Süddeutsche Zeitung

Hysterische Frauen im 19. Jahrhundert:Wahnsinn war weiblich

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Modekrankeit oder Ausbruch aus ereignislosen Lebenswegen? Tausende vermeintliche Hysterikerinnen wurden im 19. Jahrhundert in Nervenheilanstalten eingewiesen. Hysterie wurde zur Frauenkrankheit schlechthin. Die Ärzte schlussfolgerten: alles nur Übertreibung. Ein aktuelles Buch setzt sich nun mit dem Phänomen auseinander.

Franka Nagel

Ekstatische Zustände erlebten im 19. Jahrhundert eine wahre Blütezeit. Eine der bekanntesten "ekstatischen Jungfrauen" war Anna Katharina Emmerick, die den spätromantischen Dichter Clemens von Brentano zu mehreren Büchern inspirierte. Oft schlug sie wild um sich, wurde von Erstickungsanfällen und Starrkrämpfen heimgesucht, um sich dann ihren Visionen hinzugeben.

Ein zeitgenössischer Bericht beschreibt die Anfälle der Maria von Mörl, der stigmatisierten Jungfrau von Kaltern: "Bald rochte sie wie ein Bär, bald stöhnte und grollte sie wie ein Hund, jetzt krümmte sie sich bogenförmig, jetzt wieder sichelförmig, der Mund zog sich oft zu einem Fingerspitzen zusammen, die Augen zogen sich wie bei Sterbenden in den Kopf zurück, und machten glauben, dass sie nimmer erscheinen würden." Es fällt auf, dass Männer von derlei Anwandlungen verschont blieben. Die heilige Verzückung war Frauensache.

Noch ein anderes Phänomen greift im 19. Jahrhundert um sich, von dem fast ausschließlich das weibliche Geschlecht betroffen war. Unter großem Interesse der Öffentlichkeit wurden seit den 1870er Jahren tausende Hysterikerinnen in die neu entstandenen Nervenheilanstalten und Krankenhäuser Europas eingewiesen. Hysterie wurde zur Frauenkrankheit schlechthin. Organische Ursachen für die Anfälle der Frauen fand man allerdings keine. Die Ärzte schlussfolgerten: alles nur Übertreibung und Simulation. Man erkannte in der Hysterie nur einen weiteren Beleg für die Neigung der Frau zu Wankelmütigkeit und Unglaubwürdigkeit: "Die Hysterie ist eine organische Krisis der organischen Verlogenheit des Weibes", schrieb der Philosoph Otto Weininger noch im Jahr 1903.

Detaillierte medizinische Berichte dokumentieren wildes Umsichschlagen der Kranken, Lähmungen, ekstatische Körperverrenkungen, Halluzinationen. Die Ähnlichkeiten der Zustände mit denen der "ekstatischen Jungfrauen" sind augenscheinlich. Fast könnte man meinen, die Ekstasen fänden ihr säkulares, urbanes Äquivalent in den hysterischen Anfällen des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Diese wurden sexuell anstatt mystisch-religiös interpretiert. Entsprach die "stigmatisierte Jungfrau" dem Ideal der Kindfrau, die die als sündhaft empfundene weibliche Körperlichkeit durch Keuschheit überwunden hatte, neigten Ärzte und andere Deutungsinstanzen dazu, die hysterischen Anfälle der zumeist jungen Frauen zu erotisieren.

Auf den Fotografien, mit denen in Paris erstmals Krankheitsfälle dieser Art dokumentiert wurden, sind die Frauen in verzückten, fast frivol anmutenden Positionen auf ihren Betten eingefangen, die verrutschte, ohnehin leichte Kleidung der Patientinnen entblößt nackte Schultern und Beine. Die unterschiedlichen Deutungsmuster illustrieren eindrücklich die Widersprüchlichkeit des damaligen Bildes von Weiblichkeit.

Hysterie als Ausbruch aus dem Rollenzwang

Es oszillierte noch immer zwischen heilig und sündhaft, zwischen der jungfräulichen Maria und Eva, der Verführerin. Körperliche Symptome wurden auf diese Weise zum Spiegelbild gesellschaftlich etablierter Rollenbilder - und waren zugleich Manifestationen jener Schwierigkeiten, die viele Frauen hatten, mit eben diesen verwirrenden Projektionen umzugehen.

Sigmund Freud nannte die Hysterie die "Krankheit des Gegenwillens". In der Tat waren die Anfälle für die Hysterikerinnen eine Möglichkeit, ihren ereignislosen Lebenswegen, ihrem auf die Rolle der Ehefrau und Mutter beschränkten Dasein zu entkommen. Man denke nur an die jüngst von David Cronenberg im Film "Eine dunkle Begierde" in Szene gesetzte Sabina Spielrein, die ihren Psychiatrieaufenthalt als Sprungbrett für ein Studium nutzt. Auch die frommen Mädchen setzten mit ihren ekstatischen Zuständen ein Minimum an Selbstbestimmung durch. Viele Ekstatikerinnen mussten sich massiv gegen die Heiratspläne zur Wehr setzen, die ihnen von ihren Familien aufgezwungen wurden.

Die beiden Phänomene häufen sich am Ende einer Epoche, in der die Bewegungsspielräume der Frauen und ihre Entscheidungsfreiheit auf bis dahin ungekannte Weise beschnitten waren. Die fortschreitende Trennung von Berufs- und Privatleben hatte eine Spaltung zwischen dem öffentlichen und dem häuslichen Leben bewirkt - und damit eine einschneidende Änderung der Geschlechterverhältnisse. Der Frau fielen Heim und Herd zu; sie fand sich von jeglichem öffentlichen Leben ausgeschlossen.

Es ist bemerkenswert, welche Maßnahmen man ergriff, um die Frauen genau dort festzuhalten. Sie wurden kurzerhand für geistig unmündig befunden und so - unter dem Vorwand der Moral - in Zucht und Ordnung gehalten. "Die ganze Erziehung der Frau muss daher auf die Männer Bezug nehmen. Ihnen gefallen und nützlich sein, (. . .) das sind zu allen Zeiten die Pflichten der Frau", glaubte bereits Rousseau zu wissen.

Mit einem Wandel der Geschlechterverhältnisse - nach 1900 wurden beispielsweise trotz erbitterten Widerstands immer mehr Frauen an den Universitäten zugelassen - verschwanden die hysterischen Patientinnen aus den Krankenhäusern Europas. Auch das Phänomen der ekstatischen Jungfrauen verflüchtigte sich - auf so wunderliche Weise, wie es gekommen war.

Aktuell erschienen: Weissagungen aus dem Jenseits, Otto Weiß, Pustet Verlag, 288 Seiten, 24,90 Euro. Weiß setzt sich darin mit der Geschichte der Altöttingerin Louise Beck auseinander, die Eingebungen aus dem Jenseits erhalten haben will. Ihr Einfluss soll bis Rom gereicht haben.

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SZ vom 09.12.2011/rela
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