Bahnchaos in Köln:Wir sehen uns wieder

Bahnchaos in Köln: Chaos in Köln: Der Hauptbahnhof am ersten Abend der Hochwasserkatastrophe.

Chaos in Köln: Der Hauptbahnhof am ersten Abend der Hochwasserkatastrophe.

(Foto: Marlene Knobloch)

Kommunikation, wenn nichts mehr geht: Bahnhofsszenen im NRW-Chaos.

Von Marlene Knobloch

Die Welt zerfließt in grauer Brühe und mit ihr alle Fahrpläne. Regen gießt auf Köln, als uns Screens, Hotlines und Webseiten im Stich lassen. Es ist der erste Abend der Hochwasserkatastrophe in Nordrhein-Westfalen. Acht Uhr, der Bahnhof Messe/Deutz hat in den letzten Stunden weniger Züge gesehen als Unterheckenhofen am ersten Weihnachtsfeiertag. Menschen stehen in aufgeplusterten Regenmänteln und mit in Frischhaltefolie eingewickelten Rollkoffern am Bahnsteig, schieben frustriert die FFP2-Maske rauf und runter, schauen vom Handydisplay auf die Informationstafel und wieder zurück. Die Tauben sehen mitgenommen aus, vom Regen zerrupft segeln sie die leeren Gleisbetten entlang. Keiner von uns weiß, wie anders heute alles ist, aber dass heute alles anders ist, liegt in der schwülen Luft.

Noch weiß keiner, was genau heute Nacht passieren wird, noch kennt niemand die Orte Ahrweiler oder Bad Münstereifel, noch hat niemand von irren Zahlen gehört, mehr als 100 Tote, Tausende Vermisste, einstürzende Rathäuser. Noch stehen da einfach nur viele genervte Bahnreisende.

Wenig treibt den Bahngast so in die Unruhe wie die Ahnungslosigkeit. Der ICE nach München, der um 18.46 Uhr fahren sollte, taucht auf der Anzeigetafel auf. Dann steht der ICE von 19.36 Uhr angeschrieben. Verschiedenste Züge tauchen auf und verschwinden wieder. Dazu immer höher werdende Zahlen der verspäteten Minuten. Plötzlich steht Dortmund auf dem blauen Schild. Dortmund? Ein Stöhnen geht am Gleis herum, "Jetzt steht Dortmund da", echot es in die Telefone. Dann leuchtet wieder der ICE von 19.46 Uhr. "Jetzt steht wieder München angeschrieben", protokollieren die Wartenden ihren Liebsten. Aber irgendwann ist es auch unseren Liebsten egal, was der ICE 615 macht. Wir lassen langsam unsere Handys sinken, und da passiert es: Wir schauen uns wieder an, als entdeckten wir ein vergessenes Relikt: Mitmenschen. Fragende Augen blicken einander über den Masken an. Vorsichtiges Anpirschen, entschuldigen Sie, wohin müssen denn Sie? Nach Brüssel. Aber ich habe gehört, dahin fährt heute nichts mehr. Ich habe gehört, der Zug steht in Düsseldorf. Ich habe gehört, der Hauptbahnhof ist komplett gesperrt. Als Häftlinge einer höheren Macht tauschen wir unsere spärlichen Informationen aus. Jeder weiß ein bisschen was. Zusammen puzzeln wir uns eine Vermutung zusammen: Heute geht überhaupt kein Zug mehr. Ein Backpacker, der eigentlich nach Berlin wollte, wird bei einem Pärchen übernachten, das er damals in Vietnam kennengelernt hat. Sie leben in einem kleinen Haus, wo man im Garten mit einer Schaufel aufs Klo geht, erzählt er uns. Der junge Mann, der nach Brüssel will, ruft einen Freund an mit den Worten: "Salve! Du, mir steht das Wasser bis zum Hals." Und dann verrät er den weniger gut in Köln vernetzten, dass es am Schalter Hotelgutscheine gibt.

