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"Hool" von Philipp Winkler:Roman über Hooligans: Aufs Feld fahren, um Fressen wegzuklatschen

Autorenfoto Philipp Winkler

Philipp Winkler wurde 1986 in Neustadt am Rübenberge bei Hannover geboren und ist begeisterter Fußballfan.

(Foto: Kat Kaufmann/Aufbau Verlag)

Ein Verlierer klammert sich an männliche Kameradschaftsfantasien und zerstört sich dabei selbst. Philipp Winkler romantisiert in "Hool" eine Welt aus vollgekotzten Fußballtrikots und Knochenbrüchen.

Heikos Spiel beginnt, wenn der Schiedsrichter abgepfiffen hat. Bei seinem Fußballverein Hannover 96 steht er in der "dritten Halbzeit" im Startaufgebot. "Hool" heißt der Debütroman von Philipp Winkler, mit dem er es auf die Longlist zum diesjährigen Buchpreis geschafft hat. Er beginnt damit, dass Heiko und seine Jungs zu einem "Match" raus aufs Feld fahren, mit dem Mundschutz in der Hand.

So machen Hooligans das seit der stärker gewordenen Polizeipräsenz und Videoüberwachung rund um die Stadien. Früher konnte man Kneipen zerlegen und danach die blutigen Lippen in Bierschaum tunken, während einem die Alten auf die Schulter klopften, aber diese Zeiten sind vorbei. Oft ist die Rede davon in "Hool". Es ist ein Buch über Männer, die nicht Schritt halten können mit der Gegenwart.

"Toxic Masculinity" nennt man in der Gendertheorie das, was Heiko prägt. "Hool" ist das Porträt eines gesellschaftlichen Verlierers, der sich an männliche Kameradschaftsfantasien klammert und sich dabei zerstört. Denn mit 27 hat er nichts im Leben außer seinen Freunden und seinem Verein, einen Job im Fitnessstudio; seine Freundin aber ist ihm weggelaufen. Verkatert, kantig, mit schweren Schultern schleppen sich die Sätze über die Seiten. Es ist eine Sprache aus den Muckibuden Hannovers, wo Zigaretten "geschmökt" und "Fressen weggeklatscht" werden. Wo "Vaddern" vom Alkoholentzug ausbüchst, "Hätt' ich'n machen sollen?" brüllt, während die Schwester weint.

Heiko wüsste gern, wo in der Welt vorn und hinten ist

Heiko nennt ihn "ganz alte Schule" und hasst ihn. Doch auch er wüsste gern, wo in der Welt vorn und hinten ist, auf wen man sich verlassen kann. Anfangs waren es die Stadien, die Onkels in den Vereinsfarben, der Becher Cola ganz für ihn allein. "Dieses Gefühl hat sich irgendwann ausgelaufen, schätze ich. Liegt bestimmt an der verdammten Kommerzialisierung."

Winkler schildert eine Männerwelt, "mal weiß wie Pommessalz, mal grau wie Beton", die im letzten Aufbäumen in den nächsten Gang schaltet. Heiko und seine Hooligan-Kumpels - nach außen hin ganz normale Brüder und Papis - schaffen für sich eine Gegenrealität maskuliner Selbstvergewisserung durch Gewalt, vergleichbar David Finchers "Fight Club" nach dem Roman von Chuck Palahniuk. Doch während diese Gegenwelt dort in den Wahnsinn übergeht, zieht sie sich in "Hool" zu einer niedersächsischen Kaffee-und-Kuchen-Idylle zusammen.

Die behagliche Ordnung mit ihren Ritualen kehrt hier in anderer Form wieder. Es geht um Treue in Ewigkeit, und wer am Boden liegt, ist raus aus dem Kampf. Man steckt Regeln und Grenzen ab wie mit dem Gartenzaun. "Ich komme mir beinahe wie der Otto-Normal-Malocher vor", der morgens "im Halbschlaf über die Autobahn auf Montage bügelt", sagt Heiko.

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Er und seine breitschultrigen Kumpels sind verlorene Seelen, sie trauern noch immer um einen vor zehn Jahren verstorbenen Jugendfreund. Und dann begeht auch noch Robert Enke, der Torwart von Hannover 96, Suizid. "In Viererreihe gingen wir, wie nach einer Niederlage, mit gesenkten Köpfen vom Spielfeld."

So erhält Heikos düsterer Streifzug durch die Hool-Szene der Republik eine verquere moralische Integrität. Deutlich wird das vor allem in der Auseinandersetzung mit Manuela, seiner Schwester, einer hüstelnden Person mit "missbilligendem Blick, der perfekt zu ihrem strengen Dutt passt". Auf ihren Kaffee - wobei sie das Ende des Worts betont, "so gewollt überkorrekt, damit sie auch ja nicht Kaffe sagt" - hat Heiko keine Lust. So sitzt er, wenn sie etwas von ihm will, nur mit stierem Blick da und raucht, wie sein Vater neben ihm.