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Kino: Nazi-Verbrecher aus Österreich:Spitzname "Schlächter von Vilnius"

Film

Franz Murer (Karl Fischer, rechts) bekam für seine Taten den Spitznamen „Schlächter von Vilnius“.

(Foto: Verleih)

Der Film "Murer - Anatomie eines Prozesses" erzählt die wahre Geschichte eines Massenmörders, der im Nachkriegs-Österreich nur zu gern für unschuldig gehalten wird.

Von Jan Jekal

Es ist eine bekannte Eigenschaft mancher Täter, sich selbst für Opfer zu halten. Aus der Defensive heraus rechtfertigen sie Ungeheuerliches, eigene Grenzüberschreitungen relativieren sie mit dem Verweis auf äußere Umstände: Es war eben die Zeit. Krieg ist Krieg.

Eine besonders perfide Anwendung dieser Methode schildert der österreichische Regisseur Christian Frosch in seinem Gerichtsdrama "Murer - Anatomie eines Prozesses", das eine historische Verhandlung nachzeichnet.

Der österreichische NS-Verbrecher Franz Murer, der wegen seiner Taten den Spitznamen "Schlächter von Vilnius" verpasst bekam, muss sich Anfang der Sechzigerjahre für seine grausame Herrschaft über die besetzte litauische Stadt Vilnius während des Zweiten Weltkriegs verantworten.

Die Öffentlichkeit glaubt dem geschätzten Mitbürger und Kriegsheimkehrer

In Graz wird ihm der Prozess gemacht, auf Druck des Architekten, Publizisten und Holocaustüberlebenden Simon Wiesenthal, gespielt von Karl Markovics. Jüdische Überlebende lassen in emotionalen Zeugenaussagen an Murers Sadismus keinen Zweifel.

Die österreichische Nachkriegsöffentlichkeit jedoch, die sich in einem Sublimierungsmanöver zu großen Teilen nachträglich zu "Hitlers erstem Opfer" erklärt, beharrt auf der Unschuld des geschätzten Mitbürgers und Kriegsheimkehrers. Murer (Karl Fischer) inszeniert sich mit Hilfe seines Verteidigers als argloser Landwirt, im steirischen Dialekt säuselnd. Die ganze Angelegenheit sei eine Verwechslung.

Eigentlich hat er sich für die Verhandlung einen feinen Zwirn überziehen wollen, aber davon hat ihm der Verteidiger abgeraten. Die Abzeichen solle er besser mal lassen. Lieber die alte Tracht, die abgewetzte. Die Ehefrau protestiert, man ist ja schließlich Großbauer und ihr Mann soll nicht aussehen wie ein Dahergelaufener. "Glauben Sie mir, die Tracht ist Arbeit, ist Heimat", sagt der Verteidiger, der mit süffisanter Abgeklärtheit an einer Zigarette zieht, während er seinen Mandanten berät.

Die Rolle des bescheidenen Bauern, der in schwierigen Zeiten nur seine Pflicht getan hat - Krieg ist Krieg -, würden ihm die acht Geschworenen schon abnehmen. "Sie dürfen nur eines nicht", warnt der Verteidiger, "aus der Rolle fallen".

Froschs Film ist streckenweise ein Gerichtssaaldrama nach amerikanischem Vorbild, mit der genretypischen Figurenkonstellation, zu dem der spitzfindige Verteidiger ebenso gehört wie ein mit sich ringender Geschworener.

Das dramatische Potenzial dieses Rahmens wird verschärft, da das große Unrecht - die Schreckensherrschaft des Nazis Murer - vom Grazer Justizapparat nicht als solches erkannt wird. Es kommt sogar so weit, dass die wahren, aber hochemotionalen Wortmeldungen der Zeugen vor der instrumentellen Vernunft des Gerichtsverfahrens weniger wert sind als die mit ruhiger Stimme vorgetragenen Lügen Murers.

Oder, wie es der zweifelnde Geschworene zynisch auf den Punkt bringt: "Man darf Leute umbringen, das ist kein Problem. Hauptsache, der Ton stimmt."

Obwohl der Film sich akribisch dem Verfahren widmet und sich am historischen Protokoll orientiert, verlässt Frosch den Gerichtssaal an einigen Stellen, um die verschiedenen Akteure näher zu betrachten. Sein im Laufe des Films immer deutlicher werdendes Anliegen ist es, der ermordeten jüdischen Gemeinde von Vilnius ein Denkmal zu setzen.

Er gibt vor allem den Geschichten der aus der Diaspora zurückgekehrten Zeugen Raum, zeigt sie jenseits des Gerichtssaals, und arbeitet differenziert ihre Komplexe als Überlebende heraus. Nicht immer kann Regisseur Frosch die ästhetischen Schwächen, die Filmen mit aufklärerischem Impetus oft anhaften, vermeiden.

Notwendige Informationen ungelenk untergebracht

Notwendige Informationen werden mitunter ein wenig ungelenk in Dialogen untergebracht, filmischer Einfallsreichtum weicht bisweilen der schlichten Nachbebilderung von historischen Vorgängen. Dennoch gelingt es Frosch, und dabei hilft ihm das durchweg souveräne Ensemble, den historischen Prozess zu einem spannenden Film zu verarbeiten.

Murer - Anatomie eines Prozesses, Österreich/Luxemburg 2018 - Regie, Buch: Christian Frosch. Kamera: Frank Amann. Mit: Karl Fischer, Alexander E. Fennon, Ursula Offner, Karl Markovics, Gerhard Liebmann, Roland Jaeger, Melita Jurisic. Der Filmverleih, 137 Minuten.

© SZ vom 23.11.2018/odg
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