Festspiele im Sommer "Macht mal ein bisschen voran"

Wie im richtigen Leben: Alles hängt mit allem zusammen. Festspiele haben im Sommer Hochsaison, und egal ob sie sich schon über Jahrzehnte etabliert haben oder erst kürzlich still und leise gegründet wurden, so haben sie doch alle etwas gemeinsam: Sie alle brauchen die deutschen Stadttheater.

Von Jürgen Berger

Aus Bad Hersfeld kommen täglich Meldungen, obwohl für dieses Jahr fast schon alles vorbei ist. Stellt sich die Frage, ob man am Wochenende tatsächlich schnell noch zur "West Side Story" in die Stiftsruine fahren sollte, um auch bloß nichts zu verpassen . . . Auch die Berliner Festspiele laden schon wieder in die Hauptstadt.

Sie ist wie Grünen-Chefin Claudia Roth ein Opernfan: Kanzlerin Angela Merkel bei der diesjährigen Eröffnung der Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth.  

(Foto: dpa)

Die finden zwar das ganze Jahr über statt und haben im Moment Sommerpause, gefeiert wird am 27. August aber trotzdem: 60 Jahre gibt es sie inzwischen, genau zehn Jahre lang wurden sie vom scheidenden Intendanten Joachim Sartorius geleitet, und überdies hat man seit genau einem Jahrzehnt die ehemalige Freie Volksbühne in der Schaperstraße als eigenes Festspielhaus. Einen Grünen Hügel kann Berlin zwar nicht vorweisen, dafür hat Claudia Roth es nicht so weit, wenn sie beim Theatertreffen mal gutes Schauspiel sehen will.

Aber die Grünen-Chefin hat ohnehin eher eine Affinität zur Oper und fährt, wie Angela Merkel, lieber nach Salzburg, wo die Festspiele in diesen Tagen Hochsaison haben.

In Dresden wurden indes ganz still und leise die "Zwingerfestspiele" gegründet. Bemerkt haben das die wenigsten, was sehr verwunderlich ist, wo doch der Intendant dieses neuen Festivals Dieter Wedel heißt, der bisher nicht gerade als öffentlichkeitsscheu auffiel. Und der es sich auch nicht nehmen lässt, die Eröffnung dieser "Zwingerfestspiele" selber zu besorgen: mit der Uraufführung eines Dramas "um Liebe, Macht, Intrigen, Verrat und die Einsamkeit der Macht" unter dem Titel "Die Mätresse des Königs".

Es geht um August den Starken und die Gräfin Cosel, und geschrieben hat es der bienenfleißige Dramatiker und Roman-Adapteur John von Düffel. Dass Wedel dafür ein aus dem ZDF bekanntes Star-Ensemble engagiert hat, um vor einer "atemberaubenden Kulisse" zu spielen, versteht sich von selbst. Das ist auch das Rezept bei den Nibelungen-Festspielen Worms, deren Intendant Wedel ebenfalls ist. Zuletzt hat er dort mit John von Düffel vor dem Dom "Das Leben des Siegfried" aufbereitet.

In seinem eigentlichen Beruf ist John von Düffel Dramaturg am Deutschen Theater Berlin. Das ist deshalb erwähnenswert, weil sich damit der Kreis von den Festspielen hin zu den deutschen Stadttheatern schließt. John von Düffel konnte in deutschen Theatern der viel beschäftigte Dramaturg und Autor werden, auf dessen Kompetenz ein Freiluftregisseur wie Dieter Wedel zur eigenen Profilierung liebend gerne zurückgreift. Zum Berliner Theatertreffen wird die Zwinger-"Mätresse des Königs" wohl nicht eingeladen werden, so die vorsichtige Prognose.

Achtstündiger Marathon

Gute Chancen dagegen dürfte Nicolas Stemanns Inszenierung von "Faust I & II" haben, die am Thalia Theater Hamburg erarbeitet wurde. Dass die Premiere des achtstündigen Marathons bei den Salzburger Festspielen stattfand, ist auch so eine Sache und wirft die Frage auf, wie diese Festspiele wohl dastünden, würde es das deutsche Stadttheatersystem nicht geben. So viel dürfte feststehen: Sie wären sehr viel ärmer dran, waren alle Schauspiel-Premieren der letzten Jahre doch Koproduktionen vor allem mit den großen Theatern in Hamburg, Berlin und München.

Es ist wie im richtigen Leben: Alles hängt mit allem zusammen. Da sind die deutschen Theater gerade in der Sommerpause und warten gespannt auf die Leistungsbilanz der Saison - demnächst veröffentlicht das Fachblatt Theater heute die Hitliste der besten Theater, Schauspieler und Inszenierungen, während der Deutsche Bühnenverein noch fleißig Statistiken auswertet und berechnet, wie vital die Bühnen landauf landab ihre Produktionsraten erhöht haben -, da dreht sich das Rad schon weiter.

Thomas Oberender zum Beispiel, derzeit noch Schauspielchef der Salzburger Festspiele, übernimmt nach dem Sommer die Leitung der Berliner Festspiele. Den Berlinern sei hiermit zugerufen: "Macht mal voran mit eurem Stadtschloss, Dieter Wedel und John von Düffel suchen bestimmt schon nach der nächsten atemberaubenden Kulisse!"

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