"Das Erwachen der Macht":Keusch trotz aller Opulenz

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"Das Erwachen der Macht": Sturmtruppler in "Star Wars, Episode VII"

Sturmtruppler in "Star Wars, Episode VII"

(Foto: AP)

So eindrucksvoll wie mit "Das Erwachen der Macht" hat er diese These allerdings noch nie bekräftigt. Denn er verpasst Lucas' "Star Wars"-Geheimrezept von 1977 ein dringend notwendiges Update fürs 21. Jahrhundert.

"Krieg der Sterne" war so erfolgreich, weil es bis heute das perfekteste Kulturgeschichts-Mashup aller Zeiten ist. Lucas mixte klassische Elemente der Heldenreise (Odysseus), der Psychoanalyse (Archetypen wie Ödipus) und der mittelalterlichen Mythologie sowie des Westerns mit den Überwältigungsstrategien des amerikanischen Popcornkinos.

Die meisten anderen Filmemacher seiner Generation - Scorsese und Coppola zum Beispiel - wollten damals den Dreck der Straße zeigen, den Schweiß beim Sex und die ganze Verdorbenheit des Menschen. Sie bebilderten ihre Albträume in einem brutalen Körperflüssigkeiten-Kino, das "Star Wars" diametral entgegengesetzt war.

"Das Erwachen der Macht": Der Millennium Falke auf der Flucht vor den Jägern des Ersten Ordens.

Der Millennium Falke auf der Flucht vor den Jägern des Ersten Ordens.

(Foto: Disney)

Lucas schwebte eine familienfreundliche Weltraumoper vor, für die er und sein Komponist John Williams jenseits aller Rock-'n'-Roll-Gelüste der Kollegen eine Renaissance des symphonischen Soundtracks mit wagnerianischer Dekadenz einleiteten.

Damit trotz aller Opulenz die Geschichte keusch blieb, inszenierte Lucas sein Abenteuer als Anti-Körper-Kino, ließ Leia-Darstellerin Carrie Fisher die Brüste mit Klebeband fixieren, damit auch ja nichts Weibliches wippte. Und verkaufte den Zuschauern kurz vor Anbeginn des 21. Jahrhunderts tatsächlich auch noch eine Jungfrauengeburt: Lukes Vater Anakin Skywalker, der später zu Darth Vader wurde, ist ganz ohne verschwitzten Zeugungsakt in die Galaxie gefallen - was Lucas vermutlich auch ein paar Hardcore-Fans im Vatikan eingebracht hat.

Jedenfalls: In "Star Wars" war trotz eines mittelalterlichen Frauenbilds, eines besorgniserregenden Vaterkomplexes und einer wirklich erstaunlichen Angst vor Sex für jeden etwas dabei. Die zahlreichen kulturgeschichtlichen Bezüge werden bis heute rauf und runter diskutiert, zuletzt zum Beispiel in einer hübschen "Star Wars"-Ausgabe des Philosophie-Magazins ("War Heidegger ein Sith-Lord?").

Aufregender Showdown

Für die nunmehr dritte Generation an Zuschauern, die mit "Das Erwachen der Macht" ins "Star Wars"-Universum eingeführt wird, musste Abrams nun aber kräftig an der konservativen Schlagseite der Saga arbeiten. Da die Popkultur heute in immer mehr Sparten zerfällt und der kulturelle Mainstream tendenziell erodiert, müssen die letzten medialen Großereignisse wie "Star Wars" schon eine ordentliche Portion Zeitgeist atmen, um zu funktionieren.

Dazu gehört zunächst einmal, sich nicht von den unendlichen Möglichkeiten der digitalen Computeranimation verführen zu lassen - die Special-Effects-Orgien halten sich zum Glück in Grenzen. Auch eine zentrale Zutat des Films sind die Wiederbegegnungen der gealterten "Star Wars"-Veteranen, allen voran das Liebespaar Han Solo/Leia. Diese Treffen inszeniert Abrams melancholischer, komischer und vor allem menschlicher, als man es Lucas jemals zutrauen würde.

Vor allem aber bricht er die patriarchalen "Star Wars"-Strukturen auf, indem er seiner wunderbaren neuen Heldin Rey die zwei umwerfendsten Szenen dieses Films widmet. Ihr Duell mit dem Schurken Kylo Ren (Adam Driver), der wie eine Art Hamlet-Lehrling der verbeulten Darth-Vader-Totenkopf-Maske huldigt, ist ein aufregender Showdown im rieselnden Schnee eines finsteren Waldes. Vor allem aber darf sie später eine Lichtschwertübergabe tätigen, bei der auch renitente "Star Wars"-Hasser feuchte Augen bekommen könnten, wenn die Macht tatsächlich erwacht.

Star Wars: The Force Awakens, USA/GB 2015 - Regie: J. J. Abrams. Buch: Lawrence Kasdan, Michael Arndt, J. J. Abrams. Kamera: Daniel Mindel. Mit: Daisy Ridley, John Boyega, Adam Driver, Harrison Ford, Carrie Fisher, Mark Hamill. Disney, 135 Minuten.

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