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Filmrestaurierung:Der Welt den Marsch trommeln

Blechtrommel größer

Vaterschaft als Drucksache: David Bennent, Mario Adorf und Katharina Thalbach.

(Foto: Studiocanal)

Volker Schlöndorffs "Die Blechtrommel" aus dem Jahr 1979 kommt wieder ins Kino - nach der Restaurierung klarer und schärfer. Aber vor allem ist die Literaturverfilmung immer noch grandios.

Von Susan Vahabzadeh

Der schrille Flötenton, mit dem Volker Schlöndorffs "Die Blechtrommel"beginnt, ist der perfekte Ton für diesen Film. Wenn Oskars Großmutter auf dem Feld einen Flüchtenden unter ihren Röcken versteckt und ihre Tochter empfängt, und dieses fiese, markerschütternde Dröhnen beginnt - Maurice Jarre hat die Filmmusik geschrieben -, nimmt das die Jahrzehnte vorweg, die folgen werden, ein Gefühl der permanenten Bedrohung. 1979 hat Volker Schlöndorff den Roman von Günter Grass verfilmt, und die Verfilmung ist ein echter Klassiker geworden. Sie kommt nun, in restaurierter Fassung, wieder ins Kino.

Ob man es noch schaffen würde, sich Oskar anders vorzustellen als so, wie David Bennent ihn damals spielte? Oskar bekämpft die absurde Welt der Erwachsenen mit Akten der Sabotage. Er schiebt dem Ziehvater seinen Treppensturz in die Schuhe, zwingt ihn in eine zweite Ehe mit der Magd (Katharina Thalbach), lässt die Fensterscheiben von Danzig zerspringen. Er hat dabei kein Ziel - er macht es allen nur möglichst schwer, weil sie es nicht besser verdienen. Findet er. Oskar, das Kind, das schon mit einem wachen Geist geboren wird, ist unschuldig und schuldig zugleich. Mit klarer, fester Kinderstimme erzählt er aus dem Off.

Es ist immer noch aufregend anzusehen, wie die Familie Matzerath aus der Zwischenkriegszeit in den Nationalsozialismus hineintaumelt, die Mischung aus kleinbürgerlichem Mief und zügelloser Sexualität hinter verschlossenen Türen, wie Alfred Matzerath (Mario Adorf) zum Nazi wird, weil er zwar eine andere Zukunft will, aber keinen blassen Dunst hat, wie die aussehen soll. Das Taumeln ins Mitläufertum ist zeitlos. "Die Blechtrommel" handelt nicht von bösen, geheimnisvollen Mächten, die die Welt ins Unheil treiben, sondern von sehr irdischen, lächerlichen Figuren, die das tun. Und dann ist es nicht einmal in ihrem eigenen Interesse.

Volker Schlöndorffs Film wurde nun in 4K restauriert und wird an diesem Montag sogar in Berlin mit einer ordentlichen Premiere gefeiert - das ist durchaus angemessen. Es gibt gar nicht so viele deutsche Filme, die es zu echtem Weltruhm gebracht haben. "Die Blechtrommel" hat 1979 bei den Filmfestspielen in Cannes die Goldene Palme gewonnen, und im Jahr darauf den Oscar für den besten fremdsprachigen Film, den ersten überhaupt und viele Jahre den einzigen, der nach Deutschland ging.

Ein Dokument seiner Zeit - bloß dank der Reinigung klarer und schärfer

Oskar entscheidet sich für ein Dasein als Giftzwerg - das bewahrt ihn davor, sich an dem Desaster beteiligen zu müssen, auf das die Erwachsenen um ihn herum zusteuern, und ermöglicht es ihm gleichzeitig, sich seine angewiderte Perspektive auf die Welt erhalten zu können, ohne selbst je zur Verantwortung gezogen zu werden. Lässt man sich ein auf diese kleine Nervensäge, die ihre Wut auf die Welt in Trommeln, Kreischen und Glaszerstörung übersetzt, ist Oskar rührend in seiner lauten Verzweiflung. Er könnte ohnehin nichts ausrichten mit Vernunft; Ziehvater Alfred Matzerath, der ganz froh zu sein scheint, dass die Mutter Agnes (Angela Winkler) in ihrer Sucht nach Leben und Liebe sich an ihren Cousin hält, der sowieso Oskars biologischer Vater ist. Alle drei sind rettungslos verloren, ob Oskar nun erwachsen wird oder nicht. Aber die Rolle des Beobachters und Trolls ist, andererseits, bequemer, als Verantwortung zu übernehmen - Oskar ist durch und durch eine zwiespältige Figur, und genau das macht seinen Reiz aus.

Es gibt großartige Szenen, unvergessliche Bilder in "Die Blechtrommel" - der Pferdekopf, mit dem Alfred Aale fängt, der trommelnde Oskar, der einer Parteiversammlung der Nazis einen Walzer aufzwingt. Der restaurierte Film sieht nun aus wie ein ordnungsgemäß gereinigtes Gemälde: wie vorher, bloß klarer. "Die Blechtrommel" erstrahlt in neuer Schärfe, aber es ist ihr nicht der Geist der Siebziger dabei ausgetrieben worden, sie sieht nicht plötzlich aus wie ein anderer Film, den man heute ganz genauso drehen würde. Sie ist immer noch ein Dokument ihrer eigenen Zeit, und sie trägt die Wut von Schlöndorffs Generation in sich. Aber die Welt ist heute immer noch so absurd, dass man sich manchmal wünschen würde, Oskar möge ihr den Marsch trommeln.

© SZ vom 31.08.2020
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