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Beethovens Klaviersonaten:Am Rande seiner Riesenkräfte

Kein Wunder also, dass Levit Schnabel bewundert. Wie nah sich beide sind, zeigt sich an einem Detail, über das die meisten Pianisten hinwegspielen, das aber Schnabel und in seinem Gefolge Levit zu einem Fanal des Einspruchs gegen die Welt formulieren. Das Finale der Sturm-Sonate wiederholt penetrant ein nur aus vier Tönen bestehendes Motiv: auf einen Sprung nach oben folgt ein Heruntergleiten, den betonten Schlusston notiert Beethoven abgerissen kurz. Während die meisten Pianisten, selbst Gulda, Gieseking, Nat, diesen Schlusston in einen beginnenden Pedalnebel wegspielen, hämmert ihn Schnabel wuchtig, gehetzt, kurz heraus als eine Kampfansage, die umso aggressiver wirkt, weil sie so gut wie jeden der 42 Takte des ersten Finalteils bestimmt. Das ist nicht schön, aber extrem ausdrucksstark: Hier kämpft ein Mensch hörbar am Rande seiner Riesenkräfte ums Überleben. Diesen Eindruck steigert Schnabel durch seine Ungeduld und ein Spiel an den Grenzen des technisch Machbaren. Er entfaltet ein Panorama der Aussichtslosigkeit, das den Hörer atemlos zurücklässt. Diese Welt kennt keine Freude, sie lässt keine Hoffnung zu, keine Illusionen, sie ist karg, wild, für Menschen unbewohnbar.

Das Vorbild: die riskante Interpretation von Artur Schnabel

Igor Levit folgt Schnabels Ansatz. Sein Abschluss des Vier-Ton-Motivs ist ähnlich kurz, das Gehetzte ist spürbar. Doch Levit spielt beherrschter und weniger tollkühn als Schnabel. Er kommt zwar an die Grenzen des Flügels, geht aber nie wie Schnabel rabiat darüber hinaus. Die Aufnahmetechnik unterstreicht das, ist milder und klangschöner, das gilt für die Akzente genauso wie für Schroffheiten, Kürzen, Bassdetonationen. Levits musikalische Ablehnung der Welt, sein Aufruf zur Rebellion fällt versöhnlicher aus als seine politischen Einlassungen bei Twitter.

In den Sonaten betreibt Beethoven die Befreiung von den hermetisch abgeschlossenen Formen der Wiener Klassik. Statt der Formerfüllung, die für Haydn und Mozart noch die Norm war, entwirft er neue Gebilde, die jedoch nie als neues und kopierbares Formmodell taugen. Beethoven entwickelt eine Ästhetik des Zerbrechens, der Entfremdung, der Trostlosigkeit, des Müssens. Das macht sich schon früh bemerkbar. So im Kopfsatz der dritten Sonate, dessen strahlend optimistisch dahinrasendes C-Dur immer wieder durch jäh hereinbrechende Dunkelheiten konterkariert wird. Das ist schockierend und stellt jede heile Welt der Klassik infrage. Denn die so freigesetzten negativen Energien lassen sich nicht mehr restlos in der Dialektik der Sonatensatzform befrieden.

Das ist bei Levit wie bei Schnabel zu hören, auch wenn der Jüngere in den schnellen Stücken glatter und gleichförmiger spielt als sein Vorbild. Anders als Levit arbeitet Schnabel viel mit Temposchwankungen, er modelliert damit den Formverlauf deutlich und dramatisch heraus. So drängt er dem Hörer das Drama der Musik auf: drastisch, schmerzvoll, pathetisch. Die langsamen Stücke baut Levit dagegen wie Schnabel oder Barenboim zu Hochburgen der Grübelei aus. So in der Sonate op. 7, deren Largo in seiner schweifenden Klangrede von der Qualität her über die anderen Sätze hinausgeht. Erstaunlich, dass Levit, anders als Schnabel, im längeren und weiter ausholenden Adagio der späten Hammerklaviersonate kaum über diese Ausdrucksintensität hinauskommt.

Die letzten fünf Sonaten hat Levit schon 2013 herausgebracht und sie jetzt in die Gesamtaufnahme übernommen. Vielleicht, so der Eindruck in einem Münchner Konzert Anfang dieses Jahres, weil er in seiner Auffassung nicht über die damals gefundenen Lösungen hinausgekommen ist. Anders als bei Schnabel klingen bei Levit die in diesen Sonaten häufigen Akkordzerlegungen und Triller oft nur wie Akkordzerlegungen und Triller. Levit transzendiert den Notentext allzu wenig. So wirkt diese Musik harmlos. Sie übersteigt keine Schwelle, sie reißt keine Grenze ein.

Dieser Beethoven wahrt die Contenance

Seine Formzerstörungsoffensive radikalisiert Beethoven im Finale der vorletzten Sonate op. 110. Hier zieht er die Lehre aus der Problematik der beiden letzten Sätze der Hammerklaviersonate, wo ein riesiges Adagio eine ausufernde Fuge nach sich zieht. In Opus 110 staucht er schonungslos diese zwei autarken Formen ineinander, einen klagend langsamen Moll-Gesang und eine schnelle Dur-Fuge. Unsicher tastet sich die Musik an den Gesang heran, es folgt eine erste Fugenpartie, dann wieder der Klagegesang und eine zweite Fugenpartie, die bald von rasanten Läufen überflutet wird. Die Läufe erzwingen ein langsameres Tempo, der Pianist muss aber den Eindruck erwecken, als würde die Musik schneller und jubelnder auf einen finalen Triumph zurauschen. Das ist ein Paradox und kompositorisch wie spieltechnisch ein letzter Irrsinn.

Wer hier nur den Notentext akkurat ausführt, verfehlt Sinn und Vision dieser Musik. Noch schwieriger ist es, die vielen Tempowechsel als organisch zu präsentieren. Letzteres gelingt Schnabel, spieltechnisch schlampt er, kann aber den Eindruck erwecken, dass die finale Steigerung ein unter äußerster Kraftanstrengung errungener Triumph über die Materie und alle nur denkbaren Hindernisse ist. Wie immer will Schnabel das Weltendrama, weshalb er sich radikal über die Grenzen des Instruments und seiner Spieltechnik hinwegsetzt. So realisiert er Beethovens Metamusik. Dieser Ansatz grenzt an Harakiri, das ruft bei vielen Hörer kopfschüttelnde Abwehr hervor.

Levit ist da sehr viel versöhnlicher. Sein Klagegesang ist innig empfunden, ein frühromantisches Idyll der Verzweiflung. Die Fuge beginnt er geläufig harmlos, gegen die bald aufkommenden Pedalnebel setzen sich nur die heftigen Basstöne durch. Die Rückleitung zum Klagegesang klingt korrekt, genauso die finalen Rasereien. Das ist respektheischend, aber nicht atemberaubend. Anders als Schnabel trotzt Levit den Tönen nie ihr utopisches Potenzial ab. Nie reißt er den Hörer aus dessen (Selbst)Sicherheit heraus, nie stößt er ihn an existenzielle Abgründe, aus denen ihn die ungelösten und unlösbaren Daseinsfragen seines Lebens höhnisch angrinsen. Vor solchen Gewaltakten scheut Levit zurück. Sein Beethoven wahrt die Contenance. Was angenehm, aber nicht unbedingt im Sinne dieses Komponisten ist.

Igor Levit: Beethoven - Sämtliche Klaviersonaten. Sony.

© SZ vom 19.10.2019/cag
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