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Serie: Licht an mit Eva Menasse:Solange wir leben, bleibt das Beste immer möglich

Eva Menasse, österreichische Autorin; Eva Menasse

"Und immer nur das Gute notieren, das Schlechte weglassen", schlägt die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse vor.

(Foto: Ekko von Schwichow; Bearbeitung: SZ)

Ja, es kommen dunkle Wochen. Aber anstelle von weihnachtlichem Warenkapitalismus könnte es eine Zeit für das Detail sein, für die Überraschung. Und für die Dankbarkeit.

Gastbeitrag von Eva Menasse

Das Thema der nächsten Wochen? Loslassen, glaube ich. Den Ärger, die Ungeduld und das Aufbegehren, vielleicht folgen Angst und Verzweiflung dann von selbst. Man kann ihnen beim Stoßlüften das Fenster aufhalten und sich noch freundlich-verabschiedend verbeugen. Hinaus mit euch. Unsere Vorfahren konnten das besser, "sich schicken in das Unvermeidliche". Anders als für sie ist unser Unvermeidliches, unser Schrecken begrenzt, vielleicht nicht bloß auf die vier Wochen des Lockdowns, aber doch auf eine erträgliche Zeit.

Nein, sie ist nicht unerträglich, wir haben sie zu ertragen, schon aus Demut gegenüber früheren Generationen, anderen Erdteilen, anderen Verhältnissen. Wenn alles vorbei ist, wird uns das Virus ein, zwei Jahre unseres Lebens gestohlen haben. Das ist viel. Das ist aber auch lächerlich wenig, verglichen mit denen, die es das Leben gekostet hat. Solange wir leben, kann jedes Unglück sich in sein Gegenteil verwandeln. Solange wir leben, bleibt das Beste immer möglich. Umgekehrt ist das der Skandal des Todes, besonders des vermeidbaren und des gewaltsamen.

Vielleicht sollte man Socken stopfen und täglich einen Brief mit der Hand schreiben

Um diese Zeit bricht normalerweise der Waren- und Werbungskapitalismus mit jahresendzeitlicher Wucht über uns herein, jingle, jingle, jingle bells, treu begleitet von den ritualisierten, in Wahrheit hochironischen Kommentaren über Besinnung, Besinnlichkeit und deren Mangel. Aber heuer haben wir eine reelle Chance! Was können wir tun, eingesperrt in unsere Wohnungen? Erzählt mir nichts von digitalem Kulturkonsum, von Online-Yoga und Kochkurs-Webinaren, verlangt doch nicht schon wieder zu viel von euch und anderen.

Ich erinnere mich an die Beerdigung einer alten Frau vor vielen Jahren, die als letzten Wunsch hinterließ, dass "an diesem Tag die Kinder nicht geschimpft werden sollen". Da saß ein Kleinkind auf dem Kiesweg des Friedhofs und stopfte sich die Steinchen in den Mund, und seine Mutter, die jüngste Tochter der Verstorbenen, stand weinend daneben und ließ es zu. Ihr Bruder, der Sohn der Toten, trug zum Anlass eine Micky-Maus-Krawatte, und niemand schimpfte, selbst mit ihm.

Ungefähr diesen Geist wünsche ich dem Lockdown der nächsten Wochen, jener Zeit, in der wir uns normalerweise an den Kassen prügeln. Vielleicht sollen einen Tag lang die Kinder alles (minus online) dürfen, wenn sie schwören, beim Aufräumen zu helfen - es könnte interessant sein, was sie dann wirklich tun. Vielleicht soll man sich einen Tag lang verkleiden, alle Schränke stehen allen offen. Und jeder versucht zu erklären, warum er gerade auf dieses Kostüm Lust hatte. Und wer sich weigert, muss auch das erklären.

Serie: Licht an

Kontaktbeschränkung, die Welt hat geschlossen, und das im November. Wie also kommen wir ans Licht? Persönliche Geschichten aus dem Herbst 2020.

Vielleicht sollen die alten Fotos angeschaut werden - da auf Fotos alle freundlicher dreinschauen, als sie sich je fühlten, ist das ein ideales Projekt. Vielleicht soll man malen und singen und aus dem Plastikmüll riesige Fische basteln, die man an die Decke hängt. Vielleicht soll man Socken stopfen und täglich einen Brief mit der Hand schreiben.

Je abseitiger zum normalen Leben (iPhone, Netflix, "Minecraft", Payback-Karte), desto besser. Vielleicht soll man sich hinsetzen und auf einem Zettel versuchen, das bisherige Leben in Abschnitte einzuteilen. Plötzlich werden, wie von einem Zauberfaden gezogen, Erinnerungen hervorkommen, eine nach der anderen: "Das hast du mir nie erzählt!" Und immer nur das Gute notieren, das Schlechte weglassen. Wenn es nicht gleich klappt, noch einmal das Fenster öffnen. Es wird sich viel Schönes ergeben, wenn man sich bemüht.

Ja, es kommen dunkle Wochen. Aber gegen das Dunkel haben wir Menschen früher Fackeln gehabt, heute haben wir Taschenlampen. Damit kann man nur einen kleinen Ausschnitt vom Ganzen beleuchten, diesen aber besonders gut. Wenn es strahlend hell ist, schaut doch jeder nur auf das Größte und Grellste. Wir könnten aufhören, uns abzulenken. Es könnten die Wochen für das vermeintlich unwichtige Detail sein, für die Innenschau, die kleine Überraschung. Es könnten die Wochen der Dankbarkeit sein, dafür, dass man kein Paketbote ist, dass man nicht zehn Stunden lang Intensivpatienten umdrehen muss, dass man nicht entscheiden muss, welche Maßnahmen uns retten werden und welche nicht. Schluckt die Trillerpfeifen runter, es geht alles vorbei.

Im Frühling sehen wir uns wieder, winkend im Wald oder Park, das Lächeln so groß wie der Abstand. Die Queen hat gesagt: "Better days will return." Sie ist 94 Jahre alt, sie hat fast alles gesehen, sie muss es wissen.

Eva Menasse geboren in Wien, lebt seit zwanzig Jahren als freie Schriftstellerin und Essayistin in Berlin. Zuletzt erschienen der Erzählungsband "Tiere für Fortgeschrittene" und der Essay "Gedankenspiele über den Kompromiss".

© SZ vom 07.11.2020
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