Hysterische Frauen im 19. Jahrhundert Hysterie als Ausbruch aus dem Rollenzwang

Es oszillierte noch immer zwischen heilig und sündhaft, zwischen der jungfräulichen Maria und Eva, der Verführerin. Körperliche Symptome wurden auf diese Weise zum Spiegelbild gesellschaftlich etablierter Rollenbilder - und waren zugleich Manifestationen jener Schwierigkeiten, die viele Frauen hatten, mit eben diesen verwirrenden Projektionen umzugehen.

Sigmund Freud nannte die Hysterie die "Krankheit des Gegenwillens". In der Tat waren die Anfälle für die Hysterikerinnen eine Möglichkeit, ihren ereignislosen Lebenswegen, ihrem auf die Rolle der Ehefrau und Mutter beschränkten Dasein zu entkommen. Man denke nur an die jüngst von David Cronenberg im Film "Eine dunkle Begierde" in Szene gesetzte Sabina Spielrein, die ihren Psychiatrieaufenthalt als Sprungbrett für ein Studium nutzt. Auch die frommen Mädchen setzten mit ihren ekstatischen Zuständen ein Minimum an Selbstbestimmung durch. Viele Ekstatikerinnen mussten sich massiv gegen die Heiratspläne zur Wehr setzen, die ihnen von ihren Familien aufgezwungen wurden.

Die beiden Phänomene häufen sich am Ende einer Epoche, in der die Bewegungsspielräume der Frauen und ihre Entscheidungsfreiheit auf bis dahin ungekannte Weise beschnitten waren. Die fortschreitende Trennung von Berufs- und Privatleben hatte eine Spaltung zwischen dem öffentlichen und dem häuslichen Leben bewirkt - und damit eine einschneidende Änderung der Geschlechterverhältnisse. Der Frau fielen Heim und Herd zu; sie fand sich von jeglichem öffentlichen Leben ausgeschlossen.

Es ist bemerkenswert, welche Maßnahmen man ergriff, um die Frauen genau dort festzuhalten. Sie wurden kurzerhand für geistig unmündig befunden und so - unter dem Vorwand der Moral - in Zucht und Ordnung gehalten. "Die ganze Erziehung der Frau muss daher auf die Männer Bezug nehmen. Ihnen gefallen und nützlich sein, (. . .) das sind zu allen Zeiten die Pflichten der Frau", glaubte bereits Rousseau zu wissen.

Mit einem Wandel der Geschlechterverhältnisse - nach 1900 wurden beispielsweise trotz erbitterten Widerstands immer mehr Frauen an den Universitäten zugelassen - verschwanden die hysterischen Patientinnen aus den Krankenhäusern Europas. Auch das Phänomen der ekstatischen Jungfrauen verflüchtigte sich - auf so wunderliche Weise, wie es gekommen war.

Aktuell erschienen: Weissagungen aus dem Jenseits, Otto Weiß, Pustet Verlag, 288 Seiten, 24,90 Euro. Weiß setzt sich darin mit der Geschichte der Altöttingerin Louise Beck auseinander, die Eingebungen aus dem Jenseits erhalten haben will. Ihr Einfluss soll bis Rom gereicht haben.