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Im Kino: Das Schmuckstück:Hau ab, du Trottel

Catherine Deneuve und François Ozon sind füreinander ein echter Glücksfall - es überträgt sich beim Zuschauen eine Chemie, ein ungeheurer Enthusiasmus, sie inspiriert ihn sichtlich, und kein anderer Regisseur bietet ihr mehr Entfaltungsmöglichkeiten - sie ist komisch, sie ist charmant, sie ist, wenn die Situation es verlangt, knallhart und manchmal sogar ein ganz klein wenig durchtrieben als Suzanne Pujol, und sie ist wunderschön, weil Ozon sie schön findet - dass das Alter Schwachstellen in ihrer Schönheit erzeugt haben könnte, darauf käme man vielleicht, wenn es eine einzige Einstellung gäbe, in der Ozon irgendetwas kaschiert, oder eine Szene, die sie in Frage stellt. Einmal taucht sie in dem Kleid auf, in dem sie Babin verführt hat (wir haben das in einer Rückblende gesehen) - und der ist hingerissen, immer noch, also sind wir es auch.

Wie dann Suzanne alles besser macht, und sich dessen bewusst ist, und dann doch abgesägt wird, das ist allerdings bitter. Aber als ihr Mann es geschafft hat, sie mit einer Intrige wieder vom Direktorenposten zu vertreiben, den sie nicht wieder rausrücken wollte, beschließt sie, dann eben nicht mehr ihre eigene kleine Welt, sondern gleich das ganze System zu verändern und zieht in die Politik. Ja, Ozon politisiert in Das Schmuckstück.

Alle sind glücklicher

Der Film ist eine Geschichte vom steinigen Weg, auf dem der Feminismus seit dreißig Jahren nicht sehr viel weitergekommen ist, und auch von einer Parallelentwicklung, von der zauberhaften Wirtschaftswunderwelt zu einem eiskalten Kapitalismus, der Fortschritt immer nur quantitativ, nie qualitativ definiert.

Alle sind glücklicher, während Suzanne Pujol die Firma leitet: Die Angestellten arbeiten lieber und zu besseren Bedingungen, sogar die Schirme, die dabei herauskommen, sind schöner. Die Tochter, Handlangerin ihres eigenen nichtsnutzigen Ehemannes, bringt ein Papier für die Modernisierung vorbei: "Die Produktion auslagern und Leute entlassen, ist modern?", fragt Suzanne.

Es geht dabei aber nicht nur um eine verlorene Welt von gestern, einen Scheideweg, an dem der Kapitalismus hässlich wurde. Es geht um die Gegenwart - im Original erkennt man dann noch ein paar Dialogzeilen, die sich Ozon in der politischen Wirklichkeit geliehen hat. "Casse-toi pauv' con" (Hau ab, du Trottel), so bellte Sarkozy 2008 einen älteren Herrn an, der ihm bei einem Bad in der Menge nicht die Hand schütteln wollte; und die erstaunte Frage "Aber wer soll sich denn dann um die Kinder kümmern?" stammt vom sozialistischen Ex-Premier Laurent Fabius, apropos der Kandidatur seiner Parteikollegin Ségolène Royal.

Dass Royal, hätte sie Nicolas Sarkozy besiegt bei den Präsidentschaftswahlen 2007, keine Wunderwaffe gewesen wäre, die ein neues Frankreich modelliert - das wird François Ozon wohl selber wissen. Aber man wird doch ein wenig träumen dürfen.

POTICHE, Frankreich 2010 - Regie: François Ozon. Drehbuch: Ozon, basierend auf dem Stück von Barillet & Grédy. Kamera: Yorick Le Saux. Kostüme: Pascakline Chavanne. Mit: Catherine Deneuve, Gérard Depardieu, Fabrice Lucchini, Karin Viard, Judith Godrèche, Jérémie Renier, Sergi Lopez. Concorde, 104 Minuten.

© SZ vom 24.03.2011/tolu/rus

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