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"Stella" von Takis Würger:Ein Ärgernis, eine Beleidigung, ein Vergehen

Jun 06 1957 Gestapo agent at the court On June 20th the trial against the 34 years old Stella K

Im Jahr 1957 steht Stella Goldschlag in West-Berlin vor Gericht, rechts ihr Verteidiger. Der Tochter deutsch-jüdischer Eltern wird vorgeworfen, in den Jahren 1943-45 Juden der Gestapo ausgeliefert zu haben.

(Foto: imago/ZUMA/Keystone)
  • Im seinem zweiten Roman behandelt Takis Würger die historische Geschichte der Stella Goldschlag, die in den Jahren des Zweiten Weltkriegs versteckte Juden denunzierte.
  • Ärgerlicherweise scheint "Stella" ohne jedes Problembewusstsein für Literatur, Literarisierung und Geschichte geschrieben worden zu sein.
  • Damit ist der Roman auch das Symbol einer Branche, die jeden ethischen oder ästhetischen Maßstab verloren zu haben scheint.

Manchmal braucht es gar nicht viel für einen Verrat an Geschichte und Erinnerung. Ein einziges Bild des KZ-Dramas "Kapo" reichte 1960 dem damals noch vor allem als Filmkritiker tätigen Jacques Rivette - eine womöglich unangemessen ästhetisierte Einstellung der ausgestreckten Hand von Emmanuelle Riva, tot im Elektrozaun eines namenlosen Nazi-Lagers hängend - um dem Regisseur Gillo Pontecorvo seine voyeuristische und pornografische Darstellung des Undarstellbaren vorzuwerfen.

Takis Würger, der hauptberuflich Reporter des Spiegel ist und mit seinem Debütroman "Der Club" viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, nimmt sich mit seinem zweiten Roman "Stella", laut Klappentexter Daniel Kehlmann, nun genau dieses "Aberwitzige vor: das Unerzählbare erzählen." Das ist nur die halbe Wahrheit. Es ist kein Buch, das kühn Grenzen überschreitet, auch keins, das alle Gefahren geschickt umschifft, um ins "Unerzählbare" vorzustoßen. Es scheint vielmehr einfach ohne jedes Problembewusstsein für Literatur, Literarisierung und Geschichte geschrieben worden zu sein.

Hintergrund ist ein historischer Fall, der durch Berichte und Erinnerungen von Überlebenden spukt und bereits in den sonst so verschwiegenen Fünfzigern der BRD medial ausgeschlachtet wurde. Die Frau, die golden vom Cover lächelt, ist Stella Kübler, geborene Goldschlag, Tochter gutbürgerlicher deutsch-jüdischer Eltern, die in den Jahren des Zweiten Weltkriegs und der Deportationen in Berlin für die Gestapo als "Greiferin" tätig ist und versteckte Juden denunziert und so in den Tod schickt. Nach Kriegsende wird sie erkannt und von einem Sowjet-Militärtribunal zu zehn Jahren Haft verurteilt, die sie in diversen Speziallagern und Gefängnissen in der SBZ und dann der DDR verbringt. Danach kommt es in Westberlin zu einem weiteren Prozess, der jedoch nicht zu einer weiteren Haftstrafe führt.

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Hauptfigur und Erzähler in Takis Würgers Roman hingegen, wie könnte es anders sein, ist ein junger Mann, der sich in Stella verliebt. Mit John-Irving'scher Aufdringlichkeit entwirft Würger die Kinder- und Jugendjahre seines Protagonisten, der in der Nähe von Genf im Schatten allerlei familienpathologischer und soziopolitischer Ominösitäten aufwächst. Sein Vater ist Schweizer Importunternehmer mit kosmopolitischen Anwandlungen, seine Mutter deutsche Trinkerin mit stärker werdenden antisemitischen Tendenzen und künstlerischer Ader. Die freundliche jüdische Köchin der Familie ist namenlos, aber dick. Als Kind bewirft Friedrich einen fremden Reisenden mit einem Schneeball und gibt es, weil er nicht weiß, was eine Lüge ist, anschließend zu. Der Fremde reißt ihm mit einem Ambosshorn die Wange auf, der junge Friedrich ist danach absolut farbenblind - sic!, wenn nicht das ganze Buch ein einziges sic! wäre.

Friedrich erzählt in der Rückschau, in betont simpler Sprache, aber mit aufdringlich genauem Blick für, zum Beispiel, die Beschaffenheit von Türknäufen oder den Wortlaut von Werbeplakaten. Als aus dem naiven Kind ein naiver junger Mann geworden ist und genug Motive und Symbole eingeführt sind, um die Existenz eines poetischen Konzepts behaupten zu können, geht er 1942 nach Berlin.

Warum genau, abgesehen von vagem Hunger nach Exotik, es ihn ausgerechnet nach Berlin zieht, ist nicht klar, warum er sich dort für einen Zeichenkurs anmeldet (Mutter, Trauma) hingegen schon. Er verguckt sich in das schöne blonde Aktmodell, das sich ihm als "Kristin" vorstellt, aber "Pünktchen" genannt werden will (vielleicht, weil er so ein Anton ist) und sich natürlich irgendwann als Stella entpuppt. Sie erleben wunderschöne Tage im Klischee, der schneidige SS-Mann Tristan von Appen, der heimlich jüdische Jazz-Platten hört und Käse aus Paris isst, rundet die Jules-et-Jim-Triade ab, bis sie jäh gestört wird: "Ich wollte nicht, dass mein Freund Tristan in der SS ist. Ich wollte nicht, dass Kristin für ein Ministerium arbeitet. Ich wollte, dass wir drei weiter tanzen."

Für den Stella-Strang hakt sich Würger bei Peter Wyden unter, dessen Sachbuch aus den Neunzigern über den Fall ebenfalls "Stella" heißt. Wyden, geboren in Berlin als Weidenreich, verstorben 1998, kannte Goldschlag noch aus Schulzeiten. Beide besuchten die 1935 gegründete Privatschule für jüdische Kinder von Leonore Goldschmidt. Wyden war in die gleichaltrige Goldschlag stark verknallt. Während er mit seiner Familie 1937 in die USA emigrieren konnte, blieben die Goldschlags in Berlin. Stellas Vater Gerhard war Komponist und einer jener tragischen patriotischen Juden, die glaubten, dass ihre Liebe zu Goethe und Schubert und ihr Frontdienst im Ersten Weltkrieg sie beschützen würden - und dass die Gewalt und Ausgrenzung der Nazis, das beschreibt Wyden unumwunden, doch eigentlich nur für die Ostjuden bestimmt sei, die sie als Deutsche mosaischen Glaubens fast genauso skeptisch beäugen wie ihre arischen Nachbarn.

Nach dem Fall der Mauer machte sich Wyden daran, die Geschichte seiner Beinah-Jugendliebe zu erforschen, und die Erfahrungen seiner Emigranten-Generation gleich mit. Das Ergebnis steht in einer Reihe journalistischer Sachbücher, in denen sich jüdische Journalisten aus den USA in den Neunzigern mit angemessen kritischem Blick dem neuen Deutschland näherten, wie "Unter Deutschen" von Jane Kramer, "Explaining Hitler" von Ron Rosenbaum oder "Bist du der König der Juden?" von James Schapiro über die Passionsspiele in Oberammergau.