Haim:Die perfekte Platte für diesen Sommer

Haim Album Women in Music 2020

"Verstehst du, dass du mich nicht verstehst?" - Danielle, Alana und Este Haim (v. li.).

(Foto: Reto Schmid)

Das hinreißende neue Album des kalifornischen Neo-Softrock-Trios "Haim" ist funky und verletzlich.

Von Annett Scheffel

Niemand geht zu Fuß in Los Angeles. Das wissen die drei Schwestern von Haim natürlich. Sie sind in der Stadt aufgewachsen, in der das Autofahren - und eben auch das ständige Im-Stau-Stehen - zum Lebensgefühl dazugehört. Trotzdem laufen sie im Video zu ihrem Song "Summer Girl" durch die Straßen und schälen sich endlose Schichten aus Jacken, Pullovern und Shirts vom Körper - eine augenzwinkernde Referenz auf den Songtitel. Vorbei an historischen Kinos der Stadt, vorbei an dem kleinen Deli in West Hollywood, in dessen Hinterzimmer sie als Teenagerinnen ihren ersten kleinen Gig spielten. L. A. wirkt im goldenen Licht dieser Bilder (gedreht vom Filmemacher Paul Thomas Anderson) und unter den forschen Schritten der Schwestern tatsächlich wie eine Fußgängerstadt. Es ist eine schöne, subtile Illusion, aus der gleichzeitig eine Richtungslosigkeit spricht: von den Angelenos und ihren verstopften Straßen, aber auch von einer jungen Generation im endlosen Raster einer Großstadt, und natürlich vom sommerlichen Sich-treiben-Lassen.

"Summer Girl" erschien schon im vergangenen August als erste Single des neuen, dritten Haim-Albums, das nun mit einiger Verspätung folgt: "Women In Music Pt. III" (Universal) ist ihre bisher beste Platte. 16 sorgfältig arrangierte Songs, im lichtdurchfluteten Raum zwischen Soft-Rock und R&B. Das ist immer noch die Art von Popmusik, mit der Este, Danielle und Alana Haim bekannt wurden. Nach einer Kindheit und Jugend als Familien-Coverband erschien 2013 ihr Debüt "Days Are Gone" - aufgebaut auf den Grundlagen der kalifornischen Soft-Rock-Tradition der Siebziger und Achtziger, auf Bands wie Fleetwood Mac oder den Eagles, also das, was man damals AOR nannte, Adult oder Album-oriented-Rock. Auskomponierte, eingängige Rockmusik für ein erwachsenes Publikum.

"Sad Banger", diese Songs, zu denen man bitterlich weinen oder exzessiv tanzen kann

Auf ihrer dritten Platten klingen die fein abgestimmte Gesangsharmonien, die knackigen Gitarrenriffs und Snare-Drums aber so luftig wie nie zuvor.

Zudem haben sie ihre Songs um Elemente erweitert, die man mit Haim eigentlich gar nicht in Zusammenhang bringt: gepitchte Computerstimmen, neblige Elektronik, Hip-Hop-Beats und sogar angejazzte Saxofon-Melodien, wie die, die sich durch "Summer Girl" ziehen.

Danielle Haim hat den Song für ihren Partner, den Produzenten Ariel Rechtshaid, geschrieben, dem sie nach seiner Krebsdiagnose Trost spenden wollte. Der Refrain erinnert an die "Doot-doot-doos" aus Lou Reeds "Walk On The Wild Side". Im Unterbau des Songs schnurrt ein Kontrabass einen warmen, vibrierenden Akkord, der so klingt, wie sich ein heißer, träger Augusttag anfühlt. "Summer Girl" ist ein wunderbar sinnlicher Song - funky und verletzlich, und so leicht wie eine Brise im kalifornischen Abendlicht.

So klingt auch der Rest der Platte: locker und unmittelbar, aber immer noch so sonnig wie die Songs auf den früheren Platten, aber weniger geschliffen, roher und fließender zwischen den Genres. Es gibt immer noch klassische Haim-Songs wie das schlagzeuggetriebene "Don't Wanna" oder die Gitarrenballade "Hallelujah", die um die typischen dreistimmigen Gesangsharmonien aufgebaut ist. Ganz anders klingt "Now I'm In it" mit seiner pochenden Bassline, ein "Sad Banger", ein Song, wie man ihn man eher von Popstars wie Robyn, Taylor Swift oder Lorde kennt, zu dem bitterlich weinen oder exzessiv tanzen kann. Oder beides gleichzeitig. "I Know Alone" verbindet dunstigen Elektro-Pop mit großen Zeilen über das Alleinsein. Eine Joni-Mitchell-Referenz kommt hier genauso vor wie die Mobilfunkmasten, die man vor lauter Langeweile auf der Straße zählt: "I know alone and I don't wanna talk about it", singt Danielle Haim, sie kenne das Alleinsein, aber sie wolle nicht darüber reden.

Der Sex, zu dem man sich mitten in der Nacht am telefon verabredet

Überhaupt geht es auf "Women In Music Pt. III" viel um Niedergeschlagenheit, um diese psychischen Talphasen also, in die man im Zuge des Erwachsenwerdens ab und an schlittert, die ihre emotionale Textur aber noch einmal ändern, wenn man, wie die Haim-Schwestern, die Zwanziger fast oder schon in Richtung Anfang Dreißig verlassen hat (Este ist 34, Danielle 31, Alana 28). Denn die neuen Songs erzählen einerseits davon, wie viel komplizierter das Leben wird, wenn man schon eine Weile dabei ist. Man hat dann nämlich schon ein paar Gesundheitsprobleme, Todesfälle, Beziehungskrisen und depressive Verstimmungen mitgemacht; und andererseits von der Selbstsicherheit, die damit einhergeht, der neuen Entspanntheit mit Körper, Sexualität und chaotischen Gefühlen. All dies spricht aus "Women In Music Pt. III" klarer als aus den vorigen Haim-Alben. In "Los Angeles" geht es um die Desillusionierung mit der Heimatstadt, begleitet von Saxofon und einem reduzierten Ska-Beat. In "3 A.M.", das an den Midtempo-R &B der Neunziger erinnert, um den Sex, zu dem man sich mitten in der Nacht am Telefon verabredet, für den man sich dann aber gar nicht unbedingt treffen muss, weil es reicht zu wissen, dass man könnte. Und in "The Steps" geht es um das heillose Aneinander-vorbei-Kommunizieren: "Do you understand you don't understand me?" - Verstehst du, dass du mich nicht verstehst?

Und was der Albumtitel schon ironisch andeutet: Es geht um die Geschlechterungerechtigkeit, die sie als Frauen im Musikgeschäft (genauer: als Frauen, die ihre Instrumente selbst spielen) gut kennen. "Man From The Magazine" erzählt von sexistischen Mikroaggressionen (übergriffige Interviewfragen) und dem Typen im Gitarrengeschäft, der seiner Kundin ganz selbstverständlich das Anfängermodell empfiehlt. Dabei sind Haim vor allem erfahrene Live- und Studiomusikerinnen und nicht einfach nur Popstars. "Women In Music Pt. III", die perfekte Platte für diesen Sommer, ist dafür der beste Beweis.

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