Profil Igor Levit

(Foto: Ursula Düren/dpa)

Der Starpianist kämpft auf allen Bühnen für einen linken Humanismus.

Von Reinhard J. Brembeck

Vor einer Woche, bei einem Auftritt mit dem WDR-Sinfonieorchester, gab der 31-jährige Pianist Igor Levit vor seiner Zugabe ein politisches Statement ab. Er sagte, so ist es auf der Website des Senders nachzuhören, dass eine Gesellschaft, die sich nicht gegen Rassismus, Ausgrenzung und "die Idee, dass es Menschen zweiter Klasse geben kann", stelle, zuließe, vergiftet, entgeistigt, entmenschlicht zu werden. "Ich hoffe", fuhr Levit fort, "dass wir alle das nicht zulassen." Riesiger Beifall. Dann spielte er Paul Dessaus um 1938 entstandenes Antikriegsstück "Guernica".

Im Nachrichtendienst Twitter, den Levit seit seiner Abkehr von Facebook eifrig mit Beiträgen beliefert, wird er noch deutlicher: "Wir müssen uns Rassisten und Spaltern entgegenstellen. Mit allem, was wir haben. Unsere wunderbare Heimat, unsere Demokratie ist es wert, gegen diese Giftmischer verteidigt zu werden. Wir sollten ihnen keinen Millimeter Freiraum überlassen!" Dass da nicht nur die AfD, sondern auch Innenminister Horst Seehofer und Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen gemeint sind, erschließt sich schnell.

Ungewöhnlich an diesen so dezidiert politischen Äußerungen ist, dass sie von einem Klassikmusiker kommen. Die meisten seiner Kollegen halten sich aus der Tagespolitik heraus; sie geben sich apolitisch, sicherlich auch aus Karrieregründen. Ausnahmen sind der Putin-freundliche Dirigent Valery Gergiev und sein Kollege Daniel Barenboim, dessen großes Thema die Aussöhnung von Juden und Palästinensern ist.

Igor Levit pflegt eine seinem Alter gemäße Webpräsenz, in der er sich durchaus pathetisch und immer emotional zu den Werten des Humanismus bekennt. Zu jenen Werten, die nach traditioneller, aber ein wenig aus der Mode gekommener Auffassung die Grundlage der musikalischen Klassik ausmachen, also der Musik von Johann Sebastian Bach oder Ludwig van Beethoven, die wichtige Säulen in Levits Repertoires wie auch seiner Aufnahmen sind.

Levit wurde 1987 im russischen Gorki in eine jüdische Familie geboren, die mit dem Achtjährigen nach Hannover ging, wo er an der Hochschule Klavier studierte und dann eine Blitzkarriere hinlegte. Als Jude und Emigrant weiß er, was Ausgrenzung und Hass für einen Menschen bedeuten können. Dagegen wehrt sich Levit deutlich und klar. Bescheiden- und Schüchternheit sind weder in seiner Wortwahl noch in seinem Musizieren seine Kardinaltugenden. So spielte er gleich auf seinem ersten Album die letzten sechs Beethoven-Sonaten, um welche die meisten jungen Pianisten heute respektvoll einen Bogen machen.

Levit geht mit romantischem Ungestüm aufs Ganze, er erkundet immer Grenzen. Vor allem ist für ihn Musik nie nur erhaben oder weltfremd. Sondern sie ist ihm ein moralischer Appell, der sich bei ihm mit einer linken Haltung verbindet. Das zeigt sich nicht nur, wenn er seine Liebe zu dem Komponisten Hanns Eisler bekundet und die Idee einer "richtig" linken Partei spannend findet. Das zeigt sich auch in seinem Faible für Frederic Rzewskis einstündigen hochvirtuosen Variationszyklus über das chilenische Revolutionslied "The People United Will Never Be Defeated", das er auf einem Album zusammen mit Beethovens Diabelli-Variationen und Bachs Goldberg-Variationen aufgenommen hat, den absoluten Höhepunkten der Gattung Variation.

Levit war einer der Musiker, die ihren Echo zurückgaben, als in diesem Jahr die Rapper Kollegah und Farid Bang diesen Musikpreis erhielten. Levits Begründung: "Antisemitischen Parolen eine solche Plattform und Auszeichnungen zu geben, ist unerträglich." So ist Levit eine der wenigen prominenten linken Künstlerstimmen im Land, die sich Rechtspopulismus, Antisemitismus und Ausländerhetze nicht nur mit dem Hirn, sondern mit aller Leidenschaft entgegenstellen. Ein Glücksfall.