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Festival:Bands, Bierbänke und Badetiere

Zwei Tage, 14 Acts: Wer sich rechtzeitig ein Ticket gesichert hat, konnte dabei sein und unter anderen Django 3000 in Oberammergau live erleben.

(Foto: Gabriela Neeb)

Sophie Hunger tritt mit Gummi-Flamingo auf. Impala Ray scheitert an der Technik. "Dicht & Ergreifend" machen Party. "Dreiviertelblut" stellen Sinnfragen. Das Heimatsound-Festival in Oberammergau ist eine lässige und bunte Feier

Tatsächlich stand der Flamingo auf der Gästeliste. Darum trug er auch ein Einlassbändchen gut sichtbar um den Schnabel gewickelt. Trotzdem ließen die Ordner des Heimatsound-Festivals ihn nicht ins Passionstheater, wo am Wochenende einmal mehr die Vielfalt einer alpenländischen Popkultur gefeiert wurde. Dabei hatte die Schweizer Musikerin Sophie Hunger ihn persönlich eingeladen, als sie ihn Stunden vor ihrem Auftritt als aufblasbaren Schwimmreifen im Freibad entdeckt hatte. Immerhin konnte sie ihn dann noch über den Künstlereingang hineinschleusen. Also betrat sie die Bühne mit einem Gummi-Flamingo, der ihrem Konzert nun allen Ordnerbedenken zum Trotz am Bühnenrand beiwohnte.

Dort schien er die glücklich lächelnde Sängerin permanent daran zu erinnern, wie sehr sie den Tag in Oberammergau genossen hatte. Weil sie trotz der Hitze zum Fußballspielen motiviert wurde. Weil sie danach wegen der Hitze ins kalte Naturwasserbecken des Freibads eingetaucht war. Und weil sie vor ihrem Auftritt mit dem italienischen Liedermacher Pippo Pollina zu Abend gespeist hatte, der nach ihrem Auftritt zusammen mit Werner Schmidbauer und dem Klangzauberer Martin Kälberer als "Süden 2" einen italienisch-deutschen Liederabend kredenzte, wie ihn dieses Trio vor Jahren sogar in der Arena von Verona darbieten durfte.

Kurz: Sophie Hunger erlebte ihren mittlerweile zweiten Auftritt beim Heimatsound Festival als einen lässigen Urlaubstag, den sie nur kurz für eines der besten Konzerte des ersten Festivaltages unterbrach. Solche Qualität dankte sie natürlich auch ihrer Band, die sich neugierig und gewitzt auf Hungers musikalische Herausforderungen einließ. Klangproben der Bassistin Martina Berther als Frida Stroom reichen, um einzuschätzen, mit welch hochrangigen Talenten sich Hunger umgibt.

Das andere beste Konzert des Tages hatte drei Stunden zuvor Impala Ray mit einer nicht minder spannenden Besetzung versucht. Und wahrscheinlich wäre es ihm und seiner Band auch gelungen, wenn die verantwortlichen Mitarbeiter nur mitbekommen hätten, dass zum Beispiel die Kickdrum des Schlagzeugers nicht zu hören war. Das für sie zuständige Mikrofon war nämlich verrutscht. Was man auch hätte sehen können, gäbe es da nicht diese unglücklichen Ablenkungen durch andere Kommunikationsmedien, die offensichtlich die gesamte Aufmerksamkeit einforderten.

Natürlich sind solche Pannen für alle Beteiligten ärgerlich. Unverzeihlich erscheinen sie dennoch nicht. Zumindest die gute Stimmung des gesamten Festivals können sie nicht schmälern. Ausgelassen wird das Festival nämlich auch an Bierbänken außerhalb des eigentlichen Konzertraums gefeiert. Zumal auch hier die Musik dank der weit geöffneten Saaltüren gut zu hören war. Neugierige ohne Karten erspähten am Eingang stehend sogar hin und wieder einen Blick aufs Bühnengeschehen. Dem Konzertmarathon mit jeweils sieben Acts am Tag folgte für Nimmersatte an beiden Festivaltagen dann auch noch eine Aftershowparty im nahegelegenen Bauhof. Die ist vor allem für die jungen Bewohner Oberammergaus ein besonderes Erleben, weil sie ausnahmsweise nicht zum Feiern in die Partyzonen außerhalb der eigenen Heimat reisen müssen.

Partynacht und plötzlicher Regenschauer kosteten allerdings dem ersten Act des nächsten Tages einige Zuschauer. Erst allmählich strömten sie während des Konzerts von Philip Bradatsch in die Halle, um dann aber begeistert eine Zugabe einzufordern. Unglaublich präsent war dieser Singer-Songwriter vom ersten Ton an. Mit neuen, deutschsprachigen Songs startete er sein Programm wie Bob Dylan in seinen besten Momenten. Endlos lange Texte, die eher einer Rockpredigt glichen, und die dann doch so lyrisch ausfielen, als habe der Geist des viel zu früh verstorbenen Songwriters Nils Koppruch Bradatsch als Medium auserkoren. Doch Bradatsch und seine Band überbieten die Lyrik auch noch rockmusikalisch und erzählen die Geschichten mit Gitarrensoli weiter, die sämtliche Narrative einer US-amerikanischen Musik verinnerlichen.

Nach solchem Auftritt hat es selbst der neue Ludwig Hirsch alias Felix Kramer nicht leicht, das Publikum mit seinem schwarzen Humor für sich zu gewinnen. Da taten sich die Partygaranten Dicht & Ergreifend zum Abschluss deutlich leichter. Und das, obwohl nur drei Stunden zuvor Dreiviertelblut mit ihren morbiden Songs die Frage nach dem Sinn des Lebens mit einer Forderung nach Verantwortung für diese Welt kombinieren konnte. Der Applaus, mit dem das Publikum der Danksagung der Band an alle Seenotretter zustimmt, ist nicht zuletzt so beglückend wie ein pinkfarbener Gummi-Flamingo.