"Ein Mann zum Verlieben" auf DVD:Ein treuer Mann

"Ein Mann zum Verlieben" auf DVD: Louis Garrel und Lily-Rose Depp in "Ein Mann zum Verlieben".

Louis Garrel und Lily-Rose Depp in "Ein Mann zum Verlieben".

(Foto: Verleih)

Regisseur Louis Garrel spielt den Helden seines Films selbst, aber das heißt nicht, dass dieser auch den Lauf der Dinge bestimmt.

Von Kathleen Hildebrand

Nein, viel französischer geht es wohl nicht als in dieser charmanten Studie über die Mechanismen der Liebe. Zu Beginn schwenkt die Kamera über die Dächer von Paris: Die Stadt ist schön, aber sie ist auch normaler, als die meisten Nicht-Pariser sie filmen würden. Nicht aus jedem Fenster sieht man den Eiffelturm. Die weibliche Hauptfigur heißt Marianne, wie die Allegorie der französischen Republik auf dem Revolutionsgemälde von Eugène Delacroix. Laetitia Casta spielt sie, die wiederum einmal für die offizielle Büste der Marianne Modell gestanden hat. Und: Es geht um eine Dreiecksliebesgeschichte, bien sûr. Die Figuren kommentieren aus dem Off.

So weit, so Nouvelle Vague. Das Verblüffende an diesem hoch konzentrierten Kammerspiel von nur 75 Minuten Länge ist aber, dass es aus den bewährten Zutaten einen erfrischenden Kommentar auf die großen Vorbilder aus den Sechzigern macht, die nicht selten patriarchale Tendenzen hatten. Hier schreiben Frauen die Geschichte.

Der Film ist keine zwei Minuten alt, da passiert ganz beiläufig eine kleine Katastrophe: Abel will gerade zur Arbeit, da steht plötzlich seine Freundin Marianne im Schlaf-T-Shirt im Flur und gesteht ihm, dass sie schwanger ist. Nicht von ihm. Von ihrem gemeinsamen Freund Paul. Den sie heiraten wird. In zehn Tagen. Bis dahin wäre es gut, wenn er ausgezogen sei. Abel entgleiten die Gesichtszüge. Aber ein Mann fürs große Drama ist er nicht. Er sagt: "Ich muss dann mal los, ich komm sonst zu spät." Im Treppenhaus schlägt er sich aus Versehen die Nase blutig.

Abel ist zwar die männliche Hauptfigur, aber ein Held ist er nicht. Er stolpert durchs Leben wie ein gemütlicher Antoine Doinel, François Truffauts Alter Ego, und bildet das passive Zentrum dieser Geschichte. Ein attraktiver Schluffi mit schönem Wuschelhaar, der die Frau im Restaurant für sich bestellen lässt, weil er sich so schwer entscheiden kann. Louis Garrel spielt ihn ohne jeden Narzissmus, wie einen lieben Labrador, was gut zum Originaltitel des Films passt: "L'homme fidèle", der treue Mann. Seine Treue allerdings wird er auf unkonventionelle Art beweisen.

Zehn Jahre nach Abels Rauswurf durch Marianne stirbt Paul. Abel möchte seine alte Liebe zurück, er ist nie über sie hinweggekommen. Marianne ist nicht abgeneigt. Aber es gibt zwei, die etwas dagegen haben: zum einen Mariannes kindlich skrupelloser Sohn Joseph (Joseph Engel). Der will seine Mutter für sich und spinnt dafür eine Mordgeschichte zusammen, die Abel abschrecken soll: "Mama hat Papa umgebracht." - "Wie denn?" - "Na mit Gift!" Bald traut Abel sich kaum noch, bei Marianne eine Tasse Kaffee zu trinken. Die andere ist die kleine Schwester des Toten, Ève (Lily-Rose Depp, Tochter von Johnny Depp und Vanessa Paradis), die seit Kindertagen für Abel schwärmt und nun, als erwachsene junge Frau, endlich ihre Chance sieht.

Aus der Art, wie am "armen" Abel gezerrt wird, zieht der Film einen wunderbaren, lakonischen Witz, der mit der Fallhöhe von großem Drama und Alltag spielt. "Hattest du schon mal Lust, jemanden zu töten?" fragt Abel den Krimi-Fan Joseph auf dem Weg zur Schule. Der antwortet: "Ja, dich", und steigt mit unbewegter Miene ins Auto ein. Wenn Ève von Marianne den Mann ihrer Träume einfordert, klingt das so: "Gib ihn mir." - "Und wenn ich Nein sage?" - "Dann gibt es Krieg."

Diesen Krieg führt Marianne dann ein bisschen besser (sie arbeitet als Kommunikationsberaterin), wenn auch mit hohem Risiko. Um die Versuchung für Abel aus der Welt zu schaffen, schickt sie ihn zu Ève ("Ich finde, du solltest mit ihr schlafen."). Da sitzt er dann, in ihrem winzigen Jungmädchenzimmer, unter einer bunten Lichterkette und kann gar nicht anders, als die Träumerin zu enttäuschen.

Früher hat sie beim Sex an ihn gedacht, sagt Ève aus dem Off, aber an wen soll sie jetzt denken? Nach drei Wochen ist ihre Obsession beinahe geheilt. "Ein Mann zum Verlieben" ist eine moralische Geschichte, mehr Versuchsanordnung über die Liebe als emotionales Überwältigungskino - und gerade deshalb eine wohltuende Kur für Kopf und Herz.

L'homme fidèle - F 2018. Regie: Louis Garrel. Buch: L. Garrel, Jean-Claude Carrière. Kamera: Irina Lubtchansky. Mit: Garrel, Laetita Casta, Lily-Rose Depp, Joseph Engel. Neu als DVD-Premiere und auf VOD-Plattformen, 75 Minuten.

© SZ vom 06.11.2020
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