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Filmfestival goEast:Angriff auf die postkommunistische Gesellschaft

Kenner des osteuropäischen Kinos dürften auf diesen Film besonders gespannt gewesen sein, denn Balabanow, der wegen seiner Gewaltdarstellungen und Tabuverletzungen gerne mit Quentin Tarrantino verglichen wird, polarisiert mit seinen Werken so gut wie immer. Glühende Begeisterung und abgrundtiefe Ablehnung halten sich beim Publikum dabei stets die Waage - und auch der Heizer wird diese gegensätzlichen Positionen heraufbeschwören.

Katka von Helena Trestikova: Die Heroinabhängige kommt aus der Spirale aus Abhängigkeit und erniedrigendem Dasein einfach nicht heraus.

(Foto: Negativ)

Nachdem sich Balabanow in seinen jüngsten beiden Filmen Fracht 200 - Grus 200 und Morphium - Morfej erst am sozialistischen und dann am revolutionären und postzaristischen Russland abgearbeitet hatte, attackiert er mit dem Heizer nun die postkommunistische Gesellschaft mit ihrer Willkürherrschaft durch die Mafia.

Balabanow wäre nicht der Provokateur, der er ist, wenn er das ernste - und blutdurchtränkte - Thema in seiner Krimikomödie nicht total verballhornen würde: Da wird in einer russischen Provinzstadt im Minutentakt gemordet und gemetzelt - doch ein flotter Gitarrensound konterkariert jede Ernsthaftigkeit. Wer auf Balabanow steht, kommt im Heizer erneut auf seine Kosten - die Handschrift des russischen Enfant terribles ist deutlich erkennbar. Doch auch die Kritiker werden wieder genug Stoff haben, an den ethischen Grundsätzen des notorischen Unruhestifters zu zweifeln.

Die Wiesbadener Jury unter dem serbischen Regisseur Zelimir Zilnik schlug sich allerdings auf die Seite der Balabanow-Fans und vergab den Hauptpreis des Festivals - die mit 10.000 Euro dotierte "Goldene Lilie" - für den Heizer.

Eine Demarkationslinie überquerte in Wiesbaden auch Balabanows russischer Landsmann Slava Ross, der mit Sibirien. Monamour einen beachtlichen Erstlingsfilm präsentierte. Das Drama um Menschlichkeit und Erbarmen spielt zwar ausschließlich in der Abgeschiedenheit Sibiriens, doch im Finale des Films transzendieren die Figuren aus der wirklichen Welt in die Spiritualität - Ross versucht sich also an der ultmativen Grenzüberschreitung.

"Mitgefühl zählt mehr als Gerechtigkeit"

Zuvor beschreibt er ein zutiefst ambivalentes Sibirien: Die Natur ist feindlich und voller Lebensgefahren, doch auch von atemberaubender Schönheit. Die Wolfshunde sind Mörder und Kameraden zugleich. Die Charaktere sind von den Härten des Lebens deformiert, doch dann offenbaren sie plötzlich unerwartet freundliche Wesenszüge. Die stärkste Metamorphose dieser Art durchläuft der mehrfach im Kampfeinsatz verwundete Hauptmann Alexander, der erst zum Machtmissbrauch neigt, doch der sich nach einer einzigen menschlichen Geste seines Adjutanten vollständig läutert. "Die Menschen müssen sich nur ein bisschen für die Liebe öffnen - ein erster Schritt reicht. Mitgefühl zählt mehr als Gerechtigkeit", beschrieb Ross in Wiesbaden sein Anliegen.

Eine kleine Öffnung für das Gute, und schon gibt es Hoffnung - dieses Versprechen suchte der Zuschauer in dem rumänischen Wettbewerbsbeitrag Aurora von Cristi Puiu vergebends. Vielmehr veranschaulicht der Rumäne die totale Perspektivlosigkeit seines arbeitslosen und frisch geschiedenen Protagonisten Viorel (gespielt vom Regisseur selbst), der seine persönlichen Verletzungen durch drei kühl geplante Morde aufarbeitet, die in ihrer Vorbereitung und Ausführung allerdings furchtbar profan bleiben.

Mord als Alltäglichkeit - es ist der Gleichmut, der in diesem Film schaudern lässt. Trotzdem hat Puiu, der den gefeierten rumänischen New Wave mitbegründet hat, in Aurora für das breite Publikum wohl überdreht. So viel Dogma - drei Stunden lang kein künstliches Licht, keine Musik, kaum epische Elemente und nur wenige Dialoge - verkraften nur die glühendsten Fans. Puiu, der in Wiesbaden durch Produzentin und Ehefrau Anca vertreten wurde, weiß das selbst: "Wir arbeiten uns Stück für Stück nach vorne, ein Kopie für ein Programmkino hier, ein Festivalbeitrag dort", sagte Anca Puiu.

Deprimierende Ausweglosigkeit beschrieb in Wiesbaden auch Helena Trestikova mit ihrem Beitrag Katka für den Dokumentarfilmwettbewerb. Die Pragerin, die 2008 mit dem Europäischen Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet wurde, hat sich darauf spezialisiert, extrem lange Zeiträume abzubilden. In Katka begleitet sie eine Heroinabhängige von ihrem 19. bis zu ihrem 33. Lebensjahr. Der Zuschauer erlebt dabei einen gnadenlosen Kampf zwischen Hoffen und Selbstaufgabe, der schließlich nicht zum herbeigewünschten Happy End führt: Es sind eben doch nicht alle Grenzen überwindbar.

© sueddeutsche.de/kar/rus
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