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Festival:Wichtige Wagnisse

Mittelreich

Über Kunst soll man streiten. Deshalb ist Anta Helena Reckes "Mittelreich"-Kopie jetzt zu "Radikal jung" geladen.

(Foto: Judith Buss)

Die neue Ausgabe von "Radikal jung" steht: 13 Regisseure kommen im April ans Volkstheater - das sind mehr denn je, mit einem vielfältigen Programm.

Otto Dzemla hat ein Problem. Der Grafiker gestaltet die Plakate für "Radikal jung". Jedes Jahr muss er sich die schon nicht mehr vorhandenen Haare raufen, um das eine Bild zu finden, das den Geist des Festivals mit seiner aktuellen Ausgabe verbindet. Auffallend muss es sein, radikal und jung eben. Tätowierte Schweine waren schon auf den Plakaten abgebildet, knutschende Nazis und Jünglinge, so geleckt, dass sie in ihrem Konservatismus schon wieder radikal waren. Für die 14. Ausgabe des Festivals für junge Regie, das am 14. April beginnt, machte er deshalb alles ganz anders. So gibt es jetzt 13 Plakate, auf denen Porträts der 13 Regisseurinnen und Regisseure zu sehen sind, die zu "Radikal jung" kommen. Manche schauen fordernd in die Kamera, andere freundlich, alle aber sehr direkt.

Der spektakulärste Blick gehört passender weise zur spektakulärsten Einladung: zu "Mittelreich". Der Blick stammt von Anta Helena Recke, die an den Münchner Kammerspielen eine bestehende Inszenierung (Regie: Anna-Sophie Mahler) bis ins Detail kopierte - nur mit schwarzen Schauspielern. Die Reaktionen auf ihre Arbeit waren kontrovers bis rassistisch. Die könne nur über sich reden, klagten einige, andere sinnierten ausgiebig über das Schwarzsein. Kilian Engels, des Festivals Fels in der Brandung und sein Kurator, sagt bei der Präsentation des Programms am Freitag in München: "Genau deshalb ist diese Arbeit wichtig. Weil wir bei Radikal jung auch den Regiebegriff diskutieren wollen." "Mittelreich" ist wohl deshalb auch zum Berliner Theatertreffen 2018 eingeladen.

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Was "Radikal jung" noch wichtig ist, ist Nachhaltigkeit. Das bedeutet, dass die Jury - C. Bernd Sucher, Annette Paulmann und eben Kilian Engels - Regisseure gern mehrmals einlädt, damit das Publikum ihnen beim sich entwickeln zuschauen kann. Pınar Karabulut ist zum dritten und somit letzten Mal dabei, diesmal mit "Romeo und Julia" (Schauspiel Köln). Karabulut war auch Teilnehmerin der sogenannten Masterclass Radikal jung, eine Art Klassenfahrt für junge Regiestudierende, die sich die Inszenierungen des Festivals anschauen, um dann darüber zu diskutieren.

Zwei Produktionen sind auf Teilnahme der Zuschauer ausgelegt, was wie immer manche beglücken und andere erschaudern lassen wird: "Don't worry, Be Yoncé" (Stephanie van Batum vom Performance Kollektiv Pony Camp) ist eine Art Optimierungsseminar, an dessen Ende alle etwas mehr wie Megastar Beyoncé sein sollen. Der israelische Schauspieler/Regisseur/Dramatiker Jason Danino Holt lädt in "Not letting it in" die Zuschauer außerdem ein, im persönlichen Gespräch möglichst Privates zu bekennen.

Das Programm wirkt vielfältiger als in den vergangenen Jahren: Das Gorki-Theater zeigt die Inszenierung eines syrischen Künstlers, der vor dem Krieg floh, der Regisseur Noam Brusilovsky verarbeitet in "Orchiektomie rechts" die Diagnose Hodenkrebs, die ihn plötzlich ausbremste. Vom Wiener Theater Rabenhof kommt ein Liederabend mit Voodoo Jürgens und Texten von Stefanie Sargnagel, und das Volkstheater selbst schickt mit "Children of Tomorrow" ein Stück übers Kinderkriegen ins Rennen.

13 Produktionen in acht Tagen also, das sind so viele wie nie zuvor, darauf sind alle stolz. Eine schlechte Nachricht folgt dann doch noch: Die Schauspielerin Annette Paulmann wird ihre Jury-Tätigkeit mit dieser Festival-Ausgabe beenden. Wer ihr nachfolgt, stehe zwar schon fest, bleibt aber noch geheim. Jetzt erst mal: Blick nach vorn.

Radikal jung, Sa., 14., bis Sa., 21. April, Volkstheater, Karten von nun an erhältlich, 089/5234655

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