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Im Interview: Yoko Ono:Lass alles raus, lass alles raus

SZ: In Johns Werk kann man diesen experimentellen Einfluss auch hören.

Ono: Ja, sehen Sie, wir hatten einfach Glück. Wir waren so viel zusammen und haben uns beeinflusst. Er hatte eine sehr schöne Stimme. Aber extrem wandelbar, er konnte so oder so singen, er konnte stark singen, er konnte zärtlich und süß singen. Ich glaube, ich habe das immer verstanden, und das wiederum mochte er. Und ich liebte die Art, wie er gesungen hat. Da war immer eine Art wechselseitige Bewunderung zwischen uns.

(...)

SZ: Um noch mal über das Schreien und über seltsame Geräusche zu sprechen: John und Sie haben Anfang der Siebziger zusammen eine Urschreitherapie bei Arthur Janov gemacht. Der Psychologe Janov war der Guru einer Zeit, die dem möglichst "echten" Ausdruck auf der Spur war - seine Theorie sollte helfen, die Gefühle zu befreien.

Ono: Wir haben zusammen eine Urschreitherapie gemacht. Aber ich hatte schon lange vorher mit Schreien experimentiert, lange bevor wir das Buch über die Urschreitherapie gelesen haben. Das Buch kam irgendwie zu uns. Leute haben uns Bücher geschickt. Und John sagte, schau mal, da geht's um dich. Wir gingen dann für die Urschreitherapie zu Arthur Janov nach Los Angeles.

SZ: Wie hat die Urschreitherapie genau funktioniert? In den Siebzigern war das, nun ja, der letzte Schrei, und heute ist sie beinahe vergessen.

Ono: Es war so... lass alles raus, lass alles raus (macht Rauslass-Gesten mit den Händen). Lass dein Selbst rauskommen. Aber es war gut. Frauen hatten immer schon Möglichkeiten und Gelegenheiten, bei denen sie nicht schreien, aber zumindest weinen konnten. Weinen war nichts Neues für sie. Aber für Männer war es sehr schwierig zu weinen. Bei der Urschreitherapie wurden die Männer ermutigt, sich so weit zu öffnen, dass sie weinen können. Sie können zwar schon schreien, aber das Weinen müssen sie erst lernen. Und das ist sehr gut. Es ist sehr schwierig, dahin zu kommen. Und deshalb war die Urschreitherapie vielleicht sogar für Männer interessanter und hilfreicher. Weil Männer viel verschlossener sind als Frauen.

SZ: Wenn man sich Ihre persönliche Geschichte vor Augen hält: Sind Sie in einer stark reglementierten Gesellschaft aufgewachsen?

Ono: Nein. Meine Eltern waren sehr intelligent und gebildet. Das waren freiheitliche Denker.

SZ: Wie und warum haben Sie dann mit dem Schreien angefangen? War das ein künstlerisches Mittel, um die Regeln zu brechen?

Ono: Ich habe gegen die Gesellschaft rebelliert, nicht so sehr gegen mein Elternhaus. Und Schreien war auch noch etwas anderes. Als Kind hat mir meine Mutter immer gesagt: Geh nicht ans andere Ende des Hauses. Dort waren die Dienstbotenzimmer. Wissen Sie, sie wollte nicht, dass ich die Dinge höre, über die sich die Dienstboten unterhalten haben. Sie wollte nicht, dass ich solche Sachen weiß (imitiert ein kleines Mädchen, das brav okay sagt). Aber klar: Wenn etwas verboten ist, reizt es besonders. Ich bin also nach unten zu den Dienstbotenräumen geschlichen und habe belauscht, was dort geredet wurde. Es gab da ein junges Mädchen, vielleicht sechzehn oder siebzehn Jahre alt, die einem anderen Mädchen etwas erzählte. Sie sagte: Meine Tante hat ein Baby bekommen, und das war ein unglaublicher Lärm. Die andere fragte: Was für eine Art von Lärm? Sie hat das dann nachgemacht: ha, haa, haaa (Yoko Ono imitiert Gebärschreie), so in etwa.

Und ich dachte, warum sollen Frauen immer nur diese süßen, zärtlichen Lieder singen? Sie haben immerhin die Menschheit zur Welt gebracht, all dieses Gebären, das Kinderbekommen. Nur Frauen machen das, sie bringen die Kinder zur Welt. Sie sind die Schöpferinnen und haben die Macht. Und die Stärke, wenn sie Kinder gebären (imitiert noch mal Geburtsschreie): HAAA! Das klingt ja nicht nach ha-ha-ha (imitiert dünnes, zurückhaltendes Piepsen). Deshalb wollte ich der Welt zeigen, oder vielmehr: die Welt daran erinnern, die Welt verstehen lassen, dass Frauen mächtige Geschöpfe sind. Sie müssen stark sein, für die Welt, für die Gesellschaft. Ansonsten gäbe es gar keine Gesellschaft (lacht). Es ist besser für die Gesellschaft, wenn sie diese Macht der Frauen anerkennt, es ist auch besser für die Männer.

SZ: Als 1975 Ihr Sohn Sean geboren wurde, nahm sich John Lennon eine Auszeit von vier Jahren. War das in den Siebzigern nicht sehr progressiv?

Ono: Klar war das Avantgarde. John war der erste männliche Feminist. Was Feminismus und Rollenfragen angeht, haben wir uns immer gut verstanden. John sagte aber immer, Verstehen ist eins, aber wirklich machen ist etwas anderes.

SZ: Damals hat die Gesellschaft erst angefangen, das so zu sehen. Und heute?

Ono: Ich würde sagen, dass wir heute einen starken Rückschlag erleben. Starke Frauen stehen nicht sehr hoch im Kurs in der Gesellschaft. Und viele Männer sind nicht glücklich über starke, erfolgreiche Frauen.

SZ: Glauben Sie, dass man Beziehungen und Freundschaften der Vergangenheit idealisiert?

Ono: Nein, zumindest nicht, was John und mich betrifft. Sogar auf unserem Album "Double Fantasy" waren wir sehr ehrlich. Wir haben sowohl gezeigt, was uns am anderen aufgeregt hat, als auch, wie wir uns geliebt haben. Wir wollten zeigen, wie das funktionieren kann, die Sache mit den Männern und den Frauen.

Das komplette Interview lesen Sie in der Süddeutschen Zeitung vom 9. Oktober 10