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Buch "Noah. Von einem, der überlebte":An die Nachgeborenen

Noah Klieger bei der Aufzeichnung der ZDF Talkshow Markus Lanz im Studio Stahltwiete Hamburg 13 05

Noah Klieger bei der Aufzeichnung der ZDF-Talkshow "Markus Lanz" in Hamburg 2015.

(Foto: imago)

Nach dem Skandal um den Holocaust-Kitsch seines Romans "Stella" protokolliert Takis Würger in seinem neuen Buch die Lebensgeschichte des Shoah-Überlebenden Noah Klieger.

Von Marie Schmidt

Takis Würger hat eine Laufbahn hingelegt, die einem Journalisten viel Glaubwürdigkeit einbringt. Er volontierte bei der Abendzeitung in München, ist also die Ochsentour durchs Lokale und den Boulevard gegangen. Danach war er auf der Henri-Nannen-Journalistenschule und wurde Redakteur im Gesellschaftsressort des Spiegel, einem in der Branche viel beachteten Ort für Reportagejournalismus. Seinen Texten merkt man inzwischen zwei häufige déformations professionelles an: ein arg nervöses Verhältnis zur Bedeutung des eigenen Tuns und eine Leidenschaft für die starke Vereinfachung von Gedanken und Sätzen. Ein halbes Jahr bevor die gefälschten Reportagen von Claas Relotius Ende 2018 auch die Arbeitsweise seines Hamburger Ressorts in Misskredit brachten, wechselte Würger innerhalb des Spiegel zum Kulturteil.

Da beschrieb er dann etwa, wie die Schriftstellerin Inger Maria Mahlke an ihrem Roman "Archipel" arbeitete, für den sie später den Deutschen Buchpreis bekam. Andere Preise hatte sie schon, aber Würger merkte an: "Trotz dieser Preise ist Mahlke dem breiteren Publikum nicht sonderlich bekannt." Würgers eigener Debütroman "Der Club" war 2017 bei Kein & Aber erschienen und ein Überraschungserfolg. In seiner Reportage zeigte er sich fassungslos, dass eine Frau wie Mahlke ganze Romane für so wenige Leser schreibt, der letzte Satz war: "Sie ist Schriftstellerin, sie hat kaum Geld, niemand rastet aus, wenn ihr neues Buch im Laden steht, aber sie ist eine, und vielleicht ist das genug." So in sich kreisende Sätze sind Würgers Stil.

Sein zweiter Roman "Stella" erschien 2019 bei Hanser und war spürbar dazu gedacht, viele Leute ausrasten zu lassen. Eine schwüle Liebesgeschichte zwischen einem fiktiven Schweizer, der aus unklaren Gründen 1942 nach Berlin geht, und sich dort in die titelgebende Frau verliebt, die auf einer historischen Figur beruht: Die Jüdin Stella Goldschlag versuchte in der Nazizeit, sich und ihre Eltern vor der Deportation zu retten, indem sie versteckte Juden bei der Gestapo denunzierte. Die Geschichten Verfolgter zu erzählen, die aus Angst vor der Vernichtung durch die Deutschen selbst zu Mittätern wurden, ist die schwierigste Aufgabe der Erinnerungsliteratur. In "Stella" fungierte die Fragwürdigkeit der weiblichen Hauptperson vor allem als Extrakick eines erotischen Plots, und Würgers kurze Sätze scheiterten an der Verantwortung, die er sich mit dem Stoff aufgeladen hatte: "Es gibt Schuld", lautete platterdings die Erkenntnis des Buches. Der Roman instrumentalisiere leichtfertig die Schicksale Stella Goldschlags und ihrer Opfer, befanden die Kritiker mehrerer Zeitungen. Seine Fans verteidigten Würger leidenschaftlich, es kam zum Literaturskandal. Goldschlags Nachlassverwalter prangerten die Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte an.

Diesmal sichert sich Würger mit drei Nachworten gegen Kritiker ab

Würgers drittes Buch "Noah" erscheint jetzt im zu Random House gehörenden Penguin-Verlag. Er erzählt darin von dem Shoah-Überlebenden Noah Klieger, und es ist kein Skandal. Eher ein langes Protokoll monatelanger Gespräche: "Noah hat mir seine Geschichte erzählt. Er hat sie, wie sie hier steht, gelesen und redigiert", schreibt Würger im Nachwort, einem von dreien, mit denen er sich gegen Vorwürfe wie beim letzten Mal absichert. Ein anderes ist von Alice Klieger, der letzten lebenden Verwandten Noah Kliegers, ein drittes trägt die Holocaust-Forscherin Sharon Kangisser Cohen über die Bedeutung der Oral History und der Zeugenliteratur bei.

Noah Klieger schloss sich als Jugendlicher in Belgien dem jüdischen Widerstand an und half Kindern bei der Flucht. 1942 wurde er verhaftet und über das Lager Mechelen nach Auschwitz gebracht. Er entging der Ermordung nur um ein Haar. Nach der Befreiung half er, die Auswanderung jüdischer Überlebender nach Palästina zu organisieren, und stieg 1947 selbst auf die Exodus, das schrottreife, überfüllte Flüchtlingsschiff, das durch eine harte Schlacht mit britischen Zerstörern berühmt wurde, die die Immigranten vom damaligen Mandatsgebiet Palästina fernhalten sollten. Kaum in Haifa angekommen, wurden sie nach Europa zurückverfrachtet, auf der Fahrt entging Klieger noch einmal knapp dem Tod. Schließlich kam er doch an und wurde nach der Gründung Israels ein bedeutender Journalist der Zeitung Yedioth Acharonoth.

Takis Würger: Noah. Von einem, der überlebte. Penguin, München 2021. 188 Seiten, 20 Euro.

2018 ist er mit 93 Jahren gestorben, und es ist ja unabweisbar dringend, dass wenn die Zeitzeugen der Naziverbrechen nicht mehr leben, nachfolgende Generationen die Erinnerung wach halten müssen. Noah Klieger hätte der Hilfe Würgers indes nicht unbedingt bedurft. Er war ein engagierter Zeitzeuge, es gibt viele Interviews mit ihm und seinen autobiografischen Band "Zwölf Brötchen zum Frühstück: Reportagen aus Auschwitz", der 2010 im mittlerweile nicht mehr existierenden Verlag Wolf Jobst Siedler erschien. "Das Buch hatte damals kaum jemanden interessiert", schrieb Würger in einem Text im Spiegel, mit dem er jetzt sein eigenes Buch bewarb: "Es ist schon seit Jahren nicht mehr lieferbar." Es wäre womöglich ein sinnvollerer Dienst an Kliegers Lebenserinnerungen gewesen, daran etwas zu ändern.

Zumal Würgers Stil literarisch weiter ein Problem ist. Sein Buch "Noah" besteht aus Sätzen wie: "Der Marsch dauerte zehn Tage. Nachts schlief Noah auf der Erde. Ab und zu schoss ein SS-Mann einem Menschen neben ihm in den Kopf." Die Verkürzung dient dem Schock, und um der Unmittelbarkeit willen geizt Würger viel stärker als Klieger in seinem eigenen Buch mit Kontextwissen, sodass man über die Vernichtungslager und im zweiten Teil über die Alija Bet entweder schon alles wissen muss, um die Geschichte zu begreifen, oder viel googeln. Ob diese Form wie intendiert die Erinnerung an ein atemberaubendes Schicksal in die Zukunft rettet, oder die Verbrechen des 20. Jahrhundert doch eher abstrakt werden lässt in den Augen der Nachgeborenen, bleibt eine beunruhigende Frage.

© SZ/crab
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