ist.

Ozpetek, selbst eine mine vaganti, kommt mit Muße und Charme vom Weg ab und liest noch ein paar weitere Handlungsstränge auf, die dann doch essenziell sind im Film - wie die Rückblenden, die irgendwann wie von selbst mit der Gegenwart zusammenfließen, und wie die Geschichte mit Alba (Nicole Grimaudo), die eigentlich ihrem Vater längst den Job abgenommen hat und die neue Geschäftspartnerin ist, und in die Ozpetek den schwulen Tommaso sich ein wenig verlieben lässt. Fasziniert starrt er ihren Stöckelschuhen nach - was fast so schön ist wie der Blick, mit dem Almodóvar, mit unschuldiger Erotik, seine wunderbaren Frauenfiguren betrachtet.

Nun ist den Menschen, davon handelt die Geschichte ja dann eigentlich doch, die Phantasie nie genug. Sie wollen ihre Sehnsüchte leben; aber der Satz über die Vollkommenheit der unerfüllten Liebe gehört zu jenen Weisheiten, die man zumindest für die Dauer eines Films gern ins Herz schließt. Für sich selbst hat die Großmutter jedenfalls recht; und außerdem hat sie lange vor allen anderen kapiert, dass auch das Chaos eine Ordnung ist.

MINE VAGANTI, Italien 2010 - Regie: Ferzan Ozpetek. Buch: Ivan Cotroneo, Ferzan Ozpetek. Kamera: Maurizio Calvesi. Mit: Riccardo Scamarcio, Nicole Grimaudo, Alessandro Preziosi, Ennio Fantastichini. Prokino, 116 Minuten.

© SZ vom 16.07.2010/kar
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