Hacker im Kino:Am Quellcode der Dinge

Noch hat das Kino keine wirkliche Ikonographie des Informationskrieges entwickelt, das wird an ihrem Fall wieder klar. Das Klappern der Plastiktastatur kann das Rattern des Maschinengewehrs noch lange nicht ersetzen, und im Zweifelsfall hilft doch eher ein gezielter Karatekick zwischen die Beine. Lisbeth Salanders Hackertum wird in den "Millennium"-Filmen deshalb vor allem als Klischee dargestellt, codiert in Irokesenschnitt, Tätowierungen und Piercings.

Die Wände der Welt

So war es schon immer: Picklig, dick, irres Technik-Kauderwelsch faselnd und zwischen halbvergammelten Pizzaresten verschanzt, so stellt sich das Kino den (vorzugsweise natürlich männlichen) Hacker gerne vor. Jung muss er meistens auch sein, und im Grunde hat er keine Ahnung, welchen Schaden er in der realen Welt anrichten kann - so zum Beispiel in John Badhams "War Games" von 1983, in dem ein 14-Jähriger mit PC und Telefonleitung versehentlich den Zentralrechner des US-Militärs übernimmt und beinahe einen Atomkrieg auslöst.

Eine Variante dieses Motivs findet sich in unzähligen Filmen, wenn die tatkräftige Hauptfigur mit der Informationsbeschaffung in der physischen Welt nicht mehr weiterkommt - und die Hilfe eines Hackers in Anspruch nehmen muss.

Dabei begann der Einstieg des Hacker-Helden in die Kinomythologie eigentlich vielversprechender - in Terry Gilliams dystopischem Trip "Brazil" aus dem Jahr 1985. Harry Tuttle (Robert De Niro) kämpft da als eine Mischung aus Klempner, Telefontechniker und Stadtguerillero gegen den Orwellschen Überwachungsstaat. Tuttle schraubt die Wände der Welt ab, entdeckt dahinter dicke Schläuche, schnaufende Maschinen und pulsierende Membranen, durch die er kriecht wie ein Veterinärchirurg durch das Abdomen eines Elefanten. Nebenbei liefert er das Glaubensbekenntnis der Hacker ab: "I came into this game for the action, the excitement. Go anywhere. Travel light. Get in. Get out. Whereever there's trouble, a man alone."

Sein großer Vorteil war allerdings, dass er noch in analog-pneumatische Maschinen hacken durfte, was im Bild recht eindrucksvoll zur Geltung kam - dieses Ausdrucksmittel ist seinen Nachfolgern nun leider genommen.

Den Hacker des digitalen Zeitalters kann die Kamera nicht mehr richtig eingefangen - denn Film, schrieb schon der Filmtheoretiker Béla Balazs, ist vor allem "die partikuläre Sprache physischer Präsenz". Das Kino braucht bewegte Körper, was man auch daran merkt, dass der Actionfilm nicht nur das beliebteste Genre ist, sondern auch eines der ältesten.

Swashbuckler wie Douglas Fairbanks als "Robin Hood" oder "Dieb von Bagdad" bewegten sich schon in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in einem raumgreifenden, breitbeinigen Actiontanz über die Leinwand. Wie wenig sich seit diesen Zeiten verändert hat, zeigt ein Blick auf die aktuellen Kinocharts: Ein neuer "Robin Hood" und ein neuer "Prince of Persia" stehen da einträchtig an der Tabellenspitze nebeneinander.

Zwischen Welt und Web

So sehr Filme und TV-Serien wie "24" versuchen, den modernen Krieg als Metamontage aus Satellitenbildern, Mobilfunkgesprächen und digitalen Schaltplänen zu zeigen, die der Dynamik eines Schusswechsels in nichts nachsteht - essentiell bleiben die digitalen Technologien doch auf die Funktion des Orientierens und Aufspürens beschränkt.

So wahr es ist, dass man heute per Joystick töten kann, so unbefriedigend ist es doch, den unverzichtbaren Showdown des Kinos als ein solches digitales Fernduell zu inszenieren - irgendwann muss es doch zum Kampf mano a mano kommen, wird der Laptop zugeklappt, das iPhone weggesteckt - und die Walther PPK beziehungsweise die Fäuste herausgeholt.

Diesen Konflikt zwischen Welt und Web hat kaum ein Film klarer umgesetzt als "Die Hard 4", in dem Bruce Willis zusammen mit dem jungen Hacker Matt Farrell (Justin Long) die USA vor Cyberterroristen retten soll, die eine Attacke auf Infrastruktur, Kommunikationssystem und die Gas- und Wassernetzwerke starten. Es ist ein ungleiches Team aus einem Digital Native und einem Digital Immigrant wie Bruce Willis, der seine Probleme lieber durch eine gutgezielte Links-Rechts- als durch eine schnelle Tastenkombination löst. Er verweigert sich der Umwandlung der Welt in Zahlen, in eine endlose Abfolge von Null und Eins, und sagt irgendwann: "It is not a system, it is a country."

Im Dezember 2010 erscheint ein Update des Films "Tron" aus den achtziger Jahren, in dem der Computerspezialist (Jeff Bridges) seinerzeit zum ersten Mal ins Innenleben eines Prozessors einstieg - und damit unser Bild vom Cyberspace nachhaltig geprägt hat. Auf Grund der beschränkten technischen Möglichkeiten bauten die Production Designer aus Neonfarbe und Leuchtröhren eine Computerwelt, fremd und kühl und angemessen abstrakt, als hätte William Gibsons Beschreibung des Cyberspace im Roman "Neuromancer" als Anleitung gedient: "Unthinkable complexity, lines of light ranged in the nonspace of the mind, clusters and constellations of data".

Das Remake jedoch, das lässt der Trailer vermuten, versucht sich mit Computereffekten an der fotorealistischen Darstellung des Unfotografierbaren, gibt den Daten und Prozessen eine glatte, detailreiche und letztlich austauschbare Hülle. Hacker aber bedienen den Computer nicht auf der glatten und glänzenden Oberfläche der Betriebssysteme und Programme, sondern arbeiten in den tieferen Schichten der digitalen Organismen, greifen in Kreislauf und Nervenbahnen ein.

Diese Ebene war es, in die ein Film wie "The Matrix" seinerzeit einsteigen wollte, und einen Sommer lang träumte das Kino tatsächlich davon, direkt in den grünen Quellcode der digitalen Illusion einzutauchen. Irgendwie ist die Erzählung dort aber dann verlorengegangen - der Hacker Neo wartet immer noch auf einen würdigen Nachfolger.

© SZ vom 27.05.2010/rus
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