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"Was lesen Sie gerade?": Feridun Zaimoglu: "Meine Lektüre ist nichts für Schwindler und Harmoniehäschen"

Nach Zaimoglu die besten Bücher: Die Tora, das Neue Testament und der Koran.

(Foto: Illustration Jessy Asmus für SZ.de)

Jede Woche stellen wir Schriftstellern die Frage: "Was lesen Sie gerade?" Den Anfang macht Feridun Zaimoglu, der seine Lektüre jedoch nicht jedem empfehlen kann.

"Was lesen Sie gerade?" ist eine Frage, die man immer stellen kann, jedem und zu jeder Zeit. Beim Mittagessen, abends an der Bar oder sonntags im Park. Schriftsteller lassen uns in fremde Welten eintauchen, auf das Erscheinen ihrer Romane fiebern wir wochenlang hin. Aber was lesen Autoren eigentlich selbst? Haben sie Lieblingsschreiber, Vorbilder, Inspirationsquellen? Wir fragen Schriftstellerinnen und Schriftsteller in einer Mini-Serie nach ihren ganz persönlichen Lesegewohnheiten und -empfehlungen. Den Anfang macht Feridun Zaimoglu.

Welche Bücher liegen auf Ihrem Nachttisch?

Eine Nachtkommode besitze ich nicht, sehr wohl aber einen Bücherstapel - aus Eduard Engels "Deutsche Stilkunst" in zwei Bänden, "Gedichte 1984 - 2014" von Thomas Kunst und außerdem Anne Sextons Gedichtband "Buch der Torheit".

Welches davon lesen Sie gerade - und wie?

Alle drei parallel, so lese ich seit 30 Jahren. Aber selten waren alle so atemberaubend gut wie diese. Hoch lebe der Eskapismus! Und wegen der Form: Ich bin und bleibe altmodisch und will ein Buch in der Hand halten. Also klassisch auf Papier.

Feridun Zaimoglu

Feridun Zaimoglu, 1964 in der Türkei geboren, lebt seit mehr als 30 Jahren in Kiel. Sein Buch "Abschaum" wurde als "Kanak Attack" verfilmt und kam 2000 in die Kinos. Zuletzt veröffentlichte der Schriftsteller den Roman "Siebentürmeviertel".

Beste Sätze?

"Ich bin mir schon lange darüber im Klaren, wie gefährlich Sehnsucht sein kann, sie ist die übertriebenste, aber auch die unaufdringlichste Strategie der Enthaltsamkeit."

Thomas Kunst ist der größte Dichter, den wir haben. Auch Anne Sexton ist eine großartige Dichterin, aber sehr dunkel:

"Gefallener Engel, Gefährte in mir, raune etwas Heiliges, bevor du mich ins Grab trägst."

Und Eduard Engel lobt in diesem sehr langen Satz das Gegenteil von Geschwurbel:

"Guter Stil lässt sich nicht künstlich anlernen. Wohl aber lässt sich jeder Schreiber, der eines guten Willens ist, auf den Urgrund aller echten Stilkunst leiten. Auf die Wahrheit, die Natürlichkeit jedes von ihm geschriebenen Wortes."

Wer sollte die Bücher auf jeden Fall lesen - und wer nicht?

Alle, die noch an Herzhitze, an Übermut und an die Düsternis glauben. Allerdings ist meine Lektüre nichts für Schwindler und Harmoniehäschen.

Wie kamen Sie auf diese Lektüre?

Ich bin ein Buchschnapper. Jede Woche gehe ich etwa vier Mal - ich übertreibe nicht - in eine Buchhandlung und sehe mir die Neuerscheinungen an. An ihnen reizt mich immer der Inhalt, nur einmal bin ich auf den schönen Einband reingefallen. Das war bei "Moby Dick" im "Jung und Jung"-Verlag.

Schon mal geweint beim Lesen? Oder Tränen gelacht?

Tränen in den Augen, aber vor Traurigkeit, nicht vor Rührung, hatte ich bei "Das große Heft" der wundervollen Ágota Kristóf, einer ungarisch-schweizerische Schriftstellerin. Das ist einfach meisterhafte Prosa. Tränen lachen musste ich dagegen bei Tom Sawyer und Huckleberry Finn.

Was ist das beste Buch, das Sie jemals gelesen haben?

Die Tora, das Neue Testament und der Koran - unersetzbar und unglaublich großartig.

Freuen Sie sich auf weitere Lektüretipps: In den nächsten Folgen "Was lesen Sie gerade?" antworten unter anderem Ronja von Rönne und Clemens J. Setz.

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