"Geschichte der Frau" von Feridun Zaimoglu Das besungene Weib

Auch Zipporah kommt zu Wort, Frau des Moses. Ausschnitt aus einem Fresko von Botticelli an der Südwand der Sixtinischen Kapelle

(Foto: Quelle: Wikimedia commons)
  • Feridun Zaimoglu schreibt die Weltgeschichte neu, aus weiblicher Perspektive.
  • Zwar befürwortet er in seinem Buch die Abschaffung des männlichen Künstleregos, bleibt als Autor selbst aber sehr präsent.
  • "Geschichte der Frau" ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.
Von Marie Schmidt

Das musste ja so enden. Die letzte in der Reihe der Frauen der Literaturgeschichte, die von Männern herbeigeschrieben worden sind, richtet die Waffe gegen den Künstler. Eine 32er Beretta, Valerie Solanas Pistole, mit der sie auf Andy Warhol schoß, weil er das einzige Manuskript ihres Theaterstücks "Up Your Ass" in seiner Factory hatte verschwinden lassen. "Ich gehe zu ihm," erzählt Feridun Zaimoglu die Szene nach, "ich sage leise: ,Du bist wertlos.' Ich ziele." Die historische Solanas war die Autorin eines Manifests, das so anfing: "Da das Leben in dieser Gesellschaft bestenfalls furchtbar öde ist und die Gesellschaft in gar keiner Hinsicht von Bedeutung für Frauen, bleibt bürgerlich gesinnten, verantwortungsvollen, erlebnishungrigen Frauen nichts übrig, als die Regierung zu stürzen, das Finanzsystem zu beseitigen, die vollständige Automatisierung einzuführen und das männliche Geschlecht zu zerstören." Zaimoglu schreibt (in Versalien): "Jeder Mann soll verrecken; weil er keine Frau ist."

Der gemessen an der Breite seines Werks große deutsche Schriftsteller Zaimoglu, 1964 in der Türkei geboren und nach allem, was man weiß, Angehöriger des hier zur Abschaffung freigegebenen Geschlechts, beendet mit der Solanas-Episode eine Überarbeitung der Weltgeschichte. Sein Buch "Die Geschichte der Frau" ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert und will der "Große Gesang" sein, der die "Lügen" großer Männer tilgt. Motto: "Es spricht die Frau."

Und zwar reden in etwa gleich langen Ich-Erzählungen Zipporah, die nach Luthers Bibelübersetzung dunkelhäutige Frau des Propheten Moses, und neun weitere Heldinnen: Antigone, Judith, Frau des Verräters Judas, die von allen Nibelungen betrogene Brunhild, eine der Hexerei angeklagte Hebamme der Lutherzeit, eine von romantischen Dichtern zur Muse gemachte Wäscherin, eine Revolutionärin von 1848, eine Trümmerfrau, Leyla, aus Zaimoglus gleichnamigem Roman bekannte türkische Immigrantin der ersten Generation, schließlich Solanas.

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Viele dieser Stoffe hat sich Zaimoglu schon in früheren Romanen und Theaterbearbeitungen angeeignet. Er schreibt, erzählt er in Interviews, wie ein method actor spielt. Also in identifikatorischem Nachschöpfen seiner Figuren und ihrer Sprache, zuletzt des Wahnsinns des Bibelübersetzers Luther in "Evangelio" (2017) und ganz früh des kreolisierenden Deutsch der Einwanderer mit "Kanak Sprak" (1995). Es ist ihm also zuzutrauen, dass er aus Frauenperspektive schreiben kann.

Auch wenn in letzter Zeit die Idee populär geworden ist, dass die "Stimme" von durch Geschlecht, Hautfarbe oder Klasse gekennzeichneten Figuren nur denen zusteht, die selbst unter den Nachteilen der jeweiligen "Identität" zu leiden haben. Das würde heißen, dass nur eine Frau "Die Geschichte der Frau" schreiben dürfte. Andererseits ist es eben ein unschlagbares Privileg der Literatur, Empathie unter verschiedenen Leuten herzustellen, damit idealerweise jede mit jedem ihre Geschichten teilen kann. Die Freiheit, alles erzählen und alles verstehen zu können, sollte man sich nicht künstlich versagen.

Und Zaimoglu macht das nicht zum ersten Mal: In "Leyla" (2006) hat er die Lebensgeschichte seiner Mutter aus ihrer Perspektive aufgeschrieben, "Isabel" (2014) war die Geschichte eines Models, das sich Körperdisziplin und männlichem Blick unterwirft. Sympathisch also, dass er dranbleibt, selbst wenn eine "Geschichte der Frau" grosso modo natürlich ein aussichtsloses Unterfangen ist. Die "Geschichte weiblicher Geschichtslosigkeit" wird man nicht rückwirkend korrigieren können.

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Das hat Silvia Bovenschen beeindruckend klargemacht, als sie 1979 in "Die imaginierte Weiblichkeit" schrieb, diese Geschichtslosigkeit sei eben nicht nur dem Umstand geschuldet, dass man Frauen von der Kunst ferngehalten hat, damit Männer ungestört "Lügen" verbreiten konnten. Wenn das alles gewesen wäre, müsste man heute tatsächlich nur den Kanon umstellen und die Frauen aus dem Abseits hervorholen - Sappho unterrichten statt Ovid, Madame de Staël statt Schlegel und so weiter. Das gravierendere Problem besteht aber Bovenschen zufolge darin, dass schon immer viel über Frauen geschrieben worden ist. So viel, dass man unmöglich sagen kann, was aus "der Frau" jenseits männlicher Zuschreibungen geworden wäre: "Die Morphogenese der imaginierten Weiblichkeit schiebt sich im Rückblick an die Stelle der weiblichen Geschichte. Die Grenzen zwischen Fremddefinition und eigener Interpretation sind nicht mehr auszumachen." Wenn es so etwas wie eine weibliche Perspektive gibt, dann hat sie mit dieser Dauerkonfrontation des Selbstbilds mit verschiedenen Fremdbildern zu tun.