"Große Freiheit" im Kino:Vom KZ in den Knast

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Kinostart - 'Große Freiheit'

Hofgang: Franz Rogowski (rechts) als Hans mit seinem Mithäftling Oskar, gespielt von Thomas Prenn.

(Foto: -/Freibeuterfilm /dpa)

Im Nachkriegsdeutschland wurden Homosexuelle systematisch kriminalisiert. "Große Freiheit" ist einer der besten Filme zu dem Thema - auch wegen des Leinwandpaars des Jahres.

Von Josef Grübl

Hierzulande wird gerade wieder viel über Menschenrechtsverletzungen gestritten, über die Freiheit des Individuums und angebliche Diktaturen. Dabei ist es noch gar nicht lange her, dass in Deutschland tatsächlich Menschenrechte missachtet wurden, was Auswirkungen bis in die Gegenwart hat. Man muss dafür auch keine NS-Vergleiche aufstellen, wie es die vermeintlich Entrechteten von heute gerne tun. Nein, die staatliche Demütigung von Bürgern hatte lange Zeit System, genauer gesagt 123 Jahre lang: Der Paragraf 175 stellte homosexuelle Handlungen unter Strafe, erst 1994 wurde er aus den Gesetzbüchern gestrichen. Allein in der Nachkriegszeit stellte man in der Bundesrepublik 100 000 Männer vor Gericht. Lesbische Liebesbeziehungen wurden im Gesetzestext übrigens nicht erwähnt. Als Beweis für das schändliche Treiben der sogenannten 175er legte man den Richtern Liebesbriefe vor oder heimlich aufgenommene Filme aus öffentlichen Toiletten.

Mit solchen Überwachungskamerabildern beginnt auch Sebastian Meises Leidens- und Liebesdrama "Große Freiheit", man sieht einen Mann, der schnellen Sex mit anderen Männern hat: Hans (Franz Rogowski) ist schwul und will sich das vom Staat nicht verbieten lassen. Also wandert er in den Knast, offensichtlich nicht zum ersten Mal: Gleichgültig lässt er die Leibesvisitation der Wächter über sich ergehen, gleichmütig erträgt er den Hass seiner Mitgefangenen. Es ist das Jahr 1968, er hat sich an all das längst gewöhnt. Schon 23 Jahre zuvor, direkt nach Kriegsende, kam Hans ins Gefängnis, gesessen hat er aber auch da schon. Der Film erinnert an all jene von der Geschichte vergessenen Homosexuellen aus den Konzentrationslagern, die trotz der Befreiung durch die Alliierten gefangen blieben: Man reichte sie unmittelbar an deutsche Haftanstalten weiter.

Während sich die Welt draußen verändert, bleibt für den Häftling Hans alles gleich

Der Österreicher Sebastian Meise spannt mit "Große Freiheit" einen weiten Bogen: Er erzählt von der "Stunde null", die in der Strafjustiz offenbar eine Zeit des Stillstands war, aber auch von der Lockerung des Paragrafen 175 im Jahr 1969, als das Totalverbot der Homosexualität aufgehoben wurde. Das klingt ambitioniert, funktioniert aber: Der Regisseur setzt auf die Kraft der Repetition, über all die Jahre hinweg zeigt er Hans in seiner Zelle, in der Werkstatt beim Arbeiten, beim Hofgang oder in stockdunkler Einzelhaft. Sein Leben jenseits der Gefängnismauern klammert er weitestgehend aus. Während sich die Welt draußen verändert, bleibt für den Häftling Hans alles gleich. Franz Rogowski spielt das wahnsinnig gut, mit wenigen Worten und intensiven Blicken, aus denen man Hoffnung, Verletzlichkeit und Stolz lesen kann.

Ebenso stark ist der Österreicher Georg Friedrich in der Rolle von Viktor: Der verurteilte Mörder gehört zu jener Sorte Männer, denen man in der Dunkelheit lieber nicht begegnet. Er ist homophob, brutal und zutiefst verzweifelt. Als ihm Hans als neuer Zellengenosse zugewiesen wird, würde er ihn am liebsten rauswerfen. Doch dann entdeckt er die tätowierte KZ-Häftlingsnummer auf Hans' Arm und bietet ihm ein "Peckerl" an - heute würde man wohl Cover-up-Tattoo dazu sagen. Die beiden Männer werden so etwas wie Schicksalsgefährten: Während Viktor die Haftanstalt nie verlässt, kommt Hans regelmäßig zurück. "Immer noch da?", fragt der eine. "Immer noch pervers?", antwortet der andere. Die Jahre gehen nicht spurlos an ihnen vorbei, während Hans sich in kleine sexuelle Knastabenteuer flüchtet, wird Viktor drogenabhängig. Doch sie passen aufeinander auf, irgendwann können sie nicht mehr ohne einander, fast wie ein altes Ehepaar. Was die beiden genau verbindet, eine freundschaftliche, fürsorgliche, liebende oder sexuelle Beziehung, bleibt offen. Das Leinwandpaar des Jahres sind Franz Rogowski und Georg Friedrich trotzdem, ihre Sehnsucht nach Zuneigung und Nähe ist so überlebensgroß und unübersehbar, dass es einem fast das Herz zerreißt.

Die österreichisch-deutsche Co-Produktion gewann in Cannes den Jurypreis der Reihe "Un certain regard", gerade eben wurde sie mit zwei Europäischen Filmpreisen für die beste Bildgestaltung (Crystel Fournier) und die beste Filmmusik (Nils Petter Molvær und Peter Brötzmann) ausgezeichnet. "Große Freiheit" ist aktuell aber nicht der einzige Film, der sich mit dem Paragrafen 175 beschäftigt: Anfang Dezember kommt der Dokumentarfilm "Das Ende des Schweigens" in die Kinos, darin geht es um die Frankfurter Homosexuellenprozesse Anfang der Fünfzigerjahre. Damals verfolgten Staatsanwälte und Polizei systematisch schwule Männer, ein Strichjunge verriet ihnen Dutzende von Namen. Einer der Zeitzeugen hieß Wolfgang Lauinger, er wurde von den Nationalsozialisten verfolgt, 1950 kam er erneut ins Gefängnis. Doch als 2017 das Gesetz zur strafrechtlichen Rehabilitierung in Kraft trat und die Betroffenen Haftentschädigungen beantragen konnten, ging Lauinger leer aus. Ein Opfer jener Zeit ist auch Karl, der Protagonist aus Matthias Lehmanns kürzlich erschienener Graphic Novel "Parallel" (Reprodukt). Im Ruhestand blickt er zurück auf sein Leben, das von psychischer und physischer Gewalt geprägt war, von gescheiterten Ehen und der heimlichen Liebe zu Männern - und der Furcht vor dem Paragrafen 175. Warum erscheinen diese Filme und Bücher gerade jetzt? Es könnte auch mit einer Frist zu tun haben: Die Entschädigungsregelung des Bundes läuft im Sommer 2022 aus, vielleicht ermutigen sie noch lebende Opfer dazu, ihre Ansprüche geltend zu machen.

Große Freiheit, AT/D 2021 - Regie: Sebastian Meise. Mit: Franz Rogowski, Georg Friedrich, 116 Minuten, Piffl Filmverleih.

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