Rede in der Frankfurter Paulskirche:Amartya Sen mit Friedenspreis ausgezeichnet

Friedenspreis an Amartya Sen

Übergabe: Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, in Frankfurt, der Friedenspreisträger Sen in Boston.

(Foto: dpa)

In seiner Dankesrede zeigt sich der indische Wirtschaftssoziologe alarmiert: Die Welt sehe sich konfrontiert mit einer "Pandemie des Autoritarismus".

Von Felix Stephan

Das Werk des indischen Wirtschaftstheoretikers Amartya Sen wird immer wieder auf eine einzelne Episode zurückgeführt, und so war es jetzt auch in Frankfurt am Main, als ihm in der Paulskirche der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde. Amartya Sen hat sie in seinem Buch "Die Identitätsfalle" erzählt: Im Jahr 1944, als er elf Jahre alt war und sein Vater an der Universität von Dhaka unterrichtete, schlug eines Tages ein muslimischer Tagelöhner vor dem Haus der Familie auf, in dessen Rücken ein Messer steckte. Der Vater fuhr ihn in das nächstgelegene Krankenhaus, wo er später starb, aber vorher hatten sie noch Gelegenheit, das Nötigste zu besprechen. Der Tagelöhner erzählte, dass er sich am Morgen mit seiner Frau gestritten hatte, weil sie ihn davon abhalten wollte, an diesem Tag in ein hinduistisches Viertel zu fahren, während es zwischen den Religionsgruppen zu Gewaltexzessen kam, die gezielt geschürt worden waren, um das Land zu spalten. Der Tagelöhner brach trotzdem auf, weil die Familie an diesem Tag sonst nichts zu essen gehabt hätte, und wurde später von radikalisierten Hindus überfallen.

Als Sen dann im Alter von nur 23 Jahren in Kalkutta Professor für Ökonomie wurde, stieß er auf ein Fach, das das kulturelle Umfeld, in dem der einzelne Wirtschaftsteilnehmer lebte, wenig berücksichtigte. Religion, Hautfarbe, Geschlecht spielten in der Ökonomie keine nennenswerte Rolle. Für Sens Beobachtung, dass eine Gesellschaft ökonomisch hoch effizient und gleichzeitig abscheulich sein konnte, gab es in der Wirtschaftstheorie dieser Zeit kein Bewusstsein, weshalb sie vieles nicht beschreiben konnte, was für den indischen Hindu Amartya Sen, der noch in einer britischen Kolonie zur Welt gekommen ist, offenkundig zur Lebensrealität gehörte.

Seine Dankesrede hielt Sen von zu Hause in Boston aus, Ortszeit vier Uhr morgens

Der ökonomische Utilitarismus seiner Zeit definierte das als nützlich, was individuelle Zufriedenheit herstellt, wobei für die Gesamtheit das als nützlich angesehen wurde, was sich aus der Zusammenführung der Einzelinteressen ergibt. In der Zeitschrift Soziopolis zeichnete der Dortmunder Ökonom Christian Neuhäuser soeben detailliert nach, wie grundsätzlich Sens Einwände gegen diese ökonomischen Grundannahmen waren: Das Modell lasse außer Acht, so Sen, dass jeder Mensch über unveräußerliche Freiheitsrechte verfügt, die dem ökonomischen "Gesamtnutzen" im Zweifel zum Opfer fallen können. Das bloße Maximieren der individuellen Zufriedenheit könne folglich kein legitimes Ziel ökonomischen Handelns sein. Im Jahr 1977 erschien Sens wohl bekanntester Aufsatz mit dem sprechenden Titel "Rationale Dummköpfe" in der Zeitschrift Philosophy & Public Affairs. Eine deutsche Übersetzung ist gerade bei Reclam erschienen.

Seine Dankesrede bei der Friedenspreis-Verleihung hielt der 86-jährige Sen nun von seinem Haus in Boston aus. Um vier Uhr morgens Ortszeit wurde sie live in die sehr spärlich mit Zuhörern besetzte Frankfurter Paulskirche übertragen. Weil sich der Laudator Frank-Walter Steinmeier seinerseits in Quarantäne befand, las dessen Rede der Schauspieler Burghart Klaußner. Amartya Sen, hieß es darin unter anderem, habe das ökonomische Verständnis des Bundespräsidenten geweitet.

Sens akademisches Lebenswerk dreht sich um die Frage, wie individuelle Freiheits- und Grundrechte auch in einer Welt der fragmentierten Lebensumstände gedacht werden können. Wobei er seine Aufmerksamkeit nicht nur dem Entwicklungsstand einzelner Länder widmete, sondern auch den marginalisierten Gruppen in diesen Ländern. In den USA etwa beobachtete Sen, dass die Entwicklungsmöglichkeiten für Weiße zwar weltweit ihresgleichen suchen, jene der schwarzen Amerikaner sich aber auf dem Niveau eines Entwicklungslandes befinden. Dem Bruttoinlandsprodukt, das solche Unterschiede nicht berücksichtigt, setzte er deshalb seinen "Index der menschlichen Entwicklung" entgegen, mit dem die UN heute die wirtschaftliche Lage eines Landes misst.

Friedenspreis an Amartya Sen

Sein Stuhl blieb leer: Der Bundespräsident sollte die Laudatio auf Amartya Sen halten. Weil er Kontakt mit einem Corona-infizierten Personenschützer hatte, befindet sich Frank-Walter Steinmeier aber in Quarantäne. Seine Rede verlas der Schauspieler Burghart Klaußner.

(Foto: dpa)

Die vergangenen Jahrzehnte muss Sen in diesem Sinne als Zeit des unaufhaltsamen Fortschritt erlebt haben. Im Laufe seines Lebens haben Demokratisierung und wirtschaftliche Globalisierung tendenziell immer mehr Menschen Chancen auf ein würdevolles Leben auch außerhalb der klassischen Industrienationen zur Verfügung gestellt. In seiner Frankfurter Dankesrede zeigte er sich allerdings alarmiert. Die Welt, sagte Zen, sehe sich konfrontiert mit einer "Pandemie des Autoritarismus".

Sein Heimatland Indien habe sich nach der Unabhängigkeit von England zwar lange als säkulare Demokratie behaupten können. Heute aber seien die autoritären Neigungen der hindunationalistischen Regierung nicht mehr zu übersehen. Bürgerrechtler würden als "Terroristen" in Vorbeugehaft genommen, Amnesty International habe das Land verlassen müssen, nachdem die Regierung die Konten der Organisation eingefroren hat, die Grundrechte indischer Muslime würden konsequent beschnitten. Zwanzig bis dreißig Länder, so Sen, entwickelten sich derzeit zu Autokratien. Nichts sei heute mehr geboten als der Widerstand gegen den Autoritarismus.

© SZ vom 19.10.2020
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