Im Gespräch: Albert Speer jr. "Hitler war für uns ein netter Onkel"

Immer nach seinem Vater gefragt zu werden, nervt Albert Speer junior. Immerhin ist er selbst Stadtplaner. Trotzdem spricht er nicht nur über Architektur.

Interview: Gerhard Matzig

Frankfurt, Hedderichstraße: In einer alten Fabrik entsteht die Welt von morgen. Gewissermaßen, denn das Stadtplanungsbüro Albert Speer & Partner betreut hier die Masterpläne für Städte auf allen Kontinenten. Albert Speer, 75 Jahre alt, zeigt dem Besucher das Büro, in dem etwa 120 Mitarbeiter arbeiten. Er ist bequem angezogen. Eine Bronzeplastik zeigt einen Löwen (sein Sternzeichen) mit Flügeln und Rollschuhen. Speer ist immer unterwegs in die Zukunft der Städte. Heute nimmt er sich ausnahmsweise Zeit für eine Reise in die Vergangenheit.

Albert Speer junior: Mit 75 Jahren entwirft er noch komplette Städte.

(Foto: Foto: dpa)

SZ: Herr Speer, als einer der einflussreichsten Stadtplaner sind Sie in einer Epoche, da erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land leben, ein gefragter Gesprächspartner. Was aber an den vielen Interviews mit Ihnen auffällt: Sie sprechen nie über Ihren Vater, über Hitlers Architekten. Warum?

Albert Speer: Immer werde ich nach meinem Vater gefragt, das nervt. Und außerdem habe ich mein ganzes Leben lang versucht, mich von meinem Vater abzugrenzen, mich zu distanzieren. Journalisten fällt es schwer, das zu respektieren. Ich beantworte deshalb nie persönliche Fragen in Interviews. Fast nie. Und ganz bestimmt nicht gern.

SZ: Jetzt bringen Sie mich ganz schön in Verlegenheit, ich wollte außer über Ihren Vater auch noch über Ihr Stottern sprechen. Sie waren sogar, wenn ich das so formulieren darf, ein richtiger Schulversager.

Speer: Das stimmt. Ich hatte riesige Probleme in der Schule. Wir haben ja auf dem Obersalzberg gelebt damals...

SZ: ...also dort, wo Hitler rund um sein Feriendomizil, den Berghof, Häuser für die Familien seiner wichtigsten NS-Gefährten errichten hat lassen...

Speer: ... genau, und von dort bis zur Dorfvolksschule in Berchtesgaden war ich eine Stunde lang unterwegs. Eine Stunde hin, eine Stunde zurück. Zwei Stunden Fußmarsch über Berg und Tal, jeden Tag. Und ich war ein ziemlich krankes Kind, fehlte oft in der Schule. Außerdem war mir die Schule verhasst. Schule: Das war einfach furchtbar.

SZ: Warum?

Speer: Vielleicht, weil ich mir nicht gern sagen lasse, was ich tun soll.

SZ: Sie sind nicht begeisterungsfähig für autoritäre Systeme, interessant. Gestottert haben Sie damals aber noch nicht.

Speer: Nein, das kam erst später.

SZ: Wann denn?

Speer: Nach dem Krieg, als mein Vater im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess zu 20 Jahren Haft verurteilt und nach Spandau gebracht wurde. Das war im Oktober 1946. Wir waren sechs Kinder, ich war der älteste Sohn, damals war ich gerade mal zwölf Jahre alt. Plötzlich hatte ich keinen Vater mehr. Oder richtiger: einen im Gefängnis. Es herrschte Chaos in Deutschland. Wir zogen um nach Heidelberg zu den Großeltern, dort hatte ich noch mehr Probleme im Unterricht, ich begann entsetzlich zu stottern - und dann war Schluss. Ich verließ die Schule und wurde Schreiner.

SZ: Sie sind Schreiner?

Speer: Ich habe jedenfalls das Handwerk erlernt. Den Gesellenbrief habe ich noch.

SZ: Aber Sie haben doch in München Architektur studiert? Sie sind sogar der dritte Albert Speer, nach Vater und Großvater, der als Architekt arbeitet. Eine Albert-Speer-Dynastie des Bauens.

Speer: Irgendwann wollte ich dann doch das Abitur nachholen. Ich habe die Abendschule besucht - eine elende Paukerei.

SZ: Und, Entschuldigung, das Stottern?

Speer: Gestottert habe ich damals sehr heftig. Meine letzte Prüfung war mündlich, Französisch. Eine Katastrophe. Gnadenhalber hat man mich bestehen lassen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wann es auf die Größe ankommt.

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