Ausstellung: Klischees von Juden und Anderen:Immer der Nase nach

Vom Büchernörgele bis hin zum Juden mit der Krummnase: Eine Ausstellung im Jüdischen Museum in München zeigt, wie schnell populäre Klischees in Antisemitismus und Rassismus umschlagen. In Bildern.

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Spazierstock, Jüdisches Museum Berlin/Jüdisches Museum Wien

Quelle: Jüdisches Museum Berlin / Jüdisches Museum Wien

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Vom Büchernörgele bis hin zum Juden mit der Krummnase: Eine Ausstellung im Jüdischen Museum in München zeigt, wie schnell populäre Klischees in Antisemitismus und Rassismus umschlagen. In Bildern.

Spazierstock mit Spezialgriff: Der Kopf trägt eine jüdische Kippa. Das Bild vom Juden mit der langen Nase - es ist nur eines der Klischees, mit denen sich die Sonderausstellung im Jüdischen Museum in München "Typisch! Klischees von Juden und Anderen!" (6. Oktober 2010 bis 6. März 2011) beschäftigt. Die Schau soll zeigen, wie pauschalisierte Bilder entstehen. 

Nasen,  ddp

Quelle: ddp

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Und sie soll helfen, diese Bilder zu hinterfragen. Zum Beispiel mit Hilfe des Kunstwerks "49 Jewish Noses" des US-amerikanischen Künstlers Dennis Kardon, der Nasenabdrücke bekannter jüdischer Mitmenschen aus den Jahren 1993 - 1995 gesammelt hat. Dass es eine "Judennase" geben soll, führt der Künstler damit einfallsreich ad absurdum. Sind doch die Riechorgane hier tatsächlich in allen Formen und Größen vertreten.

Maurice Schwartz, Jüdisches Museum Berlin

Quelle: Jüdisches Museum Berlin / Jüdisches Museum Wien

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Warum Juden typischerweise lange Nasen zugeordnet werden, warum Schwarze als bessere Athleten gelten - solche und andere Fragen stehen im Mittelpunkt der fünfmonatigen Schau. "Antisemitismus und andere Formen von Rassismus wollen wir anhand von realitätsnahen Objekten darstellen", sagt Chefkuratorin Felicitas Heimann-Jelinek. Die Ausstellungsexponate stammen zu einem großen Teil aus der Sammlung Schlaff, die die Stadt Wien dem dortigen Jüdischem Museum überantwortet hat.

Gezeigt werden Kunstwerke, Fotografien und Filmausschnitte aus dem vergangenen Jahrhundert. Zum Beispiel wie sich Schauspieler Maurice Schwartz in drei Handgriffen ...

Maurice Schwartz, Jüdisches Museum Berlin

Quelle: Jüdisches Museum Berlin / Jüdisches Museum Wien

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... am New Yorker Yiddish Art Theater, 1947/48, ...

Maurice Schwartz, Jüdisches Museum Berlin

Quelle: Foto: Jüdisches Museum Berlin / Jüdisches Museum Wien

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... in den Juden Shylock aus Shakespeares Kaufmann von Venedig verwandelt. Vollbart, Schläfenlocken und Kopfbedeckung - so schnell geht das.

Die Ausstellung will einen Überblick verschaffen über das schablonenhafte Sehen, Wahrnehmen und Zuordnen von Bildern und Dingen. Im Zentrum steht das Phänomen, dass Stereotype und Klischees fester Bestandteil unseres Denkens und Fühlens sind und immer wieder aufs Neue bestätigt und popularisiert werden. Sie formen unser Bild von uns selbst und vom "anderen" und prägen unsere Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder Nation in Abgrenzung von anderen. Typisierungen und Klassifizierungen, so sagt Chefkuratorin Heimann-Jelinek, sind zwar aus der populären Kultur nicht wegzudenken. Denn sie helfen uns mit dem Mittel der Vereinfachung, unsere Angst vor dem Unbekannten und Fremden zu bewältigen. Doch liefern sie auch das Material für rassistische Ideologien.

Der Giftpilz, Jüdisches Museum Berlin, Jüdisches Museum Wien

Quelle: Jüdisches Museum Berlin / Jüdisches Museum Wien

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"Rassenkunde" im Schulunterricht: Das Bild aus Der Giftpilz: ein Stürmerbuch für Jung und Alt, zeigt, welche Klischees 1938 in deutsche Klassenzimmer Einzug hielten.

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Quelle: Franz Kimmel / Jüdisches Museum München

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Der Bücher-Nörgeli sorgte in den 1990er Jahren für empörte Reaktionen. Die Figur, mit deren Hilfe Michael Ende in seinem Märchen Wunschpunsch literarisch an Marcel Reich-Ranicki Rache nahm, zeigt den Literaturkritiker als dreidimensionale Karikatur - mit stark überzeichneten physiognomischen Eigenschaften, worin viele Betrachter Parallelen zu den nationalsozialistischen Stürmer-Karikaturen sahen.

Menschenrassen, Nordwestdeutsches Schulmuseum Bohlenbergerfeld

Quelle: Jüdisches Museum Berlin / Nordwestdeutsches Schulmuseum Bohlenbergerfeld

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Mit diesem Wandbild wurde vor nur 100 Jahren "Völkerkunde" unterrichtet: Die "fünf wichtigsten Menschenrassen", Dresden, um 1900.

Wann schlagen verallgemeinernde Zuschreibungen um in Schubladendenken, dumpfe Vorurteile und Ressentiments? Wann werden sie nationalistisch, antisemitisch oder rassistisch? Diesen Fragen will die Ausstellung nachspüren.

Barbie, Jüdische Barbie, Jüdisches Museum Berlin/ Jens Ziehe

Quelle: Jüdisches Museum Berlin / Jens Ziehe

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Unter anderem auch anhand von populärkulturellen Objekten, Nippes und historischen Sammlerstücken, die stereotype Botschaften im Alltag verbreiteten. Wie diese jüdische Barbie mit Gebetsriemen (Tefillin) an Arm und Kopf von Jen Taylor Friedman, New York 2007.

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Quelle: Franz Kimmel / Jüdisches Museum München

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Apropos Barbie: In der Ausstellung ist eine ganze Barbie-Vitrine zu sehen mit Puppen aus der Serie "Dolls of the World". Ob Nationalität oder Religion - die stereotypen Muster zaubern aus unserer Barbie-und-Ken-Blondine in Windeseile eine Pocahontas. Ausgestellt ist auch die Fulla-Barbie, das züchtige, arabische Gegenstück der US-amerikanischen Barbie: ohne Ken, dafür mit großem Beschützer-Bruder im Hintergrund, wie es sich "gehört".

Barbie, Jüdisches Museum Berlin/ Jens Ziehe

Quelle: Jüdisches Museum Berlin / Jens Ziehe

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Hier zu sehen: die Barbie mit traditioneller chinesischer Tracht und Stäbchen im Haar. Die Puppen sollen verdeutlichen, wie äußerliche Zuordnung funktioniert: durch Kleidung, Haut-, Haarfarbe und typische Gebrauchsgegenstände.

Jüdisches Museum München, Ausstellung: Typisch! Klischees von Juden und Anderen

Quelle: BPK, Corbis, DHM, AKG

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Inhalt der Ausstellung sind auch frühere Original-Werbeplakate aus mehreren Ländern. Zum Beispiel dieses hier. "Die sind so brutal rassistisch, dass es einem den Atem verschlägt",  sagt Chefkuratorin Heimann-Jelinek. Allerdings hätten solche Plakate zu ihrer Zeit kaum Aufmerksamkeit erregt, "weil sich die Stereotype gesellschaftlich verfestigt hatten".

Jüdisches Museum München

Quelle: Jens Ziehe / Jüdisches Museum Berlin

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Viele Klischees haben ihren Ursprung in der Wissenschaft. Auch das zeigt die Ausstellung. Zum Beispiel mit der Hautfarbentafel des Ethnologen Felix von Luschan aus dem Jahr 1905. Bis in die 1940er Jahre diente sie Forschungsreisenden als "rassisches" Klassifikationskriterium.

Brook Andrew, Tolarno Galleries/Jüdisches Museum Berlin

Quelle: Jüdisches Museum Berlin / Tolarno Galleries

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Mit solchen "Rassenklischees" wiederum spielt der australische Künstler Brook Andrew, selbst von indigener australischer und schottischer Abstammung. Einen Spieß durch die Nase, Federschmuck, chinesische Schriftzeichen und "Sexy and Dangerous" auf der Brust - durch seine überzogenen Bilder macht er auf das verzerrte Bild des pittoresken Wilden aufmerksam. Klischee prallt auf Wirklichkeit.

Immer wieder also durchbrechen künstlerische Arbeiten die Ausstellung, die sich kritisch oder selbstironisch mit den dargestellen Themen auseinandersetzen. Im direkten Vergleich erhalten die Besucher die Gelegenheit den in den Typisierungen latent vorhandenen, boshaften Kern der Diffamierung zu entdecken.

Die Ausstellung ist vom 6. Oktober 2010 bis zum 6. März 2011 täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 6,00 Euro, ermäßigt 3,00 Euro.

© sueddeutsche.de/Sarah Ehrmann/hai
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