200. Geburtstag von Gustave Flaubert: Der Kriegsgegner:Was für eine Wut!

Lesezeit: 3 min

Zerstörtes Haus in der Nähe von Paris nach dem deutsch Französischen Krieg

"Es ärgert mich, dass Paris nicht bis aufs letzte Haus niedergebrannt ist", schrieb Flaubert. Hausruine in Saint-Cloud, ein Kriegsschaden im Jahr 1871.

(Foto: Adolphe Braun/Gemeinfrei)

Sein Hass war ein bewegliches Geschütz: Flaubert wettert gegen den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71.

Von Gustav Seibt

Gustave Flaubert war ein kraftvoller Briefeschreiber, dem neben der Zärtlichkeit vor allem die stilbildenden Affekte von Hass und Sarkasmus zu Gebote standen. Für sie gab es in den Monaten des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 viele Anlässe. Für Flaubert ist es vor allem ein preußisch-französischer Krieg, die eigenen Rollen der anderen deutschen Staaten und ihrer Truppen - die Bayern waren von berüchtigter Grausamkeit - kommen in seiner Wahrnehmung nicht vor.

Der primäre Hass aber gilt ohnehin dem eigenen Lager: "Die Dummheit meiner Landsleute ekelt mich an", so am 20. Juli 1870, am Tag nach der Kriegserklärung in einem Brief an George Sand. Es gab viel chauvinistischen Furor auf den Straßen, aber Flaubert hielt fest: "Die Begeisterung, die keine Idee als Motiv hat, macht mir Lust zu krepieren. (...) Der gute Franzose will kämpfen: 1. weil er sich von Preußen herausgefordert glaubt; 2. weil der natürliche Zustand der Menschheit die Wildheit ist; 3. weil der Krieg in sich ein mystisches Element enthält, das die Massen fortreißt."

Zwei Wochen später, 3. August, kommen ihm Ahnungen von einem künftigen Weltkrieg: "Wird man noch vor Ablauf des Jahrhunderts erleben, dass sich mehrere Millionen Menschen in einem einzigen Waffengang gegenseitig umbringen?" Gerade war in Rom die Unfehlbarkeit des Papstes verkündet worden, aber Flaubert erklärt: "Der Respekt, der Fetischismus, den man dem allgemeinen Wahlrecht entgegenbringt, empört mich mehr als die Unfehlbarkeit des Papstes (...). Glauben Sie, es wäre so weit mit uns gekommen, wenn Frankreich, statt letztlich von der Menge regiert, unter der Herrschaft von Mandarinen stünde?" Das ist in einem Satz seine Absage an den Bonapartismus - eine legitime Aristokratie von Wissenden (Mandarinen) schien Flaubert auch später die wünschenswerteste Staatsform. Demokratie, als Herrschaft der Massen, und Krieg, das waren für ihn Geschwister.

200. Geburtstag von Gustave Flaubert: Der Kriegsgegner: Gustave Flaubert: "Ich schreibe gerade eine kleine Albernheit". Ausgewählte Briefe 1832-1880. Aus dem Französischen von Cornelia Hasting. Dörlemann, Zürich 2021. 320 Seiten, 27 Euro.

Gustave Flaubert: "Ich schreibe gerade eine kleine Albernheit". Ausgewählte Briefe 1832-1880. Aus dem Französischen von Cornelia Hasting. Dörlemann, Zürich 2021. 320 Seiten, 27 Euro.

Mitte August verbrachte Flaubert ein paar Tage in Paris - noch war die entscheidende Schlacht von Sedan nicht geschlagen -, und der Furor der Hauptstädter erfüllte ihn mit Abscheu: "Welche Dummheit! welche Unwissenheit! welche Anmaßung! Meine Landsleute machen mir Lust, mich zu übergeben." Jetzt verstehe er die grausamen Politiker von 1793 - Flaubert, der Terreur-Versteher aus Aristokratismus. Dann kommt Sedan, und Flaubert blickt "in die Tiefe des Abgrunds". Die Zerstörung von Paris scheint in greifbarer Nähe, auf jeden Fall die Verwüstung des umliegenden Landes. Flaubert befürchtet "wahnsinnig zu werden". Nun dreht sich sein Hass - ein sehr bewegliches Geschütz! - auch gegen die Preußen: "Der Gedanke, jetzt Frieden zu schließen", heißt es am 10. September aus Croisset, "bringt mich auf, und mir wäre lieber, man steckte Paris in Brand (wie Moskau), als die Preußen dort einmarschieren zu sehen."

Viele, nicht alle dieser Ausbrüche kann man in einer zierlichen Briefauswahl nachlesen, übersetzt von Cornelia Hasting, die der Dörlemann-Verlag jetzt zum Jubiläum herausgebracht hat. Sie ersetzt allerdings nicht die dreimal umfangreichere Ausgabe Helmut Scheffels von 1964, die seither immer wieder aufgelegt wurde.

200. Geburtstag von Gustave Flaubert: Der Kriegsgegner: Graf von Moltke, ein preußischer Generalfeldmarschall bei der Belagerung von Paris im Deutsch-Französischen Krieg.

Graf von Moltke, ein preußischer Generalfeldmarschall bei der Belagerung von Paris im Deutsch-Französischen Krieg.

(Foto: imago stock&people)

Hastings hat immerhin ein Schreiben vom 28. Oktober, das bei Scheffel fehlt, in dem Flaubert seine Wut mit einem Akzent, der an gleichzeitige Äußerungen Jacob Burckhardts erinnert, zu einer Gesamtdiagnose der Kultur bündelt: "Ich bin überzeugt, dass wir in eine grässliche Welt eintreten, wo Menschen wie wir keinen Daseinsgrund mehr haben werden. Man wird materialistisch und militaristisch, haushälterisch, kleinlich, armselig, niederträchtig sein." Alles, was die Niedertracht des Lebens erleichtern könne, werde verschwinden, also doch wohl die Kunst. "Mein Traum ist, loszuziehen und anderswo als in Frankreich zu leben, in einem Land, in dem man nicht Citoyen sein, die Trommel hören, zur Wahl gehen, Teil einer Kommission oder einer Jury sein muss. Pfui Teufel!"

Frankreich werde "sehr katholisch" werden, befürchtet Flaubert. Inzwischen sind Mecklenburgische Truppen in Croisset eingerückt, Flaubert muss Quartier geben, und obwohl die deutschen Truppen nur Kleinigkeiten stibitzen, auch sein Arbeitszimmer respektieren, widert ihn der Anblick preußischer Helme auf seinem Bett an. "Was für eine Wut!" "Das Unglück lässt einen verblöden." Die Landsleute Hegels, so nannte Flaubert sie schon im September, und es war kein Lob, hassen Kunstwerke und Luxusgegenstände, glaubt er zu beobachten - ein Motiv, das auch bei Maupassant und Zola auftaucht.

Elisabeth Edls „Memoiren eines Irren“

Elisabeth Edl gehört zu den nun wirklich sehr wenigen literarischen Übersetzern in Deutschland, die ihre eigenen Leser haben, also Leute, die ihre Flaubert-Übersetzungen nicht nur wegen Flaubert kaufen, sondern auch wegen ihr. Über ihre zahlreichen Klassiker-Übersetzungen sei sie selbst zu einem Klassiker geworden, so formulierte es die Literaturkritikerin Ursula März kürzlich. Die neueste Gelegenheit, das dynamische Duo Flaubert & Edl zu erleben, ist ihre Neuübertragung der "Memoiren eines Irren", Flauberts erstem Roman, die Liebesgeschichte eines 15-jährigen Jungen und einer zehn Jahre älteren Frau. Unglücklicherweise ist sie verheiratet, die Liebe bleibt einseitig, aber das Motiv der vergeblichen Liebe begleitet Flaubert durch sein ganzes Werk. Felix Stephan

Aber was will Flaubert? In Paris herrscht die Kommune: "Es ärgert mich, dass Paris nicht bis aufs letzte Haus niedergebrannt ist, damit an seiner Stelle nur noch ein großer schwarzer Fleck wäre." So am 1. Februar 1871. Vernunftrepublikanismus sieht anders aus. "Oh welch ein Hass, welch ein Hass! Er erstickt mich!"

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