Geschichte der Fotografie:Die Vermessung des Menschen

Geschichte der Fotografie: Felix von Luschans Bild von Sultana, die er zur "Perle von Maghreb" stilisierte.

Felix von Luschans Bild von Sultana, die er zur "Perle von Maghreb" stilisierte.

(Foto: Department für Evolutionäre Anthropologie der Universität Wien)

Felix von Luschan hat im 19. Jahrhundert Menschen katalogisiert. Ein unschuldiges Vorhaben? Eine Ausstellung in Wien zeigt die Bilder.

Von Almuth Spiegler

Der Abstand zu Berlin, zur ganzen Debatte über die Benin-Bronzen, tut dem Blick auf diese Ausstellung wohl gut. Auch der unaufgeregte Ort, das kleine, feine, private Photoinstitut Bonartes, zwar in der Wiener Innenstadt zentral gelegen, aber doch in seinem Auftritt sehr zurückhaltend, diskret, für den Besuch wird eine Voranmeldung erwünscht. Hier werden langjährige wissenschaftliche Aufarbeitungen aus der Fotografiegeschichte präsentiert, auf kleinem Raum, aber immer präzise, die Themen gesellschaftspolitisch relevant. Diesmal geht es um den Archäologen und Forschungsreisenden Felix von Luschan (1854-1924), der wesentlich dafür verantwortlich war, dass die heute so heftig umstrittenen Benin-Bronzen, deren Rückgabe nach Nigeria erst diesen Sommer konkret wurde, einst überhaupt erst nach Berlin kamen.

Es war Luschan, der einen großen Teil der 1897 aus dem damaligen Königreich Benin erbeuteten Objekte bei ihrer anschließenden Auktion in London ersteigern ließ. Er war damals Direktor der Afrika-Abteilung für Afrika des Berliner Museums für Völkerkunde, eine ambivalente Figur, der einer ebenso ambivalenten Mission folgte: "Rettungsanthropologie" wurde sie genannt und von Luschan mit enormem Eifer betrieben. "Gerettet" werden sollten so viele Artefakte aus den kolonialisierten Gebieten wie möglich, um die Kulturen in einer angenommenen Unberührtheit zu erhalten. Bevor die Kolonialisierung, der westliche Einfluss diese verderbe. Damit rechtfertigten Felix von Luschan und seine Kollegen unglaubliche Raubzüge, die er von Berlin aus dirigierte - er gab sogar eigene Kurse, was die Expeditionsteilnehmer mitnehmen sollten, drängte sie dazu. Wobei es nicht nur um Objekte ging, sondern auch um menschliche Überreste. Als Leitmedium dieser frühen "Völkerkunde" Luschans diente aber die Fotografie. Womit wir im Photoinstitut Bonartes angekommen wären.

Nach seinem Tod wurden Luschans Fotos dem NS-"Rassenkundler" Otto Reche übergeben

Dass jetzt Teile der privaten Fotosammlung Luschans ausgestellt sind, ist mehreren Zufällen geschuldet. Luschan war Österreicher, wurde im heutigen Hollerbrunn geboren. 1885 ginge er mit 29 Jahren, schon nach Berlin. Als er dort 1924 starb, hatte die Zeit den umtriebigen Funktionär nicht nur körperlich eingeholt, auch wissenschaftlich. Er galt mit seinem vergleichsweise liberalen Ansatz, dezidiert antirassistisch und nicht antisemitisch, als nicht mehr zeitgemäß. Seine Schüler waren bereits "Rassenhygieniker". Seinen Nachlass, den er mit Auflagen wie der Verpflichtung einer Aufstellung versehen hatte, wollte in Berlin jedenfalls niemand mehr. Worauf dieser aufgeteilt wurde. Teile der fragwürdigen menschlichen Überreste kamen sogar ins Naturhistorische Museum in New York. Die Fotografien wurden einem seiner ehemaligen Vertrauten übergeben, dem deutschen Anthropologen und späteren NS-"Rassenkundler" Otto Reche, der damals für nur wenige Jahre in Wien lehrte.

Als Reche 1927 weiterzog, blieben die rund 6000 Fotos in der Sammlung des Instituts, verteilten sich über die Jahrzehnte in vielen Stehschachteln und Ordnern, gingen auf in den Rest der Sammlung des heutigen "Departments für Evolutionäre Anthropologie" der Universität Wien. Bis 2017 erkannt wurde, was die Initialen "V.L." auf manchen der Bilder bedeutet und die Anthropologin und Kuratorin Katharina Matiasek von Monika Faber, der Gründerin und Leiterin des "Photoinstitut Bonartes", den Auftrag bekam, dieses schwierige Erbe aufzuarbeiten.

Geschichte der Fotografie: James Waterhouse war ein Bruder im Geiste: Gruppe von Nicobaresen in Britisch-Indien um 1880.

James Waterhouse war ein Bruder im Geiste: Gruppe von Nicobaresen in Britisch-Indien um 1880.

(Foto: Department für Evolutionäre Anthropologie der Universität Wien)

Matiasek stellte auch diese Ausstellung zusammen, die nicht nur so präzise und sensibel wie möglich diese Geschichte erzählt, sondern auch auf mehreren Ebenen eine Art von Gerechtigkeit, zumindest aus heutiger Sicht, herzustellen versucht. Luschans Ehefrau Emma, wird in ihre bisher wenig beachtete Rolle als zu Lebzeiten schon so bezeichnete "Fotokünstlerin" gesetzt. Ein Drittel der selbstgemachten Fotos dieses Bestands hat sie gemacht. Als willige Gehilfin der Körper-Vermessung ist sie ebenfalls mehrmals abgebildet zu sehen. Die Ausstellung titelt daher zu Recht: "Rettungsanthropolgie in der fotografischen Sammlung Emma und Felix von Luschan".

Die Kuratorinnen haben sogar lebende Verwandte der Vermessenen gefunden

Betritt man sie, steht man erst einmal dem Forscher selbst als sein eigenes (archäologisches) Forschungsobjekt gegenüber, ein zur Fototapete aufgeblasenes Porträt Luschans in bronzezeitlichem Kostüm. So hatte er sich wahrscheinlich im Umfeld der Weltausstellung in Paris 1878 selbst inszeniert und in seine Sammlung eingebunden. Genauso wie Emma eine ihrer langen Haarlocken abgab. Staunend steht man vor der schmalen gläsernen Phiole, in der sie sich schlangenhaft windet. Fazit: Die Luschans sammelten nicht nur "das Andere". Sie sammelten auch sich selbst, also den Mitteleuropäer, was in der Anthropologie damals herausragend war und von seiner leidenschaftlich vertretenen Vision einer einzigen, großen Menschheit (aus verschiedenen "Rassen") spricht.

Soweit der versöhnliche Anfang, der einen Anfangs an der Hand nimmt und dorthin leitet, wo es einen schaudert: Anstatt die schiere Fülle dieses Bestands zu zeigen, entschied man sich klug und zeitgemäß dafür, vier der "Typenfotografien", also vier der derart methodisch in Profil und frontal "katalogisierten" Menschen herauszugreifen, und ihnen ihre Individualität und ihre Geschichte zurückzugeben. Bei zweien davon gelang es sogar, die heute noch lebenden Nachfahren aufzuspüren. Von Sultana Codron, weiblicher Part eines jungen sephardischen, aus Rhodos stammenden Paares. Luschan fotografierte sie 1884 bei einer Expedition in den Nahen Osten und stilisierte sie zur "Perle von Maghreb", zu einem Ideal des "orientalischen Typs". Die Familie lebt heute in der Diaspora, in England, in den USA. Auf einem kleinen Bildschirm laufen die Fotos aus dem Familienalbum vorbei, das sie für diese Ausstellung zur Verfügung stellten.

Auch die Nachfahren von "Soli" haben - immer im Tausch natürlich - derartige Fotos geschickt. Sie leben heute noch in Papua Neuguinea, von wo ein Herr Regierungsrat Rose 1893 einen neunjährigen Jungen mitnahm und "zur Erziehung" nach Berlin brachte. Dort hat Luschan ihn dann fotografiert. Solis Blick ist ungemein konzentriert, ernst, intensiv. Sein Taufpate sollte Kaiser Wilhelm II. werden, er sollte bald hervorragend deutsch sprechen, sogar eine eigene Visitenkarte sein Eigen nennen und eine goldene Uhr. Nach Problemen, die er im kalten Winter mit der Lunge bekam, nahm ihn einer der Neuendettelsauer Seminare wieder mit zurück in seine Heimat, wo er letztendlich die Missionsdruckerei leitete. Aber dennoch im Verband seines Dorfes blieb, ein frühes "globales" Leben, meint Matiasek. Drückt man auf ein kleines Knöpfchen unter Solis Fotografie, ertönt plötzlich, wie aus weiter Ferne, sogar seine Stimme: Als einer von fünf Männern, die hier ein Fischerlied singen, aufgenommen um 1910 von einem anderen Anthropologen vor Ort, gefunden ebenfalls im Rahmen der Recherchen zu dieser Ausstellung.

Bei zwei weiteren aus dem Luschan-Archiv gezoomten Personen konnte zwar nicht die Lebensgeschichte nachvollzogen werden, dafür die teils absurden Geschichten ihrer Fotos. Das 1896 bei der "Ersten Deutschen Kolonialausstellung" in Berlin aufgenommene "Typenporträt" eines namenlos bleibenden Massai etwa musste noch jahrzehntelang ein Nachleben auf einer Schweizer Wandtafel für den Schulunterricht fristen. Eines steht am Ende dieser Schau jedenfalls fest: Unschuldig ist keines dieser Fotos hier.

Überleben im Bild. "Rettungsanthropologie" in der fotografischen Sammlung Emma und Felix von Luschan. Noch bis zum 29. Oktober im Photoinstitut Bonartes in Wien. Info: bonartes.org. Katalog von Katarina Matiasek (Hg.) als Band 21 in der Reihe Beiträge zur Geschichte der Fotografie in Österreich, Fotohof edition Salzburg, 2021. 192 Seiten mit 163 Abbildungen in Farbe und Schwarzweiß, 19,90 Euro.

© SZ/eye
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