Thalia Theater Hamburg:Lauter Thomas Männer

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Thalia Theater Hamburg: Die Maske hat bei diesem "Tod in Venedig" ganze Arbeit geleistet und vier Frauen in sehr realistische Thomas Männer verwandelt.

Die Maske hat bei diesem "Tod in Venedig" ganze Arbeit geleistet und vier Frauen in sehr realistische Thomas Männer verwandelt.

(Foto: Krafft Angerer)

"Der Tod in Venedig" wird am in Hamburg zum großen Theater-Erlebnis. Heimlicher Star: die Maske.

Von Till Briegleb

Wann gewinnt schon einmal die Maske eine Schlacht im Theater? Diese niemals in Rezensionen erwähnte Abteilung, deren Arbeit, wenn sie auffällt, höchstens den Kostümbildnerinnen oder Kostümbildnern angerechnet wird. Und die außerdem unter dem Handicap zu leiden hat, dass es Close-Ups selbst in Bühnenstücken mit Video-Einsatz so selten gibt, dass man die Raffinesse der Verwandlung, zu der ihre Mitarbeiter fähig sind, als Zuschauer sehr selten wirklich zu würdigen fähig ist. Aber nun war die Stunde der Maske gekommen. Julia Wilms, Jutta Böge und Esther Chahbaznia, Kopfkünstlerinnen aus dem Hause Thalia, vollbrachten für Bastian Krafts Inszenierung von "Der Tod in Venedig" die Metamorphose von vier Frauen in Thomas Männer und 13 weitere bärtige Herren in einer Perfektion, die an Special Effects grenzt.

Schon wenn Oda Thormeyer, Victoria Trauttmansdorff, Karin Neuhäuser und Sandra Flubacher in grauen Dreiteilern mit und ohne Nadelstreifen, mit und ohne goldenen Uhrketten an der Weste, aber ansonsten identisch ge-male-faced auf die Bühne des Thalias in der Gaußstraße schlendern, um sich als vier Nuancen des Lübecker Nobelpreisträgers Gedanken über den Beginn der Novelle zu machen, gehen vier Wow-Wellen durchs Publikum. Und wenn im Verlauf der 80-minütigen Nacherzählung des pädophilen Liebesdramas auf dem Lido dann auch noch diverse Nebenfiguren auf der Leinwand im Hintergrund erscheinen, die Bühnenbildner Peter Baur als einziges Raumelement dieser Inszenierung einsetzt, wird die Verblüffung vollkommen. Selbst Schauspielerinnen, die seit fast dreißig Jahren in diesem Ensemble wirken, sind als Bootskapitän, Gondoliere oder Gepäckträger nicht auf den ersten Blick wiederzuerkennen, obwohl sie wirklich in Großaufnahme erscheinen.

Hauptfigur ist hier nicht Aschenbach, sondern Thomas Mann selbst

Der Hyperrealismus dieser Gesichtsbehandlungen, der bis zu fauligen Zähnen, Altersflecken und den typischen Pudergräben verschämt zugekleisterter Falten reicht, hat einen großen Anteil an der filmischen Erzählweise dieser Inszenierung, die sich zwar eines eigenen theatertypischen Ansatzes bedient, in diesem Rahmen aber dann doch wie Kino wirken will - wenn auch nicht genau so wie Luchino Visconti es 1971 in seiner berühmten Adaption getan hat. Denn die Hauptfigur von Bastian Krafts Venedigreise ist nicht der an Knabenliebe, Scirocco und Cholera zu Grunde gehende Schriftsteller Gustav von Aschenbach, sondern Thomas Mann selbst. Schließlich sind wenig Zweifel in der Literaturwissenschaft darüber vorhanden, dass Autor und Protagonist in diesem Text in ihren Sehnsüchten und Ängsten stark verschmolzen sind.

Eitel und ironisch beginnen die vier Thomasse den Abend im Acht-Augengespräch über den Beginn der Geschichte, entwerfen gemeinsam in Verbesserungsvorschlägen und viel Eigenlob die Figur und die Reifung ihres Entschlusses, einfach mal zu verreisen. Sehr amüsant die gängigen Vorstellungen über ein großbürgerliches Künstlergenie der vorletzten Jahrhundertwende in vier Charaktervariationen von zweifelnd bis arrogant ausspielend, verwandeln sich die Dichter immer mehr zur Romanfigur. Spätestens ab dem Moment, wo Victoria Trauttmansdorff den Gesellschafts- mit einem Matrosenanzug vertauscht (Kostüme: Jelena Miletić) und als göttlicher Knabe Tadzio das Objekt des Begehrens verkörpert, geht Thomas in Gustav völlig auf - bis zum Tod durch Seuche.

Gutes Schauspiel überwältigt die Fantasie genauso wie ein Film

Auch der perfekte Schnitt zwischen Bühnen- und Filmszenen, die teils aus Schattenspielen unter Verwendung von Schrift und Buchstaben, teils aus den lippensynchron gesprochenen Einblendungen des perfekt historisch maskierten Quartetts in allen Nebenrollen bestehen, unterstreicht den cineastischen Anspruch dieser Inszenierung. Selbst wo mal kurz aus der Rolle getreten wird, um gewisse Sätze des Buches auf ihren womöglich rassistischen Inhalt zu befragen oder die Problematik einer kunstvoll verklausulierten Verherrlichung von Pädophilie in den Raum zu stellen, wird der unterhaltsame Fluss dieser Aufführung nicht unterbrochen.

Ironie und Illusion ohne eine einzige echte Requisite auf der Bühne zu verbinden, wird schließlich durch das langsame Einsickern von Wasser noch vervollkommnet. Als flüssige Metapher für das Vordringen der Wahrheit über die tödliche Infektionskrankheit, als Sinnbild der fauligen Jauche in Venedigs Kanälen, die die indische Cholera unaufhaltsam überall hin verbreitet, aber auch als bewegte Reflexionsfläche für schöne Lichteffekt verstärkt das nasse Bühnenmeer die Absicht dieser Inszenierung, ohne Momente der Anstrengung zu begeistern. Das Publikum dankte es mit Trampeln und rhythmischem Klatschen. Spätestens da wachte man aus der Illusion wieder auf, im Kino gewesen zu sein. Auch Schauspiel kann die Phantasie so weit überwältigen, dass man alle Täuschungen glauben will. Der Maske sei Dank.

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