Frankfurter Buchmesse Rushdie: "Publizieren fühlt sich immer mehr wie Krieg an"

Mit einem flammenden Appell zur Verteidigung der Freiheit des Wortes eröffnet Salman Rushdie die 67. Frankfurter Buchmesse. Und geißelt die umgreifende "Political Correctness".

Von Volker Breidecker

Nein, "Krieger sind wir keine, und wir haben auch keine Gewehre", aber "publizieren fühlt sich immer mehr wie Krieg an". In seiner mit Spannung erwarteten Eröffnungsrede bei der gestrigen Pressekonferenz der Frankfurter Buchmesse verteidigte Salman Rushdie, der von religiösen Eiferern seit einem Vierteljahrhundert mit dem Tode bedrohte indisch-britische Schriftsteller, erneut die Freiheit der Rede als unveräußerliches universales Gut.

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Vor mehr als zwei Jahrhunderten von Voltaire, Diderot und den französischen Aufklärern gegen die Machthaber von Kirche und Staat erstritten, habe dieses Menschenrecht mit dem Denker Thomas Paine den Weg über den Atlantik in die amerikanische Verfassung und weiter in die übrige Welt genommen. Heute sei die Meinungsfreiheit ein universelles Gut. Über alles andere könne man gerne diskutieren, darüber aber nicht. "Ohne Meinungsfreiheit gibt es keine anderen Rechte", betonte der 68-jährige Autor. "Eigentlich sollten wir nicht wegen der Freiheit des Wortes diskutieren müssen."

Rushdie sprach in englischer Sprache durchweg von "freedom of speech" und nicht von "freedom of opinion", hatte also ein weitaus emphatischeres und sich vornehmlich in der Öffentlichkeit artikulierendes Gut im Sinn als die bloße Meinungsfreiheit, die ja auch ins beliebig Unverbindliche gehen kann. Gegen seine Feinde, die sich regelmäßig der Gewalt und der Gewaltandrohung bedienten, müsse jenes Menschenrecht immer wieder neu erstritten werden, auch heute. Doch nicht nur Gewalt und Terrorismus gefährdeten die Freiheit des Wortes, deren sich seit alters her die Dichter und Schriftsteller bedienten, sondern auch die wachsende Intoleranz, die sich aus einem übertriebenem Verlangen - Rushdie führte mehrere Beispiele von amerikanischen Universitäten an - nach "Political Correctness" ergebe.

Wink in Richtung Iran

In vorderster Linie ging es Rushdie um die Freiheit des schriftstellerischen Wortes und um die Bedrohungen, denen es an vielen Orten der Welt ausgesetzt ist, wo Dichter für ihre Worte häufig mit ihrem Leben einstehen müssten. Doch hatte Rushdie noch mehr im Sinn, schließlich verdankt er seinen Namen einer bewussten väterlichen Anleihe bei dem großen arabischen Arzt und Philosophen Ibn Rushd alias Averroes. Hatte der im Klima religiöser Toleranz von Al-Andalus im 12. Jahrhundert wirkende Intellektuelle eine die ganze Menschheit in Vergangenheit wie Gegenwart umspannende Weltseele im Sinn, so band Rushdie die Freiheit des Wortes und der Rede als universales Recht an die in seinen Augen den Menschen erst ausmachende Fähigkeit des Erzählens: Der Mensch sei das einzige Lebewesen, das sich Geschichten erzähle, und zwar Geschichten darüber, um was für eine Kreatur es sich bei ihm handle.

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In dieser Sicht können Menschen nur als Geschichtenerzähler überleben - so wie jene Scheherazade aus "1001 Nacht", deren Geschichte Salman Rushdie in seinem jüngsten Roman wieder neu erzählt. An dieser Stelle vergaß er nicht hinzuzufügen, dass diese Sammlung von Erzählungen ursprünglich aus dem Persischen stammt, bevor sie weiter ins Arabische übersetzt wurde. Dies war Salman Rushdies einziger Wink in Richtung Iran, das seine diesjährige Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse just wegen der geplanten Rede dieses Autors absagte, über den der Ayatollah Khomeini im Jahr 1989 die Fatwa und den zugehörigen Mordaufruf verhängt hatte.

So sehr Messedirektor Juergen Boos die offizielle iranische Absage auch bedauerte, versicherte er jedoch, dass nicht alle iranischen Verlage dem Boykott folgen werden und dass in den nächsten Tagen mit einer ganzen Reihe iranischer Autoren zu rechnen sei. Geplant sei zum Beispiel, dass Navid Kermani, der diesjährige Friedenspreisträger, eine Podiumsdiskussion mit der iranischen Autorin Fariba Vafi führen werde.

Fragen rund um Zuwanderung und Flucht, die Deutschland und die Welt in Atem halten

Das Forum dafür und für ähnliche Veranstaltungen, die diese Messe voraussichtlich zu einer der politischsten Messen seit 1989 werden lassen, liefert die in diesem Jahr stark aufgewertete Sektion "Weltempfang. Zentrum für Politik, Literatur und Übersetzung". Diese steht unter dem bereits vor Monaten formulierten und inzwischen um so brisanter gewordenem Rahmenthema "Grenzverläufe" und wird Debatten zu allen Fragen rund um Zuwanderung und Flucht bieten, die Deutschland und die Welt gegenwärtig in Atem halten.

Die Welt, insbesondere auch die mehrheitlich islamische Welt - aber eine ganz andere islamische Welt, als wir sie zu kennen gewohnt sind oder sie zu kennen glauben - wird in diesem Jahr mit dem riesigen Inselstaat Indonesien zu Gast sein. Der unbedingt besuchenswerte indonesische Pavillon, in maritimes Licht getaucht, lädt unter Hunderten papierenen Lampions zum Verweilen und Flanieren ein. Viele Lampions sind mit den Versen indonesischer Dichter bedruckt, die - auch wenn sie in Deutschland noch kaum jemand kennt - von der anderen Seite der Erdkugel dieselbe Botschaft zum Ausdruck bringen wie Salman Rushdie in seiner Rede.

"Eigentlich sollten wir nicht wegen der Freiheit des Wortes diskutieren müssen": Salman Rushdie auf der Frankfurter Buchmesse.

(Foto: Getty Images)

Nach Rushdies Worten bewährt sich die Kunst als Gegenmacht zu den politischen Gewalthabern und Diktatoren auch in ihrer längeren Dauer und andauernden Gegenwart. Die Verse des ans Ende des Römischen Reichs verbannten Dichters Ovid überlebten das Imperium, Gedichte des bedrängten Poeten Ossip Mandelstam überdauerten die Sowjetunion, und die Dichtungen des von der Falange ermordeten Federico García Lorca überstanden das Regime des Generals Franco.

"Tote waren, viele Tote"

Für bedrängte und mit dem Tod bedrohte Publizisten selbst sei all dies - wie Rushdie eingestand - natürlich wenig tröstlich. Und gerade davon können die unter einer langen und blutigen Diktatur gepeinigten, noch heute davon traumatisierten Indonesier und ihre Schriftsteller und Dichter ein trauriges Lied singen. So wie Rivai Apin, der wie sein berühmter Landsmann und Kollege Pramoedya Ananta Toer für mehr als ein Jahrzehnt in der Strafkolonie der berüchtigten Molukkeninsel Buru interniert war. Erst heute haben indonesische Schriftsteller wie Leila S. Chudori und Laksmi Pamuntjak für die Gräuel der Suharto-Diktatur eine adäquate Sprache gefunden.

Auf einigen Lampions des Pavillons wurden Zeilen des Dichters Rivai Apin in zwei Sprachen gedruckt: "Denke immer daran, wenn der Wind sich erhebt / dass auf dem Land, das wir erträumten / Tote waren, viele Tote."