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Film "Die zwei Päpste":Vaterschaftstest

Sie teilen Offenheit, Toleranz und Liebe für den Fußball: Papst Benedikt (Anthony Hopkins, rechts) und sein Nachfolger (Jonathyn Pryce).

(Foto: Peter Mountain)

Der Regisseur Fernando Meirelles malt sich in "Die zwei Päpste" aus, was hinter den Kulissen des Vatikans geschah, als Benedikt abdankte und Franziskus zum Oberhaupt der Kirche wurde.

Gar nicht so leicht für einen Papst, etwas selber zu machen. Einen Flug buchen beispielsweise: "Ich möchte von Rom nach Lampedusa fliegen." Der Name? "Bergoglio" - "Wie der Papst?", fragt die Dame am Telefon. Ja, richtig. Und die Adresse? "Vatikan". Das hält sie für einen Scherz - und legt wortlos auf. Derart komische Momente gibt es immer wieder in Fernando Meirelles Film "Die zwei Päpste". Papst Franziskus erinnert darin fast ein wenig an die von Audrey Hepburn gespielte Prinzessin in dem Klassiker "Ein Herz und eine Krone", die dem Protokoll entflieht, um ein bisschen normales Leben zu schnuppern. Ihm ist es allerdings ernst mit der Bescheidenheit und dem echten Leben, mit der Liebe zum Fußball, zum Tango und zu einer guten Pizza vom Straßenstand.

Mit seinem furiosen Frühwerk "City of God" über die Favela der Gangster und Dealer in Rio de Janeiro wurde Meirelles weltbekannt. Von dort ist es ein weiter Weg in die heilige Vatikanstadt. Der Drehbuchautor Anthony McCarten ist da eher in seinem Element, er interessiert sich für echte Lebensgeschichten, die er mit intimen Innenansichten anreichert, die manchmal die Grenze zur Fiktion überschreiten - auf diese Weise widmete er sich schon dem Physiker Stephen Hawking ("Die Entdeckung der Unendlichkeit"), Winston Churchill ("Die dunkelste Stunde") und dem Rockstar Freddy Mercury ("Bohemian Rhapsody").

Jetzt springt McCarten vor den Februar 2013 zurück, vor den historischen Amtsverzicht im Vatikan. Er imaginiert drei Begegnungen zwischen dem deutschen Papst Benedikt und dem argentinischen Kardinal Jorge Mario Bergoglio, dem späteren Franziskus. Dieser wird von Anfang an als Erneuerer gezeigt, der unter der konservativen Amtsführung seines Vorgängers leidet - bis er schließlich nach Rom reist, um bei Benedikt sein Entlassungsschreiben einzureichen. Enttäuscht von der Unwandelbarkeit der katholischen Kirche, von den Skandalen um Korruption und sexuellen Missbrauch glaubt er, als einfacher Priester mehr bewirken zu können.

Bald sprechen sie auch über Schuld, Reue und dunkle Flecken in ihrer Vergangenheit

Er weiß nicht, dass auch Benedikt seinen freiwilligen Rücktritt plant, ein Schritt, den seit mehr als 700 Jahren kein Papst mehr gewagt hat. So begegnen sich die beiden Kirchenmänner und diskutieren ihre Ansichten über die Zukunft der Kirche und den Umgang mit ihren Vergehen und Versäumnissen: drei religionsphilosophische Gespräche - in Gemächern des Vatikans, in der Sixtinischen Kapelle, die in den Cinecittà-Studios aufwendig nachgebaut wurde, und in der päpstlichen Sommerresidenz in Castel Gandolfo nahe Rom. Auch wenn niemand wissen kann, was damals tatsächlich gesprochen wurde, könnte es sich so oder so ähnlich zugetragen haben - McCarten stützt sich auf Aussagen aus Interviews, Büchern und öffentlichen Auftritten.

In jedem Fall gelingt es dem Regisseur und den beiden Schauspiel-Granden Anthony Hopkins und Jonathan Pryce, diese Begegnungen nicht nur plausibel, sondern auch menschlich und wahrhaftig aussehen zu lassen. Die Schauspieler haben spürbar ihre Freude an den geistreichen Dialogen, während sich in ihren Gesichtslandschaften subtile Gefühle spiegeln, von herzzerreißender Einsamkeit bis zum Strahlen der Lebensfreude. Dazu die idyllischen Gärten und die Pracht der Innenräume, die der Kameramann César Charlone nicht offensiv ausstellt, aber doch subtil ihre Wirkung entfalten lässt.

Im Kern dieser zunächst steifen, zunehmend aufgelockerten, bisweilen sogar komödiantischen Gespräche steckt ein Buddy-Movie über zwei sehr unterschiedliche Männer, die sich im Lauf der Zeit annähern. Sie sprechen nicht nur über Tradition und Erneuerung, sondern bald auch über persönliche Schuld, Reue und Vergebung. Schwarzweiße Rückblenden öffnen ein Fenster in die Vergangenheit, vor allem in die Siebzigerjahre in Buenos Aires, wo der junge Pfarrer Bergoglio sich nicht klar gegen die Diktatur der Militärjunta positioniert. Aber auch der deutsche Papst Benedikt hat dunkle Flecken in seiner Vergangenheit, aus der Zeit des Nationalsozialismus und in seiner Haltung zu den Missbrauchsfällen in der Kirche.

Auch wenn Meirelles und McCarten keine eindeutige Position beziehen, sind ihre Sympathien doch eher dem Argentinier zugeneigt als dem Deutschen. Anders als Wim Wenders' Porträt von Papst Franziskus ist diese Netflix-Produktion ohne die Unterstützung und den Segen des Vatikan und der katholischen Kirche entstanden. Über den kirchlichen Kontext hinaus ist der Film ein Plädoyer für mehr Offenheit und Toleranz, für Versuche, einfach mal zuzuhören, der Musik des Moments zu lauschen, gemeinsam zu tanzen, zu essen und Fußball zu schauen, oder auch einfach nur eine Episode der österreichischen Fernsehsehserie "Kommissar Rex".

The Two Popes. GB/Argentinien/F/ USA 2019 - Regie: Fernando Meirelles. Drehbuch: Anthony Mc Carten. Kamera: César Charlone. Mit: Anthony Hopkins, Jonathan Pryce, Juan Minujin. Verleih: Filmwelt, 125 Minuten. Im Kino, ab 20. Dezember auch auf Netflix.

© SZ vom 09.12.2019

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