bedeckt München 15°

Dokumentarfilm:Mein Vater, der Schauspieler

Filmstills "Family Romance, LLC" (Streaming-Start auf Mubi am 3.7.20); © Mubi (auch online).

Echte Familie oder gemietete Schauspieler? In Werner Herzogs neuem Film kommen Zweifel an der Realität auf.

(Foto: Mubi)

In Tokio kann man Schauspieler als Verwandte mieten, wenn die eigene Familie zu peinlich ist. Der neue Film von Werner Herzog spielt mit dieser grotesken Wahrheit - und vermischt selbst Realität und Fiktion.

Von Sofia Glasl

Werner Herzogs Stimme fehlt. Auf das poetisch-ironische Alter Ego, das seine Dokumentarfilme kommentiert, wartet man in seinem neuen Werk "Family Romance, LLC" vergeblich. Derweil sieht alles nach einem Dokumentarfilm aus: die wackelige Handkamera, die nervös-gestelzten Gespräche der Protagonisten. Auch die Firma, um die es geht, gibt es tatsächlich. "Family Romance" ist ein in Tokio ansässiges Unternehmen, das Schauspieler als Familienmitglieder, Freunde, Arbeitskollegen vermietet. Was klingt wie ein Witz, ist tief in der japanischen Gesellschaft verankert, die das Zugeben von Fehlern als Schwäche deutet. Die Alkoholsucht des Ehemanns ist zu peinlich für die Hochzeit der Tochter? "Family Romance" hilft mit einem vorzeigbaren Ersatz aus. Es droht ein saftiger Anschiss vom Chef? Auch hier springt gerne ein Schauspieler als Sündenbock ein.

Herzog wechselt seit Jahrzehnten so leichtfüßig zwischen Spiel- und Dokumentarfilm wie kaum jemand sonst. In Interviews gibt er zu, dass er sich diebisch gefreut hat, als die ersten Kritiker felsenfest davon überzeugt waren, diesmal einen seiner Dokumentarfilme gesehen zu haben. Denn "Family Romance, LLC" ist Szene für Szene inszeniert.

Der Geschäftsführer Yuichi Ishii spielt sich selbst und nimmt im Auftrag mehrerer Kunden Rollen an, mal aus traurigem Anlass, mal als absurder Platzhalter. Im Zentrum des Films steht sein Einsatz als Vater der zwölfjährigen Mahiro. Ihre alleinerziehende Mutter hat Ishii gemietet, damit das Mädchen endlich ein zweites Elternteil als Ansprechpartner hat. Es weiß nicht, dass Ishii nicht ihr wirklicher Vater ist. Die ersten Treffen sind unangenehm unbeholfen, das schüchterne Mädchen bringt kaum ein Wort heraus. Doch Ishii gewinnt langsam ihr Vertrauen und Mahiro erzählt ihm von ihren Sorgen in der Schule, vom Mitschüler, in den sie verknallt ist, zeigt Fotos auf ihrem Handy.

Wass passiert, wenn das gesamte Leben aus Lügen besteht?

Sowohl Ishii als auch Mahiro probieren die neuen Rollen und das Verhältnis zueinander aus. Ishii erzählt seine erfundene Lebensgeschichte und Mahiro behauptet, auf Bali im Urlaub gewesen zu sein, obwohl ihre Mutter das später verneint. Dass Herzog Mahiros sozialer Rolle und Ishiis Schauspiel denselben performativen Wert zuschreibt, darin besteht sein Experiment in diesem Film.

Wenn das gesamte Leben aus Lügen, medialer Selbstinszenierung und sozialer Dauerperformance besteht, sind dann noch authentische Momente oder gar Emotionen möglich? Schauspieler spielen Schauspieler, die Familienmitglieder für Wildfremde spielen, die wiederum selbst nur eine Inszenierung eines Selbstbildes sind. Herzog sucht in der Potenzierung dieser grotesken Realität nach Wahrheit und schrammt dabei bewusst immer wieder an der Unwahrheit entlang. Mit "Family Romance, LLC" ist er der Verschmelzung von Fakt und Fiktion so nah wie schon lange nicht.

Das nimmt bisweilen komische Züge an, etwa wenn ein Angestellter der durchgetakteten Tokioter U-Bahn Ishii mietet, um der Entlassung zu entgehen, weil er eine Bahn 20 Sekunden zu früh abfahren ließ - wie im Wutausbruch seines Vorgesetzten zu lernen ist, ein schlimmeres Vergehen als eine Verzögerung.

Bei aller Ironie geht es Herzog nicht vornehmlich um den voyeuristischen Blick auf exotische Phänomene oder die Einsamkeit seiner Figuren, sondern um die moralischen Implikationen, die ein Unternehmen wie "Family Romance" mit sich bringt. Ishii hat zusehends Bedenken, als er feststellt, dass sich nicht nur Mahiro in ihrer Rolle als Tochter einrichtet, sondern auch ihre Mutter Gefühle für ihn entwickelt. "Wäre es nicht besser, wenn ich sterbe?" fragt er verzweifelt. In Momenten wie diesen macht Herzog klar, welche Folgen die Geschichten haben können, die wir uns über uns selbst erzählen. Denn über kurz oder lang werden wir alle die Person, die wir vorgeben zu sein - und wer möchte schon am eigenen Tod schuld sein, wenn nicht klar ist, wer danach diese Rolle spielen wird.

Family Romance, LLC auf mubi.com

© SZ vom 06.07.2020/tmh
Werner Herzog

SZ Plus
Werner Herzog
:"Dieser Baby Yoda, oder wie das Ding heißt"

Regisseur Werner Herzog spielt in der "Star Wars"-Serie "The Mandalorian" mit. Ein Gespräch über Helden, Bösewichte und das Kino in Zeiten von Corona.

Interview von Nicolas Freund

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite