Netzkolumne:Am Telefon der Freiheit

Erik Finman

In der vergangenen Woche stellte Erik Finman das Freedom Phone vor.

(Foto: Screenshot/Youtube/ErikFinman)

Aus Trumps angekündigter Social-Media-Plattform wurde nichts. Nun springen seine Freunde ein, mit zweifelhaften Angeboten.

Von Michael Moorstedt

Donald Trump fühlt sich mal wieder ungerecht behandelt. Momentan bereitet er eine Sammelklage gegen die Chefs der großen Tech-Konzerne wegen vermeintlicher Zensur vor. Rechtsexperten geben dem Vorhaben allerdings wenig Chancen.

Trumps eigene, mit großem Pomp angekündigte Alternative zu den großen Plattformen war zwar nicht mehr als ein Blog, der schnell wieder eingestellt wurde. In den letzten Wochen wurden aber eine ganze Reihe anderer Angebote präsentiert. Da wäre etwa Gettr, initiiert von Trumps ehemaligem Sprecher Jason Miller. Beworben wird die selbsternannte Twitter-Alternative mit den üblichen Phrasen. Man verstehe sich als "Marktplatz der Ideen" und stehe ein gegen die vermeintliche Cancel Culture.

Doch auch Miller konnte bislang nur wenige von seinem Angebot überzeugen. Vielleicht liegt es daran, dass die rechtslastigen Services durch die Bank weg von miserabler Qualität sind. Bei den meisten handelt es sich um dreiste Kopien der Mainstream-Netzwerke, die es nur mit Mühe und Not schaffen, überhaupt online zu bleiben. Die Nutzer scheitern schon daran, sich anzumelden. Aber auch dafür haben die Kämpfer für die Meinungsfreiheit eine Erklärung. Es sei mal wieder Zensur durch das Tech-Establishment am Werk.

Fehlt also nur noch die passende Hardware für all die schlechten Apps. In der vergangenen Woche stellte Erik Finman das Freedom Phone vor. Finman, laut eigener Aussage der "jüngste Bitcoin-Millionär der Welt", war auf Twitter bisher allenfalls durch halbgare Aphorismen zum Niedergang der Mittelschicht aufgefallen. In einem pathetischen Werbevideo prangert er nun die "Big-Tech-Overlords" an, im Hintergrund spielt dramatische Streichermusik, Bilder zeigen andere berühmte Zensoren, Stalin, Mao und Bücher verbrennende Nazis. Dem tritt der Mann nun mit einem Betriebssystem namens Freedom OS und einem "unzensierbaren" Portal für Apps entgegen, dem "Patri App Store".

Smartphone-Experten entlarvten das Freiheitstelefon schnell als ein in China produziertes Modell mit der nicht ganz so patriotischen Bezeichnung Umidigi A9 Pro. Das Telefon sei als notorisch unsicher bekannt. Noch dazu kann man es auf Großhandelsseiten wie Aliexpress bereits für knapp hundert Dollar erstehen, Finmans Version kostet dagegen das Fünffache. Sollte es womöglich nicht um die große Sache gehen, sondern nur darum, leichtgläubigen Landsleuten das hart Ersparte abzuknöpfen?

Bleiben noch der "unzensierbare" App-Store und das eigens entwickelte, auf "freier Rede basierende" Betriebssystem. Doch auch diese Versprechen halten nicht mal einem flüchtigen Blick stand. Das Freedom OS ist nicht mehr als eine angepasste Version von Googles Android. Der App-Store winkt jedes Programm durch und prüft nicht mal auf Viren oder Spyware. Ein unsichereres Gerät dürfte derzeit schwer zu finden sein. Ein paar Käufer wird der junge Mann wohl trotzdem finden. Die Zielgruppe ist für fundierte Argumente ja wenig aufgeschlossen.

© SZ
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