"Ich habe gehört..." - "Ich habe gehört..." Und plötzlich sieht man sich wieder als Mitmenschen"

Kommunikation ist unwahrscheinlich, wusste Niklas Luhmann. Er kannte sich aus mit den Hindernissen dieser Gesellschaftspraxis. Schwellen der Entmutigung, nennt sie der Soziologe. Und wunderte sich, wie die Gesellschaft überhaupt überlebt, obwohl sie schlecht angepasst ist an die Umwelt, "obwohl sie immer wieder Umweltressourcen verbraucht", sagte er mal in einem Interview und klingt damit gruselig aktuell. Wie unwahrscheinlich Kommunikation ist, erlebte die Pandemie-Gesellschaft im vergangenen halben Jahr. Jetzt trifft eine neue Krise auf die verrosteten Lockdown-Eremiten, die plötzlich über ihre einsamen Schatten springen.

Das Herz der Deutschen Bahn schlägt selten über die Grenzen des Fahrgastrechts hinaus. Die junge Frau neben mir am Serviceschalter bricht in Tränen aus. Die Mitarbeiterin hinter der Scheibe wiederholt die Hiobsbotschaft: "Ich kann für Ihr Ticket keinen Taxigutschein ausstellen. Das geht nur", und in den letzten drei Buchstaben wiegt sie liebevoll das deutsche Regelwerk: "nur für Tickets aus dem Fernverkehr."

"Ich bin hier in der Fremde", schreit die junge Frau und wedelt mit dem feucht zerknitterten Ticket dem dunkelnden Deutz draußen. Ein Kind wälzt sich am Bahnhofsboden mit einem Kuschelhasen unterm Arm, der Vater steht neben ihm mit großen Rucksäcken, aus der Tüte zu seinen Füßen ragen Taucherflossen und Schnorchel. Die Frau vor dem Schalter schüttelt die nassen Haare. Sie habe das Ticket vom Staat gezahlt bekommen, sie habe kein Geld für ein Hotel, geschweige denn ein Taxi. "Dann müssen Sie die Nacht am Bahnhof schlafen", resümiert die Bahnangestellte. Der Vater, der versucht, seine Tochter vor Hepatitis B zu bewahren, und sie zum Aufstehen zu bewegen, mault von hinten: "Jetzt mach mal keinen Aufstand, Mädel." Und als die Frau ihren feuchten Zettel an sich reißt und weinend wegrennt, versichert er mir, als kannten sich die beiden ein Leben lang: "Ich schau gleich nach ihr."

"Ihr Kofferraum steht offen", rufe ich dem Fahrer ins Auto. "Ich weiß", sagt er und redet mit Serhat weiter, wie es auf dem am Armaturenbrett befestigten Handydisplay steht. Ich steige ein, der Fahrer wechselt von fließend Türkisch in fließend Kölnisch. "So wohin willste denn?" Ich schaue auf den Hotelgutschein der Bahn und sage ihm die Adresse. "Wat willste denn im Hotel?" Ich erkläre, was passiert ist. Arbeit, Erschöpfung, Krise. Aber die Kölner Frohnatur am Steuer ist unempfänglich für Notlagen aller Art. "Na, is doch klasse. Haste noch eine Nacht in Kölle!" - "Jaja. Sie sehen das alles aber sehr positiv", grantel ich von der Rückbank. "Na hör ma, wat willste denn machen? Man lebt nur einmal!" Darauf fällt mir auf die Schnelle keine Gegenthese ein. "Also", beginnt er und verlangsamt den Wagen. "Ich würd jetzt in ein Brauhaus fahren und schön wat Jutes essen jehn. Ich fahr dich in die Altstadt für das Geld." Die Hochhäuser von Köln-Deutz verschwimmen draußen. Ich seufze. "In die Altstadt bitte."

© SZ/eye
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