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Gedenkkonzert für David Bowie:Klebrige Ergriffenheitsprahlerei?

Wenn man natürlich auch sagen muss, "Tribute" heißen solche Konzerte, weil eben jemandem Tribut gezollt wird, und das Zollen von Tribut ist eine Unterwerfungsgeste, die man mit Demut betreiben kann oder auch mit Eitelkeit. Gemeint ist damit die Annäherung an das Original in dieser kriechenden Proskynese-Haltung, dieser aufgeplusterten Verlangsamung, die bei solchen Gelegenheiten immer auch leicht zu einer etwas klebrigen Ergriffenheitsprahlerei werden kann.

David Bowie David Bowie - der Mann, der in den Himmel fiel Bilder
Nachruf

David Bowie - der Mann, der in den Himmel fiel

Selbst ein Herzinfarkt konnte David Bowie nicht daran hindern, einen Song zu Ende zu singen. Nun ist der Ausnahmekünstler einem Krebsleiden erlegen. Unfassbar.   Nachruf von Jan Kedves

Kyp Malone von der Band TV on the Radio darf sich hier angesprochen fühlen. Bei Michael Stipe, ehemals R.E.M. und mittlerweile mit Weihnachtsmannbart, könnte man zumindest darüber diskutieren. Stipe flüsterte "Ashes to Ashes" in einem kaum noch hörbaren Bereich, und Karen Elson, die Ex von Jack White, hauchte im Wechselgesang dazu die Refrains von der Bodenstation. Das war schon sehr, sehr schön natürlich, aber es hatte eben auch diese humorbereinigte Grabrednerbetulichkeit, von der man immer annehmen möchte, dass sie den Verstorbenen gar nicht so recht ist, weil sie lieber in ihrer Vitalität und ihrem Witz im Gedächtnis bleiben möchten. Andererseits: Wie soll man schon wissen, was Verstorbene wirklich wollen.

Das war sehr schön und tröstlich und es gab auch gut Gelegenheit, ins Taschentuch zu flennen

Die Hinterbliebenen wollen jedenfalls einerseits typischerweise den heiteren Trost der schönen Erinnerung, andererseits aber auch vorher ein bisschen ins Taschentuch flennen. Und dazu bestand die zwingendste Gelegenheit, als Don McCaslin, dieser grandiose Jazz-Saxofonist von Bowies letztem Album "Blackstar", das Stück "Lazarus" spielte. Und zwar eben nicht nur das Saxofonsolo. Sondern mit seinem Saxofon auch die Singstimme, die ja nun einmal von uns gegangen ist

Eher aus der Kategorie Leichenschmaus: Als Perry Farrell (Jane's Addiction und viele mehr) in rotem Samtanzug "Rebel Rebel" sang wie ein angeschwipster Dandy auf einer Karaoke-Bühne. Oder wie die Pixies einfach "Cactus" runterrockten. Ist das nicht ein Stück von ihnen selbst? Ja und nein: Bowie hatte 2002 eine Cover-Version davon gemacht. Und der wurde jetzt gewissermaßen zurückgecovert. Das Wort Rückkopplung bekam hier eine erweiterte, noch fiependere Dimension.

The Polyphonic Spree, die damals, eben 2002, als Vorband mit Bowie auf Tour waren, schwankten zu ihrer Version von "Slip away" in weißen Schlafanzügen hin und her wie eine astreine New-Age-Sekte, und als gegen Ende hin The Flaming Lips "Life on Mars" spielten, saß Sänger Wayne Coyne auf den Schultern von Chewbacca, dem "Star Wars"-Zottel. Und warum auch nicht?

Ach, es waren schon große Namen, die sich da das Mikrofon reichten wie einen Staffelstab: Amanda Palmer und Jakob Dylan, Joseph Arthur (mit Fuck-Trump-Flagge am Mikro), Sean Lennon und J Mascis, Mumford and Sons und und und, auffällig oft aus der Alternative-Rock-Ecke, auffällig wenige, die den Funk-Bowie von "Fame" und "Let's Dance" repräsentiert hätten, was schon deshalb kein Drama ist, weil es zeigt, wo dieser Mann am Ende eben am wirkungsvollsten war. Aber immer machen solche Interpretationen dann halt vor allem doch die Differenz zum Gefeierten spürbar, also den Verlust.

Das musikalische Gedenken an David Bowie ist natürlich aus guten Gründen kein Ähnlichkeitswettbewerb. Wenn es allerdings einer wäre, dann wäre der Gewinner weder in der Carnegie Hall noch in der Radio City Music Hall aufgetreten, sondern neulich in Jimmy Fallons "Tonight Show" und ist für alle Welt auf Youtube nachprüfbar: Chris Martin von Coldplay saß da am Klavier und hielt, was das Entscheidende ist, seinen Mund in Demut geschlossen. Es sang nämlich der Gastgeber, und zwar "Life on Mars" - bowieesker als Bowie selbst. Es ist mit Abstand das Beste, was diese beiden jemals gemacht haben werden.

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David Bowie

Von einem anderen Stern

David Bowie war ein künstlerisches Chamäleon, das mit seinen Inkarnationen die Popkultur geprägt hat. Seine Karriere in Bildern.