bedeckt München 30°

Globale Gefühle:Hongkong als Metapher

Keine Stadt, sondern ein historischer Moment: Luftaufnahme von Hongkong.

(Foto: DALE DE LA REY/AFP)

Der Kolonialismus frisst seine Kinder: In den Romanen von Naoise Dolan und Ling Ma findet die westliche Zivilisation ihr Ende.

Von Felix Stephan

In Hongkong werden die Lehrpläne umgebaut. Die Buchhändler, Journalisten und Aktivisten sind verhaftet, die demokratischen Zeitungen geschlossen, das Parlament gleichgeschaltet. Eine wohlhabende, demokratische Millionenmetropole verschwindet hinter der großen chinesischen Firewall, und niemand kann etwas dagegen unternehmen. Ihre größte Sorge bestehe darin, hat Angela Merkel einmal sinngemäß gesagt, dass die liberale Demokratie aus dem 21. Jahrhundert nicht als das vorherrschende System hervorgehen werde.

An diese Bemerkung denkt man jetzt wieder häufiger, zum Beispiel wenn man "Aufregende Zeiten" liest, den Debütroman der erst 29-jährigen irischen Schriftstellerin Naoise Dolan. In dem Buch geht es um eine 22-jährige Ich-Erzählerin namens Ada, die vor ihrer kleinbürgerlichen irischen Familie nach Hongkong geflüchtet ist und dort jetzt teilnahmslos als Englischlehrerin arbeitet. Über die einschlägigen Expat-Bars gerät sie in Freundeskreise, in denen jeder reicher ist als sie, und weil deshalb häufig von sozialem Status und kleinen Unterschieden die Rede ist, wurde der Roman schnell mit Sally Rooneys "Normal People" (2018) verglichen.

Viel näher liegt aber eigentlich der Vergleich mit George Orwells "Burmese Days" (1934). Bevor er Schriftsteller wurde, arbeitete Orwell als Polizeioffizier in der britischen Kolonie Burma, nach seiner Rückkehr schrieb er angewidert diesen Roman über die Brutalität der englischen Kolonialherrschaft. In Südostasien liegt das Buch heute in jedem Touristenladen aus.

"Mir gefiel das gebieterische Klirren, wenn er seinen Gürtel öffnete."

Im Mittelpunkt steht bei Orwell der "European Club", der koloniale Salon, in dem sich die englische Elite trifft, um ihre vornehmen Konversationen zu führen, während draußen die Barbarei regiert. Die Welt, von der Naoise Dolan erzählt, ist so etwas wie der letzte Ausläufer dieses Salons: die junge englische Upper-Class, die sich gegenseitig in ihre Hongkonger Apartments einlädt und darüber spricht, auf welchen Schulen sie gewesen ist.

Zwei Beziehungen geht Ada im Laufe der Handlung ein: Zuerst trifft sie den jungen englischen Investmentbanker Julian, zieht bei ihm ein, sie schlafen miteinander, über seine Gefühle verliert er nie ein Wort. Dann trifft sie Edith, eine junge Hongkonger Anwältin. Diese Beziehung ist auf mehreren Ebenen aufregender, intimer und erfüllender, aber als Julian für das finale Kapitel "Edith und Julian" nach Hongkong zurückkehrt, muss Ada sich entscheiden zwischen den zwei Beziehungen, die jeweils auch eine Daseinsform repräsentieren: Julian steht für das alte, weiße, reiche, patriarchale Europa, Edith für eine neue, asiatische, queere Zukunft. Dieser innere Konflikt führt zu einer gründlichen Selbstbefragung, und Ada gelangt zu einer Erkenntnis, die für sie nicht unbedingt bequem ist: "Mir gefiel das gebieterische Klirren, wenn er seinen Gürtel öffnete."

Dass außerhalb dieser schönen Apartments, der aufgeklärten Selbsterkundung, der Lästereien und Outings, die Hongkonger Demokratie in atemberaubendem Tempo abgeschafft wird, kommt in den gesamten Roman nur genau ein einziges Mal vor. Als Julian überlegt, sich endlich einen echten Fernseher anzuschaffen, um seine Filme nicht mehr ständig auf dem kleinen Laptop schauen zu müssen, und Ava bei dieser Gelegenheit spöttisch bemerkt, er gehe "echt auf die dreißig zu", steht da plötzlich der Satz: "Die Hongkonger Regierung hatte drei bekannte prodemokratische Studentenaktivisten festnehmen lassen."

Naoise Dolan: Aufregende Zeiten. Roman. Aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag. Rowohlt, Hamburg 2021. 320 Seiten, 20 Euro.

Darin besteht die stille Meisterschaft dieses Romans: Er bildet die Ignoranz seiner Protagonisten formal nach. Nur dieses eine Mal, wie in einem Moment der Unaufmerksamkeit, spricht er seinen Subtext aus. Konsequenzen ergeben sich daraus nicht, der "European Club" der Gegenwart existiert nur noch als dekadentes Freiluftgehege. Die junge englische Geld-Elite, die ihre Zwanziger im tropischen Hongkong verbringt, beschäftigt sich mit sich selbst, und enthält sich ansonsten jeglichen Kommentars.

Man kann den Roman als Porträt einer globalisierten Jeunesse dorée lesen, die mondän über Diktatur und Unterdrückung in den Peripherien hinwegsehen kann. Er benennt aber auch den Preis, er besteht in der Mittäterschaft: Um ihren extravaganten Lebensstil, ihren kolonialen Status wenigstens als Simulation aufrechterhalten zu können, müssen sie über die Diktatur schweigen und machen sich auf diese Weise zu Komplizen. Auch die Erzählerin Ada geht den faustischen Pakt schließlich ein. Sie reist mit Julian zurück nach Europa, einer finanziell sorglosen Zukunft entgegen, und überlässt Edith ihrem Schicksal. Ihre Verwandlung von der mittellosen Idealistin zu Julians künftiger Ehefrau vollzieht sich im letzten Satz: "Es war mir egal."

Und Ada ist nicht einmal die einzige literarische Erzählerin in diesem Jahr, die sich aus niederen Motiven der chinesischen Diktatur unterwirft. Auch die sino-amerikanische Schriftstellerin Ling Ma hat in ihrem vielfach ausgezeichneten Debütroman "New York Ghost" eine Figur entworfen, die vor demselben moralischen Dilemma steht und sich sogar noch brutaler verhält.

Mas Erzählerin arbeitet bei dem New Yorker Kunstbuchverlag "Spectra" in der langweiligen, aber rentablen Abteilung für Bibeln und leidet darunter, nicht in der glamourösen Kunstabteilung tätig zu sein, wo die Modigliani- und Warhol-Bildbände von Frauen hergestellt werden, die schöner und weltläufiger sind als sie und zu denen sie unbedingt aufschließen möchte. Die Bibeln werden in Hongkong und dem benachbarten Shenzhen gedruckt, regelmäßig fliegt sie hin, um mit den Lieferanten zu verhandeln.

"New York Ghost" ist im Original schon 2018 erschienen, was deshalb nicht ganz unwichtig ist, weil im Mittelpunkt eine globale Pandemie steht, das sogenannte Shen-Fieber. Die Krankheit überträgt sich über die Atemluft und erfasst von China aus den ganzen Globus. Es ist ein bisschen schwindelerregend, wie detailliert Ling Ma die Phasen einer globalen Pandemie beschreibt, die Masken, das Home-Office, die verstopften Ausfallstraßen, über die sich die Städter zur Quarantäne aufs Land zurückziehen. Der Unterschied zur Corona-Pandemie besteht vor allem darin, dass das Shen-Fieber in kurzer Zeit zum Tode führt und in diesem Roman nur eine Handvoll Menschen überleben, die zufällig immun sind.

Wenn sie die Lieferanten besucht, wird die Erzählerin immer auch mit ihrer eigenen Geschichte konfrontiert. Sie ist in China zur Welt gekommen, sie spricht noch ein holpriges Kinderchinesisch und plaudert mit den Arbeitern über ihre Herkunftsregion, über ihre Onkel und Tanten, die noch immer in China leben. Stets steht ihr vor Augen, dass sie in diesem Lieferantenverhältnis jederzeit auf der anderen Seite stehen könnte, wenn ihre Eltern damals nicht nach Utah ausgewandert wären.

Ling Ma: New York Ghost. Roman. Aus dem Englischen von Zoë Beck. Culturbooks, Berlin 2021. 360 Seiten, 23 Euro.

Aber um nicht rührselig zu werden, verdrängt sie ihre Angefasstheit und handelt die Verträge als Amerikanerin aus. Die Bedingungen stellen kein Problem dar: Sollte es in den Büchern Weltkarten geben, "müssen Tibet und China in derselben Farbe gedruckt werden", erklären ihr die Arbeiter, "Sonst dürfen die Bibeln nicht ausgeliefert werden. Taiwan ebenfalls. Hongkong. Das alles muss in derselben Farbe wie China gedruckt sein. Wissen Sie, wir sind alle eins."

Als die Druckerei später eine Lieferung platzen lässt, weil das Shen-Fieber wütet und das Leben der Arbeiter auf dem Spiel steht, kippt die Professionalität der Erzählerin ins offen Grausame: Sie treibt eine konkurrierende Firma auf, die bereit ist, ihre Angestellten für den Auftrag in den sicheren Tod gehen zu lassen. Auf diese Weise sichert sie den Nachschub im letzten Moment, aber als die Ladung mit den Bibeln auf dem Schiff ist, macht auch diese Firma dicht, "weil die Arbeiter gesundheitliche Probleme durch Pneumokoniose hatten. Ich machte nur meine Arbeit." Metaphorisch gesehen könnte man ihre Rolle so umreißen: Um an den begehrten Job in der Kunstbuchabteilung zu kommen, bringt sie ihre eigene Familie um.

Die Erzählerin ist für den westlichen Menschen insofern exemplarisch, als ihre Doppelrolle als Bürgerin und Marktteilnehmerin zu einem moralischen Dilemma wird, das ihr zwangsläufig eine Mitverantwortung für die Ausbeutungsverhältnisse am anderen Ende der Welt zuweist. Und anders als Naoise Dolans Erzählerin ist ihr das sogar bewusst.

Hongkong ist in diesem Buch weniger eine Stadt als ein historischer Moment, der diese Doppelrolle, die lange gut auszuhalten war, final unmöglich macht. Die Erzählerin könnte auf die Lieferung leicht verzichten, besteht jedoch kafkaesk auf die Einhaltung der Verträge, während die Welt buchstäblich untergeht.

Selbst als die meisten Druckereien schon geschlossen sind, weil in Hongkong fast niemand mehr lebt, drückt die Erzählerin noch die Preise. Als die Krankheit auch in New York die Menschen dahinrafft, geht sie ungerührt weiter ins Büro, obwohl die Flure bald leer sind und sie die Letzte ist, die überhaupt noch dort noch auftaucht. Als auch keine U-Bahnen mehr fahren, bezieht sie in ihrem Büro die Schlafcouch. Die letzte E-Mail, die sie schickt, wird schon niemanden mehr erreichen, alle sind tot, sie verhandelt mit niemandem mehr.

© SZ/masc
Zur SZ-Startseite

Ben Lerner und die Lyrik
:Hinter Gitter gerettet

"Warum hassen wir Lyrik?", fragt der amerikanische Schriftsteller Ben Lerner. Und auf die Theorie folgt die Praxis: seine gesammelten Gedichte.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB