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Buchmesse:Frankfurt en miniature

Buchmesse Frankfurt

Blick in eine - noch vergleichsweise leere - Buchmessen-Halle im vergangenen Jahr.

(Foto: Jens Kalaene/dpa)

Die Frankfurter Buchmesse findet im Oktober statt. Allerdings haben viele große Verlagshäuser schon abgesagt - und Asien und Amerika werden gar nicht kommen.

Wenn im Oktober die Frankfurter Buchmesse als physische Großveranstaltung stattfindet, wird die Lüftungsanlage eine besondere Rolle spielen. Das Sicherheitskonzept der Messe sieht derzeit vor, dass sich 20 000 Menschen gleichzeitig auf dem Gelände werden aufhalten können. Der eigentliche Protagonist ist in diesem Zusammenhang die Lüftungstechnik, die für den Abtransport der Aerosole aus den riesigen Frankfurter Messehallen zuständig ist.

Die Messe auch unter pandemischen Bedingungen stattfinden zu lassen, ist zweifelsohne ein Wagnis. Aber nachdem zuvor schon die Messen in Leipzig, London und Bologna abgesagt wurden, habe man festgestellt, dass das Digitale die physische Begegnung nicht ersetzen könne, wie der Direktor der Frankfurter Buchmesse, Juergen Boos, am Donnerstag auf einer Pressekonferenz sagte. Deshalb findet die Messe statt, wenn auch in stark reduzierter Form. Weder Random House noch Holtzbrinck oder die schwedische Verlagsgruppe Bonnier werden in Frankfurt eigene Stände haben. Damit wird ein Großteil der bekannten Publikumsverlage in Frankfurt fehlen, darunter Häuser wie Rowohlt, Kiepenheuer & Witsch, S. Fischer, Ullstein, Luchterhand, Blessing oder Heyne.

Die Veranstalter gehen außerdem davon aus, dass die Reisebeschränkungen in Nord- und Lateinamerika auch im Oktober noch gelten werden, was unter anderem das Gastland Kanada betrifft. Dessen Auftritt wird wohl weitgehend digital stattfinden, was im literarischen Kontext nach wie vor bedeutet: im Grunde gar nicht. Und auch mit den US- und lateinamerikanischen Verlagen wird im Oktober noch nicht zu rechnen sein. Weil auch die Reisebestimmungen in den asiatischen Ländern kaum vorauszusehen sind, rechnet die Messe derzeit mit einer europäischen Ausgabe. Im Vergleich zu 2019 erwartet sie momentan knapp ein Drittel der Aussteller. Veranstaltungen sollen in der Stadt, im Netz und im Fernsehen stattfinden. Mit dem deutsch-französischen Kultursender Arte befinde man sich derzeit in Gesprächen.

Wirtschaftlich gesehen geht es dabei im besten Falle um Schadensbegrenzung. Schon jetzt steht fest, dass die Messe ein erhebliches Defizit einfahren wird. Die Absagen der Frühjahrsmessen haben aber gezeigt, dass die mediale Aufmerksamkeit auch im Buchgeschäft ereignisgetrieben und ohne Großveranstaltungen kaum herzustellen ist. Ohne Messen gehen nicht nur die Verkäufe zurück, die Autorinnen und Autoren dringen auch medial nicht mehr durch, zum Schaden aller Beteiligten, also auch des öffentlichen Diskurses, der ohne die Fachleute auskommen muss, die zu den virulenten Themen die einschlägigen Bücher geschrieben haben.

Die Messe und die Verlage stehen nun vor der Herausforderung, diese Aufmerksamkeit auch im digitalen Raum herzustellen, wie es etwa E-Sport und Vaporwave schon lange gelingt. Auch dafür möchte Frankfurt ein Labor sein und Lesungen, Gespräche, Konferenzen mit großem Aufwand digital ausrichten. Dass es bei diesen Anlässen aber nun einmal nicht nur um die Texte, sondern zu gleichen Teilen auch um das bloße Versammeln selbst geht, könnte sich möglicherweise als Nachteil erweisen.

© SZ vom 29.05.2020/cag

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