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Geschichtsrevisionismus in Ungarn:Argumentativ schamlos harmlos

Doch der ungarische Geschichtsrevisionismus umfasst weit mehr als die Begeisterung für den adeligen Offizier, der den Trianon-Vertrag nie akzeptierte und unter dem Motto "Nein, niemals" zeitlebens auf der Wiederherstellung Großungarns beharrte. Die Begeisterung für Horthy mischt sich mit der neuen Liebe für alte, antisemitische und völkische Dichter wie Albert Wass und Jószef Nyirö, die in den nationalen Lehrplan für Schulen aufgenommen wurden. Nyirö wurde jüngst - auf Initiative der Regierung - in Spanien exhumiert, nach Budapest übergeführt und sollte Pfingsten in seinem Geburtsort im rumänischen Siebenbürgen beigesetzt werden. Hochrangige Fidesz-Politiker begleiteten die Urne und verteidigten das Ansinnen gegen die wütenden Reaktionen der rumänischen Regierung. Auch hier gab man sich argumentativ schamlos harmlos: Es gehe doch nur um eine Beerdigung, um eine Frage der "Pietät", nicht der Politik.

Adolf Hitler begrüßt Miklós Horthy, 1938 Scherl / SZ Photo

Fürchterliche Allianz zwischen Deutschland und Ungarn: Adolf Hitler begrüßt Miklós Horthy 1938 auf dem Bahnhof von Kiel. Im Hintergrund links hinter Hitler der Oberbefehlshaber der Marine Erich Raeder.

(Foto: Scherl / SZ Photo)

Auch kirchliche Würdenträger aus dem vergangenen Jahrhundert kommen wieder zu Ehren. Der Blog "Hungarian Spectrum" vermerkt, in Budapest werde die Errichtung einer Statue für den antisemitischen Bischof Ottokar Prohaska geplant. Prohaska habe mit seinen antisemitischen Schriften zur Judenfeindlichkeit in Ungarn beigetragen. Auch im heutigen Ungarn ist Antisemitismus auf dem Vormarsch, auch wenn Mitglieder der jüdischen Gemeinde dieses Thema lieber kleinhalten würden - aus Angst vor Nachahmern und weiteren Übergriffen. Doch die Schändung der Statue von Raoul Wallenberg in Budapest (dem Judenretter wurden Schweinefüße um den Hals gehängt) wie auch der verbale Angriff auf den ehemaligen Oberrabbiner Joszef Schweitzer auf offener Straße schüren die Nervosität unter jenen, die das neue Klima der historischen Ignoranz zum Fürchten finden.

Jobbik das Wasser abgraben

Übergriffe gegen Juden hat Viktor Orbán zwar immer wieder verurteilt. Ansonsten aber kommt die nationale Aufwallung dem Premier und seiner Fidesz-Partei nicht nur recht, Orbán und seine Anhänger schüren die Entwicklung sogar. Denn zum einen, so deren Argumentation, sei auch Franz Josef Strauß einst erfolgreich gewesen mit seiner Devise "Rechts von mir ist nur noch die Wand" (so Parlamentspräsident Kövér im Gespräch), und mit einem nationalen Kurs will man den Faschisten von der Jobbik das Wasser abgraben.

Zum anderen aber entspringt der völkische Nationalismus, der die aktuelle Kulturpolitik durchdringt, dem Selbstverständnis der neuen Regierung. Die einstige Größe der ungarischen Nation soll wieder ins Bewusstsein gerückt werden, der Blick zurück soll die Grundlage für einen neuen Nationalstolz und eine große Zukunft legen.

Der bekannte Historiker Krisztián Ungváry verweist zwar darauf, dass das neue Geschichtsbild, das sich in seinem Heimatland Bahn breche, vor allem ein Ergebnis rechtsextremistischer Aktivitäten sei - Jobbik und die Ungarischen Garden hätten Abzeichen und Symbole Großungarns wie der Pfeilkreuzler wieder populär gemacht. Aber, so warnt, er, die Regierung grenze sich davon nicht ausreichend ab. Sie mache "Vorbilder wieder hoffähig, die in einem demokratischen Rechtsstaat als geschmacklos und unerträglich empfunden werden müssen" (Ungváry in "Quo Vadis, Hungaria", einem Themenheft der Zeitschrift Osteuropa, 2011).

Die Direktorin des United States Holocaust Memorial Museum, Sara Bloomfield, nahm diesen Gedanken Mitte Juni auf, als sie auf der Webseite des Museums einen Appell veröffentlichte. Sie hege "tiefe Sorge über die Rehabilitierung der faschistischen Ideologen und Führer aus dem Zweiten Weltkrieg", schrieb sie dort. Diese Entwicklung sei eine "schwere Beleidigung der Erinnerung an diejenigen, die unter diesen Regimen umgekommen sind".