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Plagiatsvorwürfe gegen Franziska Giffey:Frei drehende Skandale

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey, SPD, aufgenommen bei der Vorstellung des 16. Kinder- und Jugendbericht der Bu

Ihre politische Zukunft dürfte vom Ergebnis der neuen Prüfung ihrer Doktorarbeit abhängen: Bundesfamilienministerin Franziska Giffey.

(Foto: Felix Zahn/Imago images/Photothek)

Nicht nur die Dissertation von Franziska Giffey wirft Fragen auf : Wie die Freie Universität Berlin aus dem Skandal um ihre berühmte Doktorandin wieder herausfinden will.

Von Jan Heidtmann

Eine öffentliche Veranstaltung, eine richtige mit Menschen und so, das ist in diesen Zeiten etwas Besonderes. Doch der Akademische Senat der Freien Universität Berlin, der vergangene Woche leibhaftig tagte, stand aus einem anderen Grund unter Beobachtung: Wie würde die Universitätsleitung darauf reagieren, dass eine der Doktorandinnen ihren Titel nicht mehr tragen will? Wochenlang hatte die Hochschulleitung zum Fall Franziska Giffey geschwiegen und gemauert.

Das Treffen fand im Audimax statt. Unter dem Tagesordnungspunkt "0": "Mitteilungen und Anfragen" ergriff Präsident Günter M. Ziegler das Wort. In einer Art Selbstbefragung skizzierte er eine viertel Stunde lang, wie die FU aus dem Skandal, der gar keiner sein soll, wieder herausfinden will. "Es ist richtig, dass wir jetzt mit dieser Sache abschließen", beschreibt Janik Besendorf die Stimmung in dem 25-köpfigen Gremium. Besendorf sitzt als Vertreter des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta) im Akademischen Senat. Doch es bleibt offen, ob das "Abschließen" so einfach klappt.

Das Verfahren war auf den unterschiedlichsten Ebenen denkwürdig. Jetzt gibt es ein Prüfungsgremium mit neuen Mitgliedern

Die Ankündigung des Präsidenten ist zumindest der Versuch, aus dieser eigenkonstruierten Affäre herauszufinden, welche die die FU seit nun fast zwei Jahren beschäftigt. Franziska Giffey hatte 2010 am Otto-Suhr-Institut der FU promoviert. Nachdem bei Vroniplag Wiki Fehler in der Doktorarbeit dokumentiert wurden, bat Giffey 2019 um eine Überprüfung. Eine erste Kommission kam zu dem Schluss, dass Giffey teilweise unsauber zitiert habe und erteilte eine Rüge, beließ der Bundesfamilienministerin aber den Titel. Zwei Gutachten weiter - eines war von der Berliner CDU in Auftrag gegeben worden - sieht sich die FU nun veranlasst, die Arbeit noch einmal prüfen zu lassen. "Ergebnisoffen", wie Präsident Ziegler betonte. Bis zum Ende des Wintersemesters im Februar soll ein Urteil gefällt werden: Titel, erneute Rüge oder doch der Entzug des Titels. Das Prüfungsgremium werde jedenfalls komplett neu besetzt sein, sagte Ziegler noch. "Die Mitglieder werden alle Mitglieder mit Rückgrat sein."

Das Verfahren bis dahin war auf den unterschiedlichsten Ebenen denkwürdig. Da ist Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller von der SPD, der zugleich Wissenschaftssenator ist und eigentlich von Amts wegen die Rechtsaufsicht über das Verfahren hat. Schon 2019 wies er jedoch jede Verantwortung von sich. Er wolle sich nicht in die Angelegenheiten der Parteifreundin Giffey einmischen, die ja auch noch seine Nachfolgerin im Bürgermeisteramt Berlins werden soll. Da ist die Doktormutter Tanja Börzel, eine mächtige Figur am Otto-Suhr-Institut (OSI), die einen der Exzellenzcluster der FU leitet und viel Geld für die Universität einwirbt. Sie hat mitgeholfen, die Kommission einzusetzen, die Giffeys Arbeit erstmalig überprüfen sollte. Rechtlich mag das in Ordnung sein, praktisch ist es irritierend. Sollte so der Ruf einer wichtigen Professorin und Doktormutter geschützt werden? Zumal am Ende der Prüfung eine Rüge stand, ein im deutschen Universitätsbetrieb äußerst selten genutztes und fragwürdiges Instrument der Strafe.

Dazu kam noch eine Hochschulleitung, die das OSI gewähren ließ. Statt Transparenz in dem heiklen Prozess zu schaffen, schottete sich die Pressestelle ab, ein wesentliches Gutachten musste erst über das Informationsfreiheitsgesetz eingefordert werden, andere Schriftstücke werden immer noch zurückgehalten. Bis heute mag kaum jemand in der FU über die Angelegenheit sprechen. Es sei kein Wunder, "dass die Skandalisierung frei dreht" wie Hajo Funke sagt, bis 2010 Professor für Politikwissenschaften an der FU. Er glaubt, dass die neue Kultur der FU - der Drang nach Exzellenz und die Bedeutung von Drittmitteln - auch Anteil an dem Fall Giffey hätten. Es existiere eine "Druckstruktur", erklärt Funke am Telefon. "Wenn Sie Millionen an Geldern einwerben, dann haben Sie in gewisser Weise das Sagen."

Die Bildergalerie vor dem Audimax illustriert, wie sich die FU verändert hat: Der Studentenführer Rudi Dutschke hängt inzwischen neben Anne Will

Tanja Börzels Mann, Thomas Risse, ist Dekan am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften. Beide gelten als treibende Kräfte dabei, aus der ehemals linken Kaderschmiede ein Exzellenzinstitut zu formen. Dabei sei ein Teil des kritischen Geistes des Fachbereichs verloren gegangen, meint Funke. "Es war das Wesen des OSI, dass man die Machtverhältnisse kritisiert." Eine überdimensionale Bildergalerie vor dem Audimax illustriert ganz gut, wie sehr sich die FU verändert hat: Der Studentenführer Rudi Dutschke hängt da direkt neben der Moderatorin Anne Will. Funke glaubt jedoch, dass die erneute Prüfung eine Chance für die Universität ist. "Wenn man einsieht, dass es zu viel Machtballung gegeben hat, und man jeden Eindruck der Befangenheit vermeidet, dann ist das ein Schritt aus der Reputationskrise der FU."

Franziska Giffey hingegen steckt mittendrin in dieser Reputationskrise. Sie hatte gedacht, die Prüfung sei beendet, jetzt, mit dem zweiten Anlauf, will sie den Doktortitel nicht mehr führen. Rechtlich hat das keinerlei Bedeutung, deshalb wird Giffeys Verzicht kaum etwas daran ändern, dass ihre politische Zukunft von dem Ergebnis der neuen Prüfung abhängt. Gero Neugebauer war lange Parteienforscher am OSI. Er hat viele Doktoranden kennengelernt. Seiner Meinung nach hätte Giffey gar nicht promovieren dürfen. "Wenn jemand mit dem Berufsfeld sagt, ich möchte promovieren", meint Neugebauer, "dann wäre es das Fairste, ihm oder ihr abzuraten." Eine Doktorarbeit lässt sich kaum mit dem Alltag einer ambitionierten Politikerin vereinbaren. Der Meinung wird Franziska Giffey vermutlich inzwischen auch sein.

© SZ/knb/beg
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Bundesfamilienministerin Franziska Giffey und Bundesministerin fuer Bildung und Forschung Anja Karliczek (nicht im Bild

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