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Frankfurter Buchmesse:Es sieht toll aus, was in dieser Klinik auf den OP-Tisch kommt

Um zu demonstrieren, was möglich ist, haben sich die Grafiker die zwanzig Titel der Longlist für den Deutschen Buchpreis vorgenommen und ihnen probehalber ein völlig neues Gesicht verpasst. Denn wir bewegen uns hier auf dem Gebiet der buchästhetischen Schönheits-Chirurgie. Und ja, sieht toll aus, was in dieser Klinik auf den OP-Tisch kommt. Mit ihren Proben wollen die Aussteller nun auf die entsprechenden Verlage der Longlist-Bücher zugehen, schließlich ist gesund nur das, was nicht gründlich genug untersucht worden ist. Und die meisten Buchumschläge wissen noch gar nicht, dass sie Patienten sind.

Christopher Schmidt

Bücher gegen falsche Abenteuerversprechen

Drei Frauen. Drei Länder. Ein Problem. Wie bringt man die arabische Welt zum Lesen? Wie, jawohl, lässt sich die arabische Welt durch das Buch retten? Denn gerettet werden muss sie. 360 Millionen Menschen sprechen Arabisch - ein gigantischer Buchmarkt -, aber allein in Ägypten kann die Hälfte der Bevölkerung nicht lesen und schreiben, sagt die Verlegerin Karima Youssef aus Kairo bei der Diskussion des "Weltempfang" - ein neues Forum mit Salon und Bühne, das Buchmesse und Auswärtiges Amt gemeinsam eingerichtet haben - über den arabischen Buchmarkt. Hinzu kommen: ein lausiger Vertrieb, hochdotierte Preise für die falschen Leute, Zensur oder noch schlimmer, Selbstzensur.

Die Wurzel allen Übels sieht die libanesische Verlegerin Rania Zaghir in einem Bildungssystem, das überall sexuelle Verführung oder sozialen Aufruhr wittert, Kindern "Hass auf die Idee des Fremden" einimpft - und dann ist da noch die Diskriminierung der unterprivilegierten Massen: "Als hätten diese Menschen kein Recht auf Bücher." Die Dritte im Bunde ist Valentina Qussisiya, sie leitet die jordanische Shoman-Stiftung.

Mit einem Optimismus, den man auf der Buchmesse gern zwischen Buchdeckel pressen und verteilen würde, ziehen die Buchaktivistinnen in Flüchtlingslager und aufs Land, um dem falschen Abenteuerversprechen des Islamischen Staates mit realen Leseabenteuern das Wasser abzugraben. Sie sind nur drei, aber sie wollen ihre Welt aus den Angeln heben: "Wir brauchen eine Revolution!"

Sonja Zekri

24 Frisuren

Sind soziale Netzwerke eine neue Form des Journalismus, womöglich "die fünfte Gewalt"? Dazu sollten der Medienwissenschaftler Leif Kramp von der Uni Bremen und Alexander Becker von Meedia.de sich etwas einfallen lassen. Das interessierte Publikum fand sich ein gleich neben einem Stand für tibetanische Denkungsart. Becker gab die Linie aus: Zuallererst seien soziale Netzwerke digitale Orte der Verständigung. Schön und gut - aber wird dort nicht vieles veröffentlicht, was journalistische Qualität hat? Aber sicher doch, meinte Becker.

Diese Frage ist schon deshalb von größtem Belang, weil angeblich in den vergangenen zwei Jahren mehr lesbare oder anschaubare Information zustande kam als in den vorherigen 2000 Jahren. Viele Leute, die diese Idee offenbar nicht gruselt, weil sie zum Beispiel ihren Kurs in tibetanischer Selbstversenkung bereits absolviert haben, hörten der Diskussion mit Neugierde zu. Leif Kramp beschrieb den Druck, den Journalisten aushalten müssen: Die Möglichkeiten der Technik, Facebook, Twitter, Instagram, das gesamte Internet, hätten kolossale Vorteile für die Nutzer. Die Vorstellung, dass Journalisten das alles bedienen und in engem Austausch mit den Lesern stünden, hält er für "feuchte Träume" von Verlagsmanagern, die übersähen, dass es ja eigentlich Aufgabe von Journalisten sei zu recherchieren. Nein, widersprach Becker: Da Verlagsmanager nun nicht ohne Einfluss seien, werde das alles von Journalisten erwartet. Im Übrigen liege das in der Natur der Sache: Nicht umsonst heiße es "soziale Medien".

Außerdem verwies Becker auf die neue Shell-Studie bezüglich der Meinung von Jugendlichen. Fast fünfzig Prozent geben an, sich für Politik zu interessieren. Was ihnen hingegen von den eingesessenen Verlagshäusern im Internet geboten werde, gehe selten über das Thema hinaus "die 24 schönsten Frisuren von Thomas Gottschalk".

Franziska Augstein

Bücher als Gemälde

Der Geruch spielt bei Büchern ja eine eher untergeordnete Rolle. Aber die haptischen und visuellen Qualitäten werden für das Betriebssystem gedrucktes Buch zunehmend wichtig, um sich von seinen elektronischen Konkurrenten abzuheben. Darum prämiert die Stiftung Buchkunst wie schon im Vorjahr die "25 schönsten deutschen Bücher". Dabei ist beispielsweise die kladdenhaft anmutende Edition Revers vom Verlagshaus J. Frank aus Berlin, A.L. Kennedys aktueller Erzählungsband "Der letzte Schrei" aus dem Hanser Verlag oder die von Judith Schalansky herausgegebene Reihe der Naturkunden bei Matthes & Seite sowie Maria Antas' "Buch über das Putzen", illustriert von Kat Menschik. Den Hauptpreis aber hat die Andere Bibliothek davongetragen mit dem wunderbar gestalteten Band "69 Hotelzimmer" des verstorbenen Filmemachers Michael Glawogger.

Michael Glawogger Handbuch fürs Hotelzimmer
Buchkritik
Filmemacher Michael Glawogger

Handbuch fürs Hotelzimmer

Michael Glawogger war ein grandioser Weltenfahrer des modernen Kinos. Ein Jahr nach seinem plötzlichen Tod erscheint nun das Reise- und Geschichtenbuch "69 Hotelzimmer". Es steckt voller Eskapaden, Exkurse und absurder Comedymomente.   Von Fritz Göttler