Filmfestspiele Venedig:Totengräber

Film venedig

Jake Gyllenhaal als literarisch beseelter Detektiv im Goldgräber-Western "The Sisters Brothers", einem der Highlights der bisherigen Festivalausgabe.

(Foto: Verleih)

Jacques Audiard zeigt beim Festival in Venedig seinen großartigen Western "The Sisters Brothers". Außerdem: ein Cop-Thriller und ein Mafia-Dokumentarfilm.

Von Thomas Steinfeld

In den armen Bezirken Neapels, im Spanischen Viertel oder in der Sanità, gibt es einen Totenkult, der den Gebeinen in den Katakomben unter der Stadt gilt. Die Lebenden wählen sich dabei irgendeinen Schädel, den sie dann säubern, polieren, auf einem Kissen herrichten oder dem sie ein Häuschen errichten (siehe dazu Ulrich van Loyens "Neapels Unterwelt", Berlin 2018). Dieser Kult gilt, wenn nicht einer Bemühung um Wiedergutmachung, so doch einem Versuch, ein wenig Ordnung in die Gesellschaft der Toten zu tragen, ja, in diese Gesellschaft heilend einzugreifen, weswegen die Anonymität des Gebeins eine Bedingung des Kultes darstellt. Erst indem die Namenlosen bedeutend werden, kann den Verlorenen aufgeholfen werden, und erst dann erfüllt der Dienst an den Toten seine Aufgabe auch für die Gegenwart. Denn so, wie man sich um die Schädel der Verblichenen zu kümmern hat, so bedürften auch die Lebenden in den vergessenen Vierteln Neapels der praktischen Zuwendung. Der Kult setzt deswegen mehr oder minder geschichtslose Verhältnisse voraus, die Toten dürfen nie wirklich tot sein. Und er kann nur in mehr oder minder geschlossenen Verhältnissen stattfinden. Denn eine solche Reparatur kann nur einem konkreten Objekt gelten.

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