"Es" im Kino Ein Amerika in Unordnung

Mit derselben Genauigkeit beschreibt er aber auch die Demütigungen der Kindheit und die erste Einsicht in die Fehlbarkeit der Erwachsenenwelt. Der Club der Verlierer wird mit einem namenlosen Grauen - Es - konfrontiert, das in der Kanalisation haust und die Kleinstadt heimsucht. Es tötet Kinder und nimmt unterschiedliche Gestalten an, am liebsten die des Clowns Pennywise, einer Monsterfigur mit Reißzähnen.

Pennywise verkörpert jenen Albtraum, von dem Stephen King eigentlich erzählen will: von einem Amerika in Unordnung, uramerikanischen Wahnvorstellungen, Neurosen und Vorurteilen, die die Kleinstadt Derry im Griff haben. In Derry werden Schwarze gejagt, Schwule verprügelt, Mädchen belästigt - die Welt ist auch ohne den Clown schon schlimm genug. "Es" ist in diesem Sinne weniger ein Horrorroman, also kein Buch, das Angst machen will, sondern ein Buch, das vom Angsthaben erzählt. Angst vor einer konfusen Erwachsenenwelt; Angst vor einer erwachenden Sexualität, anfangs noch unschuldig, dann fast diktatorisch; Angst vor der Last der Geschichte.

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Welchen Einfluss diese Geschichte auf eine ganze Generation hatte, lässt sich besonders gut in Hollywood beobachten, wo Filmemacher schon seit Jahren relativ ungeniert in der Erzählung und ihrem Figurenpersonal plündern. Das kaltschnäuzigste, aber auch gelungenste Beispiel dafür sind die Brüder Matt und Ross Duffer, die für Netflix die Serie "Stranger Things" machen - ein einziges "Es"-Mashup.

Die Erwachsenenwelt ist in einem desolaten Zustand

Aber auch das Original selbst weckt in Hollywood seit seinem Erscheinen Begehrlichkeiten. 1990 gab es eine zweiteilige Adaption für das amerikanische Kabelfernsehen. Der Film von Tommy Lee Wallace hatte mit Tim Curry einen furchterregenden Clown, aber leider verlor er sich in der zweiten Hälfte im Monster-Trash (Pappmaché!).

Die Romanrechte wurden dann ein paar Jahre herumgereicht, und es war bei den vielen Fans nur eine Frage der Zeit, bis "Es" wieder an die Reihe kommen würde. Besonders eifrig um eine Neuverfilmung beworben hatte sich Cary Fukunaga, der die erste Staffel der HBO-Serie "True Detective" inszeniert hat und seitdem in Hollywood als Regiegenie gilt. Er zerstritt sich aber mit dem Filmstudio Warner und warf sein Herzensprojekt ein paar Wochen vor Drehbeginn hin.

Schließlich wurde der bislang eher unbekannte Argentinier Andy Muschietti engagiert, der zwar erst einen Spielfilm gedreht hat - den Horrorfilm "Mama" -, sich aber trotzdem als genau die richtige Wahl für diesen Stoff erweist. Muschietti beschloss, nur die erste Hälfte des Romans zu verfilmen. Im Buch gibt es noch eine zweite Zeitebene, in der die Kinder längst zu jenen Erwachsenen geworden sind, die sie nie hatten werden wollen und die nun in ihre Kleinstadt zurückkehren. Diese Episode soll in einem zweiten Teil, der für 2019 angekündigt ist, verhandelt werden. Jetzt, im ersten Film, wollte er sich ganz auf die Coming-of-Age-Geschichte und das amerikakritische Weltbild der Vorlage konzentrieren.

Dafür hat er die Handlung von den Fünfzigern in die späten Achtzigerjahre verlegt, um sie sanft zu modernisieren, aber trotzdem noch vom digitalen Zeitalter fernzuhalten. Ansonsten bleiben er und seine Koautoren bis auf ein paar kleinere dramaturgische Verdichtungen und Auslassungen nah an Kings Vorlage. Und dies bedeutet, dass der Film weniger ein Horrorfilm mit Teenagern geworden ist als ein Teenagerdrama mit Horrorelementen.

Die Kleinstadt Derry ist in diesem Film eine Geisterstadt, sie sieht aus, als sei Donald Trump schon seit fünfzig Jahren Präsident. Die Erwachsenenwelt ist in einem desolaten Zustand der Abschottung und Ausgrenzung, die Lehrer, Eltern und Ladenverkäufer sehen aus wie die Zombieversion von Erziehungsberechtigten - die kindlichen Helden sind ganz auf sich allein gestellt.

Während das Horrorkino in den letzten Jahren oft ins Pornografische gekippt ist, mit blutigen Folterexzessen in Nahaufnahme, setzt Muschietti mehr auf eine gruselige Gesamtstimmung wie kurz vor der Apokalypse, ein permanentes Unwohlsein, wie es Stanley Kubrick in seiner King-Verfilmung von "The Shining" vorgemacht hat. Noch wichtiger als Vorbild ist aber das Abenteurerdrama "Stand By Me" von 1986. Der Film beruht auf einer Kurzgeschichte von Stephen King, in der eine Gruppe Jugendlicher eine Leiche im Wald entdeckt und die der Autor selbst als Testlauf für "Es" bezeichnet.

Wie bei dieser Verfilmung ist das größte Kunststück von "Es" die Besetzung der Jugendlichen. Andy Muschietti hat Jungdarsteller gefunden, die genau dem Roman entsprechen und die diesen Film mit flapsigen Dialogen, wie man sie nur mit 13 austauschen kann, aber auch mit ihrer Angst und Ungläubigkeit vor den monströsen Dingen des Lebens tragen. Eine Coming-of-Age-Geschichte, in der man das Auftauchen des Clowns fast schon als Störfaktor bezeichnen kann - aber auch das entspricht ja dem Geist der Vorlage.

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