Friedenspreis des Deutschen Buchhandels:Sie waren dabei Teil einer Aufbruchsbewegung

Der französische Soziologe Maurice Halbwachs hatte das "kulturelle Gedächtnis" als Dimension moderner Gesellschaften bereits kurz vor dem Zweiten Weltkrieg ins Auge gefasst. Jan und Aleida Assmann haben seine Ansätze in ihren Disziplinen aufgegriffen. Sie waren dabei Teil einer Aufbruchsbewegung, in der sich die Geisteswissenschaften als "Kulturwissenschaften" neu zu begründen und zu erweitern suchten. Längst ist das "kulturelle Gedächtnis" in die Alltagssprache und in die politische Rhetorik eingegangen, vorbei sind die Zeiten, in denen die "Erinnerungskultur" in der Bundesrepublik ein Konsensbegriff war. Bereits 2013 erschien Aleida Assmanns Intervention "Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur".

Zu Beginn seines Buchs über Mozarts "Zauberflöte" (2005) schildert Jan Assmann, wie Ingmar Bergman in seiner Verfilmung der Oper die Ouvertüre inszeniert. Immer wieder zeige die Kamera Gesichter aus dem Publikum, in einer erstaunlichen Vielfalt von Reaktionen auf das Gehörte. Es sind europäische Gesichter dabei und außereuropäische, junge und alte, hingerissene und gelangweilte. Doch während die Musik spielt, erscheinen diese Gesichter nicht nur in ihrer Vielfalt, sondern auch zugleich in einer alles überspannenden Gemeinsamkeit: "Alle, das ist wohl Bergmans Botschaft, sind von diesem Menschheitswerk gemeint und in ihm angelegt."

Beiträge zur aktuellen Debatte über das Gewaltpotenzial der Religionen

Die Kultur als Medium der Versöhnung und des Dialogs ist ein Lieblingsthema aller Sonntagsredner. Jan Assmann hat 1990 den Band "Kultur und Konflikt" herausgegeben. Denn das "kulturelle Gedächtnis" kann Gesellschaften wie Nationen nicht nur stabilisieren, es kann sie ebenso spalten, ihre inneren und äußeren Konflikte anheizen. Mit seiner Kritik der monotheistischen Religionen und ihrer Vitalisierung absoluter Wahrheitsbegriffe in "Die Mosaische Unterscheidung" (2003) hat Jan Assmann zur aktuellen Debatte über das Gewaltpotenzial der Religionen beigetragen. Wenn er und Aleida Assmann am 15. Oktober zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse den Friedenspreis entgegennehmen, werden hoffentlich nicht nur Sonntagsreden gehalten.

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