Süddeutsche Zeitung

Geschichtsrevisionismus in Ungarn:Verbürgerlichung faschistischer Ideologie

Miklós Horthy war Reichsverweser, Befehlshaber während des Weißen Terrors, Initiator der ersten Judengesetze, Verbündeter Hitler-Deutschlands - und erlebt nun unter der Regierung von Viktor Orbán eine erstaunliche Renaissance. In Ungarn herrscht ein Klima historischer Ignoranz. Zum Fürchten.

Elie Wiesel fand deutliche Worte. Als er in der vergangenen Woche seinen ungarischen Verdienstorden zurückgab, schrieb er an den Parlamentspräsidenten László Kövér, ihm werde zunehmend klar, dass die "Behörden die Beschönigung tragischer und krimineller Episoden der Vergangenheit Ungarns" ermutigten. Konkret bezog sich der Holocaust-Überlebende dabei auf die neu erwachende Popularität von Personen der ungarischen Zeitgeschichte, die eine "aktive Rolle bei der Deportation und Ermordung Hunderttausender jüdischer Mitbürger" gespielt hätten.

Der Friedensnobelpreisträger Wiesel protestierte auf diese Weise öffentlich gegen einen Geschichtsrevisionismus, der sich im ganzen Land ausbreitet und der die Rehabilitierung präfaschistischer oder antisemitischer Künstler und Staatsmänner nachgerade zu einer "neuen Mode" werden lässt. So zumindest formulierte es unlängst die linke Abgeordnete Ágnes Vadai im Budapester Parlament. Ihr Redebeitrag war zeitweilig vor lauter Buhrufen kaum zu verstehen.

Der amerikanische Kritiker Wiesel und die heimische Oppositionspolitikerin Vadai sind nur Teil einer Gegenbewegung, die zunehmend an Fahrt aufnimmt und die sich schockiert zeigt über das Aufleben eines völkischen Nationalismus in Ungarn, der Kunst, Kultur und zunehmend auch die politische Debatte durchdringt. Hunderte Oppositionelle protestierten Mitte Juni in Budapest gegen das, was die Online-Zeitung Pester Lloyd die "Verbürgerlichung" der faschistischen Ideologie nennt. Attila Mesterházy, Parteichef der Sozialisten, fordert Premier Viktor Orbán in einem offenen Brief auf, "ohne Zögern die Verbreitung von Hass und Antisemitismus im Land zu verdammen". Hier gehe es nicht um kulturelle Fragen, sondern um eine "menschliche Pflicht".

Im Regierungslager und rechts davon dringen Kritiker wie Wiesel indes nicht durch. In Magyar Hírlap, einer reaktionären Budapester Zeitung, heißt es zynisch, es interessiere niemanden, zu "welchem Stamm" der Amerikaner gehöre. Diejenigen, die dem Juden den ungarischen Verdienstorden einst verliehen hätten, hätten damit jemanden geehrt, der eine "kosmopolitische Haltung, nie endende Negation und keine echte Lebensleistung vorzuweisen" habe. Mesterházy gilt als Mitglied einer KP-Nachfolgepartei als prinzipiell desavouiert. Ágnes Vadai wiederum erntete bei ihrer Rede im Parlament höhnische Zwischenrufe der faschistischen Jobbik-Partei, die jede Nennung des Namens Miklós Horthy lautstark bejubelte.

"Größter ungarischer Staatsmann des zwanzigsten Jahrhunderts"

Horthy war Reichsverweser der Zwischenkriegszeit, Befehlshaber in der Zeit des Weißen Terrors, Anhänger des Ständestaats und Gegner jeder Form von Liberalismus, Initiator der ersten Judengesetze in Ungarn, anfangs auch mitverantwortlich für Judendeportationen. Vor allem ist er Stein des Anstoßes in Ungarn. Plätze werden nach ihm benannt, Statuen für ihn aufgestellt, Gedenkplaketten für ihn aufgehängt, Lesungen über seine Verdienste veranstaltet. In Europa wird die "Renaissance des Reichsverwesers" (Der Spiegel) mit großer Skepsis beobachtet, in den Vereinigten Staaten wurde unlängst ein Artikel über "Ungarns neuen Helden" in zahlreichen Blättern nachgedruckt. In Ungarn selbst wächst unterdessen die Zahl derer, die sich zum "größten ungarischen Staatsmann des zwanzigsten Jahrhunderts" (so Gábor Vona, Jobbik-Parteichef im Parlament) bekennen.

Als kürzlich in der Kleinstadt Csókakö unterhalb einer mittelalterlichen Burg, begleitet von den Fanfaren berittener Husaren und geehrt von salutierenden Mitgliedern der - verbotenen - faschistischen Ungarischen Garden, eine Horthy-Statue enthüllt wurde, nahm Ortsbürgermeister György Fürész von der Regierungspartei Fidesz an der Veranstaltung teil und fragte leutselig: "Warum sollte ich solche Initiativen stoppen?" Ähnlich verharmlosend argumentiert auch der Premier selbst. Viktor Orbán sagte der österreichischen Zeitung Die Presse unlängst, die Entscheidung über Horthy-Denkmäler obliege "ausschließlich lokalen Gemeinden". Damit habe die Regierung nichts zu tun, da wolle man sich nicht einmischen. Und dann fragt er, scheinbar naiv: "Bezeichnet irgendjemand Horthy als Diktator?"

Argumentativ schamlos harmlos

Doch der ungarische Geschichtsrevisionismus umfasst weit mehr als die Begeisterung für den adeligen Offizier, der den Trianon-Vertrag nie akzeptierte und unter dem Motto "Nein, niemals" zeitlebens auf der Wiederherstellung Großungarns beharrte. Die Begeisterung für Horthy mischt sich mit der neuen Liebe für alte, antisemitische und völkische Dichter wie Albert Wass und Jószef Nyirö, die in den nationalen Lehrplan für Schulen aufgenommen wurden. Nyirö wurde jüngst - auf Initiative der Regierung - in Spanien exhumiert, nach Budapest übergeführt und sollte Pfingsten in seinem Geburtsort im rumänischen Siebenbürgen beigesetzt werden. Hochrangige Fidesz-Politiker begleiteten die Urne und verteidigten das Ansinnen gegen die wütenden Reaktionen der rumänischen Regierung. Auch hier gab man sich argumentativ schamlos harmlos: Es gehe doch nur um eine Beerdigung, um eine Frage der "Pietät", nicht der Politik.

Auch kirchliche Würdenträger aus dem vergangenen Jahrhundert kommen wieder zu Ehren. Der Blog "Hungarian Spectrum" vermerkt, in Budapest werde die Errichtung einer Statue für den antisemitischen Bischof Ottokar Prohaska geplant. Prohaska habe mit seinen antisemitischen Schriften zur Judenfeindlichkeit in Ungarn beigetragen. Auch im heutigen Ungarn ist Antisemitismus auf dem Vormarsch, auch wenn Mitglieder der jüdischen Gemeinde dieses Thema lieber kleinhalten würden - aus Angst vor Nachahmern und weiteren Übergriffen. Doch die Schändung der Statue von Raoul Wallenberg in Budapest (dem Judenretter wurden Schweinefüße um den Hals gehängt) wie auch der verbale Angriff auf den ehemaligen Oberrabbiner Joszef Schweitzer auf offener Straße schüren die Nervosität unter jenen, die das neue Klima der historischen Ignoranz zum Fürchten finden.

Jobbik das Wasser abgraben

Übergriffe gegen Juden hat Viktor Orbán zwar immer wieder verurteilt. Ansonsten aber kommt die nationale Aufwallung dem Premier und seiner Fidesz-Partei nicht nur recht, Orbán und seine Anhänger schüren die Entwicklung sogar. Denn zum einen, so deren Argumentation, sei auch Franz Josef Strauß einst erfolgreich gewesen mit seiner Devise "Rechts von mir ist nur noch die Wand" (so Parlamentspräsident Kövér im Gespräch), und mit einem nationalen Kurs will man den Faschisten von der Jobbik das Wasser abgraben.

Zum anderen aber entspringt der völkische Nationalismus, der die aktuelle Kulturpolitik durchdringt, dem Selbstverständnis der neuen Regierung. Die einstige Größe der ungarischen Nation soll wieder ins Bewusstsein gerückt werden, der Blick zurück soll die Grundlage für einen neuen Nationalstolz und eine große Zukunft legen.

Der bekannte Historiker Krisztián Ungváry verweist zwar darauf, dass das neue Geschichtsbild, das sich in seinem Heimatland Bahn breche, vor allem ein Ergebnis rechtsextremistischer Aktivitäten sei - Jobbik und die Ungarischen Garden hätten Abzeichen und Symbole Großungarns wie der Pfeilkreuzler wieder populär gemacht. Aber, so warnt, er, die Regierung grenze sich davon nicht ausreichend ab. Sie mache "Vorbilder wieder hoffähig, die in einem demokratischen Rechtsstaat als geschmacklos und unerträglich empfunden werden müssen" (Ungváry in "Quo Vadis, Hungaria", einem Themenheft der Zeitschrift Osteuropa, 2011).

Die Direktorin des United States Holocaust Memorial Museum, Sara Bloomfield, nahm diesen Gedanken Mitte Juni auf, als sie auf der Webseite des Museums einen Appell veröffentlichte. Sie hege "tiefe Sorge über die Rehabilitierung der faschistischen Ideologen und Führer aus dem Zweiten Weltkrieg", schrieb sie dort. Diese Entwicklung sei eine "schwere Beleidigung der Erinnerung an diejenigen, die unter diesen Regimen umgekommen sind".

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SZ vom 25.06.2012/ihe
